Leipziger Zeitung (24.2.1859) / t_607

München, Mitte Febr. Je seltener bis jetzt unter den Neugriechen künstlerische Ta­lente von Bedeutung aufgetreten sind, desto mehr möchte es Pflicht sein, eines Künstlers dieser im Ganzen so reichbegabten Nation zu erwähnen, der in der Kunstgeschichte des jungen Königreichs als Epoche machend betrachtet werden darf. Hellas hat Dichter, deren Ruf die Grenzen ihrer Heimath weit überschritten hat, wie z. B. Rhigas, Soutzos, Bernadakis, Maler aber und Bildhauer suchte man bis jetzt vergeblich am Ilissus und Eurotas. Allerdings lebt der Maler, von welchem wir hier reden wollen, auch nicht in Griechenland, aber er ist ein geborener Grieche und seinem Vaterlande mit Leib und Seele zugethan.

Theodor Brysakis trat zum ersten Male auf der großen Pariser Ausstellung im Jahre 1855 mit einem großen historischen Gemälde vor die Oeffentlichkeit. Der Gegen­stand, den es darstellte, ist der Fall Missolunghi’s. Großartigkeit der Conception, feines Gefühl in der Composition und harmonische Farbe neben gediegener tech­nischer Ausführung zeichneten dieses Gemälde in sehr vortheilhafter Weise aus. Jetzt befindet es sich im Nationalmuseum zu Athen, dem es der Künstler als Dank für die Unterstützung, welche ihm die griechische Regierung durch eine Reihe von Jahren hindurch hatte zu Theil werden lassen, zum Geschenk gemacht hat.

Diesem ersten folgte rasch ein zweites Gemälde in großen Dimensionen, dem In­halte nach unmittelbar an das vorangehende anknüpfend. Nach der Erstürmung Missolunghi’s hatte sich der greise Christo Kapsalis mit allen, welche sich der aus­fallenden Schaar des Noti Bozzaris nicht angeschlossen hatten, Frauen, Kinder und Greise, ins Arsenal geflüchtet, wo noch ansehnliche Pulvervorräthe aufgehäuft la­gen. Die plündernden Türken gelangten endlich auch zu diesem Gebäude, und im Momente ihres Eindringens sprengte sich Kapsalis mit allen seinen Landsleuten in die Luft. Allein mit ihnen wurden bei dieser Gelegenheit auch 2000 Türken das Op­fer dieser heroischen That. Brysakis hat in seinem Gemälde den Moment unmittel­bar vor dem Auffliegen dargestellt. Die Griechen sind in den ausdruckvollsten Gruppen und Stellungen um Kapsalis gedrängt, der die todtbringende Fackel dem offenen Pulverfaße nähert. Im Hintergrunde dringen die Türken ein. Man kann sich vor diesem Gemälde eines tiefen Schauers nicht erwehren und dieser wächst in dem Grade, je meisterhafter Brysakis die einzelnen Gruppen und Köpfe zu halten gewußt. Auch dieses zweite größere Gemälde befindet sich in Athen.

Ein drittes ist bis vor wenigen Tagen im Atelier des Künstlers ausgestellt gewesen und jetzt gleichfalls auf dem Wege nach Athen, wo es im Hause der Familie Ypsilan­ti’s seine Stelle finden wird. Es hat den von Demetrios Ypstlanti am 25. Juni 1825 bei den Mühlen von Lerná über Ibrahim Pascha erfochtenen Sieg zum Gegenstan­de. Die Griechen, nur 227 Mann stark, haben die Weingärten vor den Mühlen be­setzt, gegen welche Ibrahim 7200 Mann und drei Geschütze zum Sturme geführt. Im Hintergrunde die bekannten Lernäischen Sümpfe, der Golf von Nauplia und jen­seits desselben Nauplia selbst; einige kleine griechische Fahrzeuge unterstützen von der See aus ihre Landsleute bei den Mühlen.

Was sämmtlichen Gemälden Brysakis’ einen mehr als vorübergehenden Reiz ver­leiht, ist die Menge von Portraits, welche er auf denselben angebracht hat. Kannte er doch die meisten Führer von Person und hatte selbst in den letzten Jahren des Befreiungskampfes in den Reihen seiner Landsleute mitgekämpft. Und diesem Kampfe ist seine ganze Kunstthätigkeit gewidmet: alle Hauptmomente desselben gedenkt er durch große Gemälde zu illustriren. So hat er jetzt schon wieder eine Skizze zu dem vierten vollendet, welches die blutige Metzelei bei Peter darstellen soll, wo bekanntlich das Corps der Philhellenen bis auf nur einige wenige Mann auf­gerieben wurde. Möge es dem patriotischen Manne vergönnt sein, den großarti­gen Plan, den er sich zur Aufgabe seines Lebens gemacht, auch durchzuführen, und bei seinen Landsleuten auch die nöthige Unterstützung zu finden.

Wissenschaftliche Beilage zur Leipziger Zeitung No. 16. Donnerstag, den 24. Februar 1859.


09-08-24 (Brysakis)