Münchener Künstlerbilder (1871) / t_1121

Michael Neher,
Architekturmaler.

Der bekannte Architekturmaler Michael Neher, zu München am 31. März 1798 ge­boren, gehört einer Familie an, in der die Kunst heimisch war. Schon sein Großvater war Maler gewesen und auch sein Vater, der von Bibrach nach München übergesie­delt war, hatte als bürgerlicher Maler daselbst seinen eigenen Heerd gegründet, nachdem er in jenen kriegbewegten Zeiten als Künstler sein Fortkommen nicht hat­te finden können. Der Sohn sollte dereinst des Vaters Geschäft übernehmen, so wollte es der gute alte Brauch, und deshalb wanderte denn unser kleiner Michael zu Mitterer, einem alten Bekannten des Vaters, in die Zeichnenstunde. Aber sein Ei­fer hätte größer sein können und so waren die Fortschritte nicht die glänzendsten. Vierzehn Jahre alt ging er dann auf die Akademie, der Joh. Langer als Director vor­stand. Doch auch da ließ er Manches zu wünschen übrig, und als er im dritten Jahre darauf die Akademie wieder verließ, um bei dem Hofmaler Mathias Klotz weiter zu lernen, war das gegenseitige Bedauern eben nicht gar zu lebhaft. Zwei Jahre spä­ter gab es an Decorationsmalereien für das neue Hof- und Nationaltheater alle Hände voll zu thun, und Angelo Quaglio, der damit betraut war, beschäftigte Ne­her im decorativen und architektonischen Fache, wobei der junge Mann seinen Un­terricht bei Klotz fortsetzte und Porträts malte. Bald darauf zerstörte ein großer Brand das Haus sammt allen Decorationen und Neher zog nun, 19 Jahre alt, mit leichtem Gepäck über den Brenner, um in Welschland sein Glück als Porträtmaler zu suchen. Drei Jahre lang saß er in Trient, Mailand und Triest. Aus dem faulen Jun­gen war ein strebsamer, junger Mann geworden, dessen Arbeiten geschätzt und gesucht wurden. Was war das für ein Jubel, als der Vater schrieb, er wolle die Kos­ten eines Aufenthalts in Rom und Neapel bestreiten. In Rom lebte damals der treff­liche Heinrich Heß; an ihn ward Neher gewiesen, und jener nahm sich seiner wa­cker an. Freilich war Heß mit den Leistungen Neher’s nicht immer zufrieden und sagte ihm dies auch in seiner kurzen, kräftigen Weise. Als Porträtmaler hatte Neher auch nicht gar zu viel im ewigen Rom zu suchen, und Heß führte ihn deshalb zum Genre. Neher konnte der Versuchung, auch Neapel zu sehen, um so weniger wider­stehen, als er an Personen empfohlen war, die dem dortigen Hofe nahe standen, doch war sein Aufenthalt nur von kurzer Dauer, und so saß er denn bald wieder in seinem Studium zu Rom vor Genrebildern. Da meinte eines Tages Heß, das Mauer­werk, das Neher da male, tauge unendlich mehr, als die Figuren davor, und es wäre wohl am besten, wenn diese jenem untergeordnet würden. Sein scharfer Blick hat­te Neher’s Begabung erkannt, nicht so aber konnte sich dieser davon überzeugen, daß er dem Genre zu entsagen habe. Er glaubte genug zu thun, wenn er die Ver­hältnisse seiner Figuren mehr und mehr verkleinerte und dafür der architektoni­schen Umgebung eine größere Bedeutung einräumte.

Nach einem dreijährigen Aufenthalte in Rom kehrte er dann wieder nach München zurück und erhielt die eben erledigte Stelle eines Conservators des dortigen Kunst­vereins, die er Jahre lang unentgeltlich bekleidete. Das war aber keineswegs eine Sinecure. So mußte beispielsweise jede Woche dem Könige eine Uebersicht der ausgestellten Kunstwerke überreicht und diese wegen Zuganges neuer oft mehr­mals in der Woche abgeändert werden. Es handelte sich nicht um einfache Ver­zeichnisse, sondern förmliche Risse der Wände mit den Bildern und deren Bezeich­nung, Alles sauber gezeichnet und geschrieben.

Daneben malte Neher immer noch Genre, aber seine Figuren waren inzwischen kleiner und kleiner geworden, so daß es schließlich nur eines letzten, gleichfalls von Heß gegebenen Anstoßes bedurfte, um die Architektur zur Hauptsache zu ma­chen.

