Lebenserinnerungen von Xaver Schnyder von Wartensee (1887) / t_1090

Oft besuchte er den jungen musikalischen Freund in seiner Wohnung, erfreute sich an dessen Klavierspiel und spielte u. A. mit ihm die Sonaten von Beethoven für Kla­vier und Violoncell, und lud ihn zu seinen wöchentlichen Quartettabenden ein, wo Schnyder die Bratsche spielte. Einst, als Schnyder ihn besuchte, sagte Junker Rein­hard zu ihm: »Versäumen Sie ja nicht, morgen zu meinem Quartett zu kommen; Sie werden Philipp Moralt aus München, einen der ersten jetzt lebenden Violoncellis­ten kennen lernen.« Schnyder, welcher wusste, dass die Virtuosen sehr oft blosse Spielmaschinen, aber nicht musikalisch sind, frug etwas vorlaut: »Kann er auch vom Blatte spielen?« »Das werden Sie morgen erfahren,« erwiederte Junker Reinhard. Am Abend des andern Tages fand sich Philipp Moralt pünktlich ein. Ein Quintett von Boccherini wurde aufgelegt; Junker Reinhard spielte das zweite Violoncell, Phi­lipp Moralt das erste, Schnyder die Bratsche u. s. w. Die erste Violoncellstimme war ganz obligat und schwierig, wie das bei den Boccherini’schen Quintetten häufig der Fall ist. Moralt spielte seine Partie in jeder Beziehung meisterhaft. Nach dem ersten Allegro frug Junker Reinhard den verwunderten Schnyder: »Haben Sie jetzt die Antwort?« und blickte auf Ph. Moralt. »Welche Antwort?« frug jetzt Moralt. Junker Reinhard: »Herr Schnyder hat mich gestern gefragt, ob Sie auch vom Blatte spielen können!« Moralt wendete sich rasch zu Schnyder und sagte in etwas gereiz­tem Tone: »So! daran haben Sie gezweifelt?« Schnyder, durch Junker Reinhards Aeusserung in Verlegenheit gebracht, antwortete: »Herr Moralt! Sie wissen ja selbst, dass nicht alle Ihre Kunstgenossen so geschickt sind, wie Sie sich diesen Abend zeigten.« Philipp Moralt beruhigte sich. Es wurden noch mehrere Quintet­ten gespielt und Ph. Moralt sagte beim Schluss der Musik zu Schnyder: »Sie spielen ja recht gut die Bratsche.«

Lebenserinnerungen von Xaver Schnyder von Wartensee. Zürich, 1887.


18-01-55 (Ertl & Moralt)