Münchener Künstlerbilder (1871) / t_1006

Julius Lange,
Landschaftsmaler.

Julius Ludwig Christian Lange ist der Bruder des Architekten Ludwig Lange, dem der folgende Abschnitt dieses Buches gewidmet ist, und ward am 17. August 1817 in Darmstadt geboren. Seine Jugendzeit erscheint nicht durch hervorragende Um­stände charakterisirt und ist hier nur festzustellen, daß sich die ausgesprochene Neigung zum Zeichnen schon während des Schulbesuches in dem Knaben kund gab, wozu sein vielfaches Herumstreifen in den herrlichen Laubwäldern, welche sei­ne Vaterstadt umgeben, sowie öfter wiederkehrende Ausflüge auf die nahe Berg­straße und den Odenwald namhaft beitragen mochten.

Der Vater nahm um so weniger Anstand den Knaben ganz in den Dienst der Kunst einzuführen, als diese in der Familie bereits heimisch war, da sein älterer Bruder, Ludwig Lange, selbst ausübender Künstler war und sein zweiter Bruder, Gustav Lange, um jene Zeit an der Spitze einer im schönsten Aufblühen befindlichen Kunsthandlung stand.

In seinem fünfzehnten Jahre hatte Julius bereits eine solche Gewandtheit im Auf­nehmen landschaftlicher Momente nach der Natur sich angeeignet, daß ihn sein Bruder Gustav mit Aufträgen für ein größeres Werk betrauen konnte, das in seinem Verlage erschien und eine Sammlung von Ansichten der schönsten Gegenden Deutschlands in Stahl- und Kupferstichen bildete. Es war Heidelberg mit seiner ro­mantischen Umgebung der erste landschaftliche Vorwurf, mit welchem der jugend­liche Künstler vor das größere Publicum trat.

In jenen Tagen blühte die landschaftliche Kunst an der Akademie zu Düsseldorf un­ter des Directors J. W. Schirmer trefflichster Leitung. Um ihn hatte sich eine Anzahl junger, mitunter sehr bedeutender Talente geschaart und auch Julius Lange wende­te sich dorthin und entwickelte in kurzer Frist eine überraschende Selbständigkeit.

Nach einem mehrjährigen Aufenthalte in Düsseldorf folgte Julius Lange dem Zuge, welcher auch aus Düsseldorf eine Anzahl von Künstlern in die neue Kunststadt München führte. Im naheliegenden bayerischen Hochgebirge eröffnete sich ihm eine neue Welt und dasselbe bildete auf viele Jahre hinaus seinen Landschaftsstu­dien eine ebenso mannigfaltige als unerschöpfliche Fundgrube; aus den Bergen schöpfte er mit jenem rastlosen Eifer und Fleiße, der schon damals Julius Lange charakterisirte, das reiche Material, das wir in seinen Arbeiten verwerthet finden, und schon damals zählte er zu den Lieblingen des Münchener kunstsinnigen Publi­cums.

Im Jahre 1860 gründete Lange durch Verehlichung mit der Regierungsdirectors­tochter Emilie Bettinger von Speyer seinen eigenen Herd, während er bis dahin ei­nes der regsamsten Mitglieder der Künstlergesellschaft Neuengland gewesen, wel­cher seine gesellschaftlichen Talente gar oft trefflich zu Statten gekommen waren.

Schon einige Jahre vorher war ein in Sachen der Kunst wohlvertrauter Edelmann, Herr Franke aus Verona, durch ein Waldbild unseres Künstlers auf diesen aufmerk­sam geworden, welches der Kunstverein in Triest zur Verloosung angekauft und die Gräfin Marie von Wimpffen, geborene Baronin Eskeles, gewonnen und ihrer bedeu­tenden Galerie in Venedig einverleibt hatte. Dieses Bild wurde so zu sagen zum Saatkorn, aus welchem die erfreulichsten und lebhaftesten Beziehungen Julius Lan­ge’s zu Italien entkeimten und kräftig gediehen.

In Bälde liefen mehrfache Bestellungen bei Julius Lange ein und erfreute sich sein Name in den oberitalienischen Städten eines trefflichen Klanges. Auch die Akade­mien der bildenden Künste zu Venedig und Mailand traten mit dem Künstler in Ver­kehr, und zwar indem die erste ihn mit der Anfertigung von Skizzen zum Behufe des Studiums der Landschaftsmalerei beauftragte und gleich darauf der Präsident Graf Nova ihn ersuchte, für die Mailänder Akademie zwei größere Bilder zu malen. Beiden Aufträgen entsprach Julius Lange zu solcher Zufriedenheit der Besteller, daß ihm die ehrenvolle Auszeichnung zu Theil ward, unter die Mitglieder der bei­den obengenannten Akademien aufgenommen zu werden.

Solche Erfolge mußten den Künstler nothwendig anregen und ermuthigen und so entschloß er sich, nicht ohne einen harten Kampf, denn seine Stellung in der Mün­chener Kunstwelt ließ nach keiner Richtung etwas zu wünschen übrig, für einige Zeit seinen Aufenthalt in Italien zu nehmen.

In Verona, Venedig und Mailand fand Julius Lange die freundlichste und zuvorkom­mendste Aufnahme, und nachdem er sich in Mailand niedergelassen, ward er so­wohl von dem dortigen kunstsinnigen Adel als auch von den daselbst wohnenden Deutschen und Schweizern mit so zahlreichen Aufträgen betraut, daß er trotz sei­ner Leichtigkeit im Schaffen kaum im Stande war, denselben gerecht zu werden.

Auch an persönlichen Verbindungen der erfreulichsten Art fehlte es nicht, und wur­de der Künstler namentlich dem edlen Marchese Antonio Busen, in welchem er ei­nen liebenswürdigen Gönner gefunden, zum lebhaftesten Dank verpflichtet.

In jener Zeit ward die Stelle eines Professors der Landschaftsmalerei an der Akade­mie der bildenden Künste zu Mailand erledigt und durfte Julius Lange mit Recht annehmen, daß man bei Besetzung dieser Stelle zunächst ihn in’s Auge fassen wer­de. Und er täuschte sich darin auch nicht soweit dabei Mailänder Persönlichkeiten in Frage kamen, denn der dortige akademische Senat schlug ihn auf Grund seiner glänzenden Zeugnisse fast einstimmig an erster Stelle für diesen Posten vor. Gleichwohl ward derselbe Albert Zimmermann verliehen, der von Wien aus warm befürwortet worden war, den aber der akademische Senat erst an zweiter Stelle vorgeschlagen hatte.

Trotz dieser Zurücksetzung blieb Julius Lange noch den darauf folgenden Winter und Frühling in Mailand und erfreute das dortige Publicum nach wie vor durch eine Reihe trefflicher Bilder, zu denen er die Motive von den reizenden Gestaden des Garda-, Comer- und Langensees geholt hatte. Im Herbste 1857 stellte er eine An­zahl derselben in der Brera aus, welche die Aufmerksamkeit des kaiserlichen Statt­halters, Erzherzog Ferdinand Max und seiner jungen Gemahlin Carlotta auf sich zog.

Die Erzherzogin verband mit allseitiger Bildung namentlich auch eine schöne Bega­bung für Kunst und wünschte weitere Ausbildung derselben. Der Beifall, welchen das fürstliche Paar den Arbeiten Julius Lange’s gewidmet hatte, lenkte die Wahl ei­nes Lehrers in der Landschaftsmalerei auf unsern Künstler. Derselbe, darüber hoch erfreut, stellte sich der Erzherzogin alsbald zur Verfügung und war freudig über­rascht bei der hohen Frau einem ungewöhnlichen Talente zu begegnen, das schon damals Namhaftes geleistet hatte. Es konnte ihm nur ein außergewöhnlicher Ge­nuß sein, eine so reiche Begabung und einen so feinen Sinn weiter zu entwickeln. In dieser Stellung, welche ihn in vielfache Beziehungen zum erzherzoglichen Hofe brachte, verblieb er bis zum Sommer 1858 und die Erinnerung an seinen Verkehr mit dem jungen kaiserlichen Paare, dessen unglückseliges Schicksal damals noch niemand ahnen konnte, gehört mit Recht zu dem Interessantesten, was das reich­belebte Künstlerleben ihm bot.

Um diese Zeit ereignete sich in seiner Familie ein Todesfall, der ihn veranlaßte in der Heimat einen Besuch abzustatten, und er war später nicht ohne Grund geneigt, darin einen wohlwollenden Fingerzeig des Schicksals zu sehen.

Nach kurzem Aufenthalt in München nemlich ging er studienhalber in’s Gebirg und nahm seinen Aufenthalt auf der Insel Bartholomä im Königssee, woselbst er durch einen Besuch des Königs Maximilian II. überrascht wurde. Nach Besichtigung der eben zur Hand liegenden Skizzen betraute ihn der kunstsinnige Fürst mit so zahlrei­chen Aufträgen, daß sich Julius Lange veranlaßt sah, seine in Malland noch beste­henden Verbindlichkeiten ganz zu lösen und seinen ständigen Wohnsitz wieder in München zu nehmen. Inzwischen waren am politischen Horizont Oberitaliens im­mer dunklere Wolken heraufgezogen und als Lange im Winter 1858 seine Rückkehr in die alte Heimat bewerkstelligte, begann bereits ein drohendes Wetterleuchten, das im nächsten Sommer zum Gewitter ward. Was dem Künstler vorerst als ein Mißgeschick erschienen war, nemlich daß ihm die Stelle eines Professors an der Kunstakademie in Mailand nicht verliehen worden, durfte er jetzt fast als Glück be­trachten, da es ihn von dem blutigen Kriegsschauplätze rechtzeitig entfernte.

Von nun an verblieb Julius Lange, kürzere oder längere Reisen zu seiner Ausbildung abgerechnet, in seiner zweiten Heimat München, in stetigem fortschreitendem Wir­ken begriffen und durfte sich der Gunst sowohl der beiden Könige Maximilian II. und Ludwig I., sowie der Königin Maria als auch des Publicums im Allgemeinen in hohem Grade erfreuen.

Aus dieser Zeit stammt auch ein Gedanke, dessen Ausführung zwar nicht zu Stande kam, der aber doch original genug war, um hier erwähnt zu werden. König Max hatte eben unternommen seine Residenz durch die Maximiliansstraße zu verschö­nern, und es tauchte die Frage auf, ob nicht das am östlichen Ende des Forums be­findliche Rondell architektonisch abzuschließen sei. Julius Lange, an welchen diese Frage ebenfalls herantrat, war der Ansicht, es könnte dies am besten durch einen im Styl des Ganzen gehaltenen Arkadenbau geschehen, dessen Innenseiten mit ei­ner Reihe von Ansichten bayerischer Städte und Gegenden geschmückt würde. Be­denkt man, daß dieser selbe Platz nach dem Tode des Königs Maximilian II. ge­wählt wurde das große Nationaldenkmal dieses geliebten Fürsten aufzunehmen, so wird man zugeben müssen, daß der Gedanke unseres Künstlers hierdurch eine noch tiefere Bedeutung gewonnen hätte.

Im Jahre 1865 wurde Julius Lange durch den Ankauf größerer Bilder seitens des Königs Ludwig I. für dessen Neue Pinakothek beehrt, deren eines den Dachstein bei Tagesbeleuchtung, das zweite im Abendlichte darstellt.

Im Herbste desselben Jahres wurde ihm die Auszeichnung zu Theil, daß der greise Fürst Professor Halbig zur Anfertigung seiner Büste für die bekannte Sammlung in der Neuen Pinakothek beauftragte. Ueberhaupt durfte er sich der besonderen Zu­neigung und Gewogenheit dieses hohen Beschützers der Künste in hohem Grade erfreuen. Derselbe besuchte Lange sehr häufig ohne vorgängige Anmeldung in sei­ner Werkstätte, um von seinen neuesten Arbeiten Einsicht zu nehmen und des­sen Streben und Schaffen eingehend zu besprechen. Vor seiner letzten Abreise nach Nizza erschien der König noch einmal in Lange’s Atelier, um ihm in seiner herzgewinnenden Weise Lebewohl zu sagen.

Auch nach dem Ableben dieser beiden Fürsten setzte sich das Interesse für Lange’s Werke sowohl beim Könige Ludwig II. als bei der Königin Mutter in erfreulichster Weise fort und Ludwig II. verlieh diesem Wohlwollen besonderen gnädigen Aus­druck dadurch, daß er denselben im Juni 1867 zum königlich bayerischen Hofmaler ernannte und wiederholt mit Aufträgen beehrte.

Die Arbeiten Julius Lange’s erfreuen sich einer ungewöhnlich weiten Verbreitung; außer der neuen Pinakothek in München finden sich solche in der Brera zu Mailand, in den Staatssammlungen zu Darmstadt und Stuttgart, sowie in vielen Privatgaleri­en Deutschlands und Englands. In neuerer Zeit finden dieselben insbesondere nach Nordamerika ergiebigen Absatz.

Julius Lange hat mehrere Schüler gebildet, von denen Karl Millner der bekannteste ist. Dieser ungewöhnlich reich begabte Künstler folgte zwar im Allgemeinen der von Julius Lange eingeschlagenen Richtung und leistete in technischer Beziehung sehr Bedeutendes, ließ sich jedoch leider allzusehr hinreißen, dem Effecte, diesem Götzen der Gegenwart, zu huldigen.

Lange zählt entschieden zu den fruchtbarsten Künstlern der Gegenwart, er produ­cirt mit einer staunenswerthen Raschheit, läßt sich aber nirgends durch diese unge­wöhnliche Befähigung dazu verführen, die Sache leicht zu nehmen. Seine Bilder sprechen immer zum Gemüthe, ohne damit zu kokettiren, und wenn er mit den Mitteln der Technik, welche ihm in reichem Maße zu Gebote stehen, im Allgemei­nen haushälterischer ist als Manche wünschen mögen, so läßt sich doch gegen sei­ne Anschauung nichts einwenden, daß alle Mode nur etwas Vorübergehendes ist und nur das wahrhaft Schöne Bestand hat. Es war noch in den vierziger Jahren, als ihm halb im Scherz halb im Ernst der Vorwurf der Einseitigkeit in der Wahl seiner Motive gemacht wurde, da er ausschließend Partien aus dem bayerischen Hochlan­de male. Damals entgegnete er diesem Vorwurfe nicht durch Worte, sondern durch ein Bild, das denselben in schlagendster Weise widerlegte; es hatte die Haide zwi­schen München und Nymphenburg im Lichte der untergehenden Sonne zum Ge­genstände. Kein Hügel, kein Strauch, der Horizont wagerecht abgeschlossen und doch welche wunderbare Wirkung! Das Bild kam kurz nach seiner Vollendung nach Rio Janeiro und blieb leider das einzige in seiner Art. Später holte sich Julius Lange seine Motive außer aus den Gegenden des bayerischen Hochgebirges vielfach auch aus der nächsten Umgebung Münchens, und seine Reisen durch die Schweiz und an die oberitalienischen Seen ließen ihn seine Portefeuilles mit mancher werth­vollen Skizze bereichern.

Julius Lange’s ganzes Streben ist der Wirkung durch Licht und Farbe mehr zuge­wendet als der durch die Form, wenn er auch diese nicht so hintenan setzt wie Vie­le, welche der neueren aus Frankreich herübergekommenen Richtung huldigen und dabei der Mahnung vergessen, welche der Filosof Kleobulos in den Worten nieder­legte, daß Maß halten gut sei. In den letzteren Jahren betont er übrigens die An­ordnung der Linien entschieden mehr als früher und es ließe sich gar manches sei­ner Bilder bezeichnen, welche mit der Radirnadel oder der Kreide übersetzt, nichts an Wirksamkeit verlieren. Im Allgemeinen liegt dem Künstler das Anmuthige näher als das Gewaltige, das Liebliche näher als das Ernste, und so kommt es auch, daß sich seine Arbeiten der Gunst der Frauen in hervorragendem Maße erfreuen dür­fen. In einzelnen Fällen jedoch bewegte er sich mit demselben Glücke auch in der Darstellung einsamer, düsterer Wald- und Felsenpartien und behandelt mit dersel­ben Sicherheit die dunklen Massen über die Berge hinziehender Regenwolken wie das letzte Leuchten der Sonne auf den weich, geschwungenen Höhen am Ufer des Comersees. Eine ungewöhnliche Gewandtheit besitzt Julius Lange im Zeichnen mit der Kohle. Es existirt von seiner Hand eine Reihenfolge höchst werthvoller land­schaftlicher Kohlezeichnungen, welche in Folge der Anwendung einer dem Künstler eigenthümlichen Technik in überraschender Weise vollkommen die Wirkung in Far­be ausgeführter Bilder machen, und eine Klarheit und ein Lüstre sowie eine Be­stimmtheit der Farbe zeigen, wie sie bisher mit diesem Material kein anderer Künstler erreichte und Kupferstich und Lithografie nur in den seltensten Fällen er­reichen.

Julius Lange betheiligte sich auch an der Herausgabe des Werkes »Die große deut­sche Landschaftsschule«, welche im Jahre 1860 in Fotografien von Markwort (Darmstadt, Verlag von Karl Köhler jun.) erschien und Originalstudien von Lange, Prof. C. F. Lessing in Carlsruhe, Christian Morgenstern in München, Prof. J. W. Schirmer in Carlsruhe, Karl Schweich in Düsseldorf und Prof. Seeger in Darmstadt enthalten.

Carl Albert Regnet: Münchener Künstlerbilder. Ein Beitrag zur Geschichte der Münchener Kunst­schule in Biographien und Charakteristiken von Carl Albert Regnet. Zweiter Band. Leipzig, 1871.


32-04-04 (Lange)