Um die Zeit, 1832, ließ der Kronprinz Maximilian von Bayern die in Trümmern lie­gende Burg Hohenschwangau an der Grenze der bayerischen und schwäbischen Berge wieder aufbauen, und bald trieb ein Völkchen von Künstlern aus aller Herren Länder sein Wesen auf dem sonst so stillen Burgfelsen. Auch Neher war unter den­selben. Zunächst freilich nur im decorativen Elemente beschäftigt, aber wie überall anstellig, sorgsam und seinen Platz mit Ehren ausfüllend. Das zog denn auch bald die Aufmerksamkeit des hohen Burgherrn auf ihn: er ward beauftragt, große Wand­gemälde nach v. Schwind’s, Gasser’s und Schwanthaler’s Entwürfen auszuführen, was um so verdienstlicher war, als manche derselben in ziemlich kleinen Verhältnis­sen gehalten waren.

Im Frühlinge des Jahres 1837 hatte Neher seine Arbeiten in Hohenschwangau be­endet und kehrte wieder nach München zurück.

Nun erst wendete er sich mit voller Entschiedenheit der Architekturmalerei zu und bald hatte sein Name weit über München hinaus, im In- wie Auslande, einen guten Klang. Auf einer im Jahre 1855 rheinabwärts und nach Belgien unternommenen Reise, von welcher er durch Norddeutschland über Berlin und Dresden nach Hause zurückkehrte, sammelte er sich einen reichen Schatz von Studien und Motiven, wel­che er seither in vielgesuchten Bildern verwerthet.

Es ist vorwiegend das Element des altdeutschen behaglichen Städtelebens, in des­sen Darstellung sich Neher mit ebenso viel Geschick als Glück bewegt. Kein andrer Künstler weiß uns so in die Gassen und auf die Plätze alter Reichsstädte zu verset­zen, wie er, keiner führt uns die Pracht alter Dome, wie die Anmuth zierlicher Ka­pellen mit solcher Wahrheit und mit so feinem Verständniß des Einzelnen wie des Ganzen vor die Seele. Seine Bilder sind mehr als Darstellungen von Gebäuden, sie sind getreue Abbilder echt germanischen Lebens, wie es in Domen und Palästen, in Gassen und Gäßchen sich bewegte.

In wunderbarer Harmonie damit stehen seine zierlich gezeichneten Staffagen, mag er sie aus dem Treiben der Gegenwart oder aus längst verklungenen Zeiten neh­men. Man hört den lustigen Taktschlag, in dem die Schlägel der Küfergesellen die Faßdauben bearbeiten, vernimmt das Gewühl des Jahrmarkts, dessen Buden auf dem großen Platze vor der Kirche lange Reihen bilden, und stille heimliche Gäß­chen mit hohen Giebelhäusern sprechen uns noch behaglicher an, sehen wir mo­derne elegante Damen mit malerischem Federhute und wallenden Kleidern darin wandeln.

Neher’s Zeichnung ist von einer Gewissenhaftigkeit, wie wir einer solchen nur sel­ten begegnen. Er begnügt sich nicht damit, den Schein zu geben; was er giebt ist unumstößliche Wahrheit. Man muß seine Entwürfe sehen, welche die architektoni­sche Construction der Gebäude zeigen, um zu begreifen, wie es kommt, daß man vor seinen Bildern nie auch das leiseste Bedenken fühlt. Ebenso gewissenhaft ist seine Ausführung, so zierlich sein Vortrag, so fein und klar seine Farbe, und alles dies in harmonischem Vereine macht Neher, den bescheidenen, anspruchslosen Künstler, nicht blos zum Lieblinge aller Kunstfreunde, sondern auch zu einem der Ersten seines Faches.

Seine Bilder erfreuen sich einer außerordentlichen Verbreitung, wir begegnen ih­nen in der Neuen Pinakothek des Königs Ludwig, wie in den hervorragenden Sammlungen Londons, Wiens und Berlins, zu deren schönsten Zierden sie gerei­chen.

Der König Maximilian II. von Bayern zeichnete ihn durch Verleihung des Verdienst­ordens vom heiligen Michael aus.

Carl Albert Regnet: Münchener Künstlerbilder. Zweiter Band. Leipzig, 1871.


05-01-19 (Neher)