Ludwig Augustus, König von Bayern und das Zeitalter der Wiedergeburt der Künste (1869) / t_1489

Welcher Einheimische oder Fremdling, zumal Künstler, besuchte in München nicht das Gasthaus »zum grünen Baum« draußen an der Isar? Als die berühmte Schau­spielerin Cramer zum Benefiz ihrer fünfzigjährigen Bühnenthätigkeit noch zuletzt als Oberförsterin in den Jägern von Iffland aufgetreten war, gaben ihr die Kollegen dort ein kleines Fest, bei welchem der König die Gesellschaft überraschte. Da die Heldin des Tages von ihm abgewandt saß, hielt Er zum Scherz ihr rasch die Augen zu und fragte mit seiner etwas stotternden Stimme: »Wer ist das?« »Ach, das sind Sie wieder, Lang,« rief die greise Künstlerin, »Sie kopiren den König prächtig.« »So,« rief Ludwig erstaunt, »er kopirt mich? Das möchte ich auch einmal hören. Vorwärts, Lang, kopiren Sie mich.« Der Komiker erschrak und sträubte sich, aber der Monarch bestand darauf: »Ich wünsche es und Ihr König befiehlt es.« Lang setzte sich an ein Seitentischchen und rief unter der angenommenen Manier Sr. Majestät: »Kabinetsrath Riedl soll heraufkommen!« Majestät wünschen? fuhr der Künstler im näselnden Tone des Gerufenen fort. »Ah, Bravo! ausgezeichnet!« ap­plaudirte der anwesende König, »er kopirt meinen Riedl so gut, wie mich, und ist ein vorzüglicher Menschendarsteller, mit Iffland zu reden.« Aber der Komiker fuhr fort: »Riedl, schicken Sie morgen dem Schauspieler Lang aus meiner Kabinetskasse zweihundert Gulden« »Hören Sie auf, Spitzbube,« rief der König lachend, »brau­chen mich nicht weiter zu kopiren, doch dießmal sollen Sie für Ihre Gastrolle das Honorar erhalten.«

Dr. Johann Nepomuk Sepp: Ludwig Augustus, König von Bayern und das Zeitalter der Wiederge­burt der Künste. Schaffhausen, 1869.


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