Kunstvereins-Bericht für 1874 (1875) / t_726

Nekrologe.

Hermann Dyck,
Maler und Direktor der k. Kunstgwerbeschule,

wurde am 4. Oktober 1812 in Würzburg geboