Männer der Zeit (1860) / t_1354

Friedrich Wilhelm Thiersch.

Dieser weise Nestor unserer Philologen und Schulmänner, der vor kurzem in Mün­chen unter großer Theilnahme der Gebildeten sein fünfzigjähriges Doctorjubiläum feierte, ist am 17. Juni 1784 zu Kirchscheidungen bei Freiburg an der Unstrut gebo­ren. Er gehört, wie fast alle unsere Alterthumskenner und philologischen Gelehr­ten, dem deutschen Norden an. Nachdem er sich in Naumburg und auf der Fürs­tenschule zu Pforta für die Universität vorbereitet, begann er Theologie und Philo­logie in Leipzig zu studieren, von wo er sich 1807 nach Göttingen wandte. Im fol­genden Jahre habilitirte er sich mit einer lateinischen Abhandlung über Platons Gastmahl an der altberühmten Georgia Augusta und erhielt zugleich eine Lehrer­stelle am Gymnasium, ward aber bereits 1809 als Professor an die neuerrichtete hohe Schule nach München berufen, wo er sehr bald ein philologisches Seminar be­gründete, das 1812 mit der Akademie vereinigt wurde, und die bekannten Acta philologorum Monacensium (3 Bde., 1811-26) herausgab. Mit Friedr. Heinr. Jacobi, der damals auch nach Bayern übersiedelte, war Thiersch Einer der ersten nach München berufenen Norddeutschen, und hatte, auf königlichen Befehl zu wichti­gen Aemtern gelangt, als Protestant und deutscher »Ausländer« sehr viel zu leiden von der Mißgunst, mit welcher zu jener Zeit noch die ultramontane Partei nicht minder wie das bigotte Volk die Fremdlinge betrachtete. In Bezug auf Thiersch ver­stiegen sich die Anfeindungen des Pöbels bis auf heimliche Messerstiche im Dun­keln auf der Gasse. Während der von Christoph von Aretin ausgehenden Streitig­keiten hatte Thiersch besonders durch seine Schrift »über den angenommenen Un­terschied zwischen Nord- und Süddeutsch-land« (München 1810) viel böses Blut er­regt. Seitdem sind wohl die Stimmungen friedfertiger geworden; auch haben pro­testantische Franken, jetzt mit Minister v. d. Pfordten, im Regiment Fuß gefaßt, während nach einander zwei protestantische Königinnen, Therese und Marie, Jene König Ludwigs Gemahlin aus Hildburghausen, Diese die dem Hohenzollernschen Geschlechte ungehörige Gemahlin von König Max II., sich die Liebe der Bayern zu erringen wußten. Beide Nachfolger des alten Maximilian Joseph, der Sohn und der Enkel, gewöhnten wie ihr Vorfahr das Volk principiell und fortgesetzt, wenn auch mit Unterbrechungen, wie Donniges’ und Dingelstedts Entlassungen neuerdings bewiesen, an die Berufungen ausgezeichneter Männer Norddeutschlands. Und so ist im Laufe der Zeit die Stimmung gegen Thiersch zu München in ihr Gegentheil umgeschlagen; man erkennt die Verdienste, die er sich um das Land erworben, all­gemein dankbar an, und bei seinem Jubiläum beeilten sich alle Classen der Be­völkerung, ihm Zeichen der Hochachtung darzubringen. Daß fürstliche Huldbewei­se und akademische Ehren nicht fehlten, versteht sich von selbst.

An dem deutschen Befreiungskampfe von 1813 nahm Thiersch soweit es die Ver­hältnisse gestatteten, mit Wort und Schrift regen Antheil; noch regere Sympathien fast weckte in ihm später der Freiheitskampf Griechenlands, und er verfehlte nicht, sich selbst an Ort und Stelle zu begeben und mit allen Kräften dahin zu wirken, daß Griechenland und Deutschland sich immer mehr nähern und in ihren politischen, wie geistigen Interessen Zusammenhalten sollten. Das Werk: »De l’ètat actuel de la Gréce et des moyens d’arriver à sa restauration« (2 Bde., Leipzig 1833) giebt Auf­schluß über seine Bestrebungen.

Als ausgezeichneter Philolog hatte sich Thiersch schon vorher durch seine »griechi­sche Grammatik, vorzüglich des Homerischen Dialekts« (Leipzig, 1826) und seine Bearbeitung des Pindar (2 Bde., Leipzig 1820) ausgewiesen. Die Schrift »über die Epochen der bildenden Kunst bei den Griechen« (2. Aufl., München 1829) hat das Verdienst, die für das Studium der Antike im höchsten Grade wichtige Frage nach der Chronologie der hellenischen Künstler und Kunstwerke fast zuerst mit in Anre­gung gebracht zu haben, wenn auch die von Thiersch gewonnenen Resultate durch die neueren Untersuchungen Welckers, Jahns, Brunns, Overbecks u. A. vielfach er­schüttert worden sind.

Gleichfalls, wenigstens zum Theil, archäologischen Inhalts sind die im Verein mit Schorn, Gerhard und Klenze herausgegebenen »Reisen in Italien« (Bd. 1, Leipzig 1826); Thiersch selbst war 1822 in Italien gewesen. Einflußreicher aber, als alle sei­ne früheren Werke, wurden die Schriften »über gelehrte Schulen, mit besonderer Rücksicht auf Bayern« (3 Bde., Stuttg. u. Tüb. 1820-37 und »über die neusten An­griffe auf die Universitäten« (Stuttg. u. Tüb. 1837), insofern Thiersch 1829 den Auf­trag zur Entwerfung eines Schulplanes für die bayerischen Gymnasien erhielt und darin das in jenen Werken verfochtene Princip des Festhaltens an den klassischen Studien zur That werden ließ. Und wenn schon die letztgenannten zwei Schriften manche Stimmen gegen sich gehabt hatten, so war der Streit, der sich an das Werk »über den gegenwärtigen Zustand des öffentlichen Unterrichts in den westlichen Staaten Deutschlands, in Holland, Frankreich und Belgien« (3 Bde., Stuttg. u. Tüb. 1838) anschloß, ein noch heftigerer und allgemeinerer. Der Freimuth und die Ent­schiedenheit des Verfassers konnte natürlich nicht ohne Angriffe von der andern Seite bleiben.

Die Verdienste des alten Thiersch sind dreifacher Art. Zuerst hat er durch seine ge­lehrten Untersuchungen über die antiken Dichter und Künstler der Alterthumswissenschaft im Ganzen beträchtlichen Vorschub geleistet, sodann hat er zu der geisti­gen Wiedergeburt Griechenlands sehr viel beigetragen, und drittens sind vor Allem durch seine Bemühungen die Zustände auf den hohen Schulen in Bayern wesentlich verbessert worden, ja er ist es eigentlich, den man den Begründer der philologi­schen Studien in Bayern nennen kann. Endlich war es auch Thiersch, der bei Gele­genheit des Göttinger Universitätsjubiläums zu den seither regelmäßig abgehaltenen Versammlungen deutscher Philologen und Schulmänner den ersten Anlaß gab und die in den nächsten Jahren zu Mannheim, Gotha, Cassel, Erlangen und Dres­den stattgefundenen durch seine anregende Persönlichkeit zu beleben verstand.

Männer der Zeit. Biographisches Lexikon der Gegenwart. Leipzig, 1860.


41-01-16/17 (Hacker & Podlech & Thiersch)