Lebenslauf eines Optimisten (1909-1911) / t_354

Und dann, im Winter, unter dem Regiment der Narrenkappe, am 19. Februar, ver­wandelte sich eine Stunde fröhlichen Lebens zu einem grauenhaften Trauerspiel der Jugend. In Kils Kolosseum hielten die Kunstakademiker ihr Faschingsfest ab, das eine heitere Reise um die Welt illustrierte. Alle wilden Völker waren da zu fide­len Sitten dressiert. Rings um den großen Saal, in dem sich viertausend vergnügte Menschen durch eine einzige Türe versammelt hatten, wimmelte es von lustig be­völkerten Wigwams, Kralen, Pfahlhäusern und Laubhütten. Richt weit von dieser einzigen Tür – im Säulengang, der den Saal umzog – hatte die Bildhauerschule des Professors Max Wiedemann eine Eskimotruppe installiert, unter den niederen Dä­chern zweier Schneehöhlen, in denen Hofbräu als Tran verschluckt und Heringe auf rußendem Ölflämmchen gebraten wurden. Es sah sehr malerisch aus: wie diese hei­teren Zottelmännchen sich im rotbraunen Zwielicht drängten, Gesicht und Hände glänzend von Fett, in dicken, täuschend aus Werg und Watte nachgemachten Eis­bärengewändern, mit »wasserdichten« Schellackringen um Hals, Handgelenke und Fußknöchel.

Gelächter und Stimmengewirr. Den überfüllten Saal durchrauscht die Fatinitzaqua­drille, Champagnerpfropfen knallen wie die Gewehrschüsse eines Vorpostenge­fechtes, der Frohsinn wird turbulente Mitternachtsstimmung, wird toller Rausch des ausgelassenen Übermutes, und im Zuge der heißgewordenen Luft bewegen sich diese schreienden Farben an den Wänden: die komischen Schildereien, die Wimpel und Fähnchen, die Festons und Girlanden, der künstliche Rosenfrühling und dieser verschwenderisch angebrachte Papierschmuck.

Aus der kleineren Eskimohütte prasselt eine fidele Lachsalve heraus. Was war denn los? Ach, nur so eine kleine Dummheit, die ein bisserl gefährlich hätt’ ausfallen kön­nen! Auf der Heringstonne, die als Tischchen diente, ist eine Talgkerze umgefallen, und das purzelnde Flämmchen streift die Ärmelzotten eines Eskimo. Ein jähes Auf­leuchten. Doch zwei junge, keck zugreifende Hände ersticken flink den aufzüngeln­den Schein. Und nun lacht man über den kleinen Schreck. Die Talgkerze wird wie­der angezündet, mit aller nötigen Vorsicht natürlich.

Aber einer unter diesen weißgrauen Zottelbären – ein junger Berliner – will die hei­tere Stimmung nicht mehr finden. »Nee« sagt er, »hier is es nich jemietlich, ick jehe!« Er tritt aus her Eskimohütte. Hinter ihm ein gellender Schrei, ein grelles Auf­lodern. Brüllend rennt eine schlanke, drei Meter hohe Flammensäule aus der Hütte heraus. Der junge Berliner wird ohnmächtig vor Schreck und kollert lautlos unter eine Bank. Ein Dutzend Zottelmänner springen aus den Hütten heraus, wollen hel­fen, schütten Bier und Champagner in diese schlanke, sich drehende Feuersäule. Viele, die das sehen, halten es für einen verwegenen Künstlerjux. Ein Kluger schreit entrüstet: »Was sind denn das für dumme Witze?«

Da lodert eine zweite Flammensäule gegen die Decke des Säulenganges hinauf, eine dritte, vierte, fünfte. Drei Zottelmänner, die Feuer gefangen, wälzen sich auf dem Boden und ersticken die Flammen. Neun junge Menschen brennen lichterloh – und wie sie schreien in ihrem Schmerz, das hört sich an wie tolles Gelächter. Ein Märchen der Geschichte, die Mythe von den brennenden Fackeln des Nero, ist grauenvolle Wahrheit geworden. Und Tausende von den fröhlichen Menschen im überfüllten Saale wissen, sehen und hören nichts von diesem herzzerdrückenden Schauspiel. Das Schmerzgelächter erstickt unter dem Lärm der tausendstimmigen Heiterkeit, im Rauschen der Musik. Zwischen diesem Lichtgewoge, Farbengewirr und Laternengeflacker fällt der Schein der schlanken Feuerspindeln, die sich in der Ecke des Säulenganges zusammendrängen, schon über zwanzig Schritte hinaus nicht mehr auf Werg und Watte brennen schnell – das Geloder ist schon wieder er­loschen, noch ehe die Zunächststehenden, die das Entsetzen wortlos machte, zu dieser einzigen Türe flüchten können. Kreischende Stimmen beteuern bei der Türe: »Nichts, nichts, es ist nichts geschehen, es ist alles schon vorbei, nur Ruhe, Ruhe, Ruhe!« Bei der Türe, wo sich die Menschen zu stauen drohen, schreit das einer dem andern zu, und jeder glaubt es. Das Lachen und der Lärm im Saale verliert keinen heiteren Atemzug, die Musik mit Geigen, Pauken und Tschinellen wirbelt weiter, und das bunte Fest bleibt jubelnde Freude ohne Störung. Feuerwehrmänner und Sanitätsgehilfen haben wollene Decken, Türvorhänge und Tischtücher um diese schwarzen, mageren Gestalten gewickelt, die auf dem Boden liegen oder noch ste­hen, gehen, taumeln und nur noch eine schwer zu enträtselnde Ähnlichkeit mit jun­gen Menschen besitzen. Man trägt die leise Wimmernden und die völlig Stummge­wordenen aus dem Saal, durch diese einzige Türe hinaus. Jener junge Berliner er­wacht aus seiner Ohnmacht; ihm ist nichts geschehen, er ist gerettet; zitternd stiert er in das Dunkel der zwei leergewordenen Eskimohütten. Und Vierzig, Fünfzig, Hundert verlassen das heitere Fest – wer zuerst diese lodernden Flammensäulen und dann diese schwarzen Pakete sah, redet kein Wort mehr. Das Entsetzen hat die Kehle der Wissenden gewürgt – sie gehen bleich und schweigend davon, mit dem Gedanken: Was ich weiß, das müssen doch auch die anderen wissen!

Jedem, der durch diese einzige Türe hinausgegangen, wird die Rückkehr in den Saal verwehrt, um eine Panik zu verhindern, um ein noch größeres Unglück zu ver­hüten.

Im Korridor und in der Garderobe liegen die Verkohlten und noch Lebenden auf Bänken und Tischen. Junge Ärzte suchen Hilfe zu bringen. Ein grauenvolles Bild! Wer es im Vorübergehen sehen muß, wendet sich mit geschlossenen Augen ab.

Von den Zwölfen, die man nach der Klinik brachte, starben neun noch in der Nacht und während der folgenden Tage. Nur drei kamen mit dem Leben davon, um Ent­stellte oder Krüppel zu bleiben.

Das heitere Fest der Ahnungslosen, die im Saal geblieben, dauerte bis in die fünfte Morgenstunde.

Während des Vormittags durchsickerte das Gerücht von diesem Schrecklichen die Stadt. Und am Abend lasen es die Münchener in der Zeitung: daß blühende Ju­gend, in der reisenden Kraft des Lebens, mit Talent beglückt, mitten in Lust und Freude verglühen und verkohlen mußte.

Einer von diesen schwarzen Toten hieß Otto Emmerling, war ein reich Begabter und hatte kurz vorher bei einem Wettbewerb der Akademiker den ersten Preis und ein Reisestipendium für Italien bekommen. Nur dieses Fest seiner Freunde wollte er noch mitmachen, dann in das gelobte Künstlerparadies unter dem ewigblauen Himmel wandern.

Die Trauer lag auf der erschrockenen Stadt wie ein drückender Alp. Doch bei allem Schreck empfand man ein tröstendes Aufatmen. Glückliche Zufälle, aus wirbelndem Leichtsinn und sprachlosem Entsetzen, aber auch aus Barmherzigkeit des Lebens geboren, hatten ein noch größeres Unglück verhütet. Ein Unglück, dessen Grauen sich nicht ausdenken ließ! Wäre in dem überfüllten Saal eine Panik entstanden, oder hätte das Feuer der lebenden Fackeln die Überfülle dieses papierenen Schmuckes erfaßt, um die einzige Türe mit Flammen zu sperren, so hätte man die Opfer an Zerdrückten und Erstickten, an Verbrannten und Verkohlten nach Hunder­ten, vielleicht nach dem Tausend zählen müssen.

Ludwig Ganghofer: Lebenslauf eines Optimisten; Teil 3: Buch der Freiheit. Stuttgart, 1909–1911.


20-08-14 (Opfer des Kolosseum-Brandes)