Münchener Bote für Stadt und Land (8.6.1865) / t_512

Hauptstadt-Neuigkeiten.

München, 7. Juni.

Wie wir vernehmen, wird demnächst die Versteigerung des künstlerischen Nachlas­ses des leider zu früh dahingeschiedenen Historienmalers Adolf Baumann stattha­ben. Alle Kunstfreunde machen wir auf die schönen Arbeiten aufmerksam, die un­ser Künstler als Früchte seines Fleißes und entschiedenen Talentes aus dem kunst­geweihten Italien mit in die Heimath gebracht hatte. Wir finden hier nicht allein eine Anzahl von Costüm- und Aktstudien, sondern auch äußerst werthvolle Copien nach Gemälden Titians, Paul Veronese u. A., die Baumann am Orte der Originale in tiefster Empfindung nachbildete, und die nach dem Ausspruche aller Kunstkenner in überraschender Weise den Geist dieser berühmten Meister wiedergeben. Bau­mann’s eigene Compositionen im historischen Fache sind zu bekannt, um sie hier eingehender zu besprechen; sie zeichnen sich alle in gleicher Weise durch tiefge­fühlte religiöse Empfindung aus und finden wir solche in seinem Nachlasse vielfach als Handzeichnungen und Farbenscizzen. Von vorzüglicher Wirkung aber sind zwei leider nicht mehr vollendete Compositionen »die trauernden Frauen am Grabe des Herrn« und »die Auffindung des Moses«; letztere ist als der Schwanengesang unse­res vielversprechenden Künstlers zu betrachten; wir können nicht umhin, die vielen Freunde Baumann’s auf diese Versteigerung aufmerksam zu machen; sie bietet Ge­legenheit ein Gedenkblatt aus dem Leben eines in jeder Weise vorzüglichen Künst­lers sich zu erwerben.

Münchener Bote für Stadt und Land No. 136. München. Donnerstag, 8. Juni 1865.


15-03-55 (Baumann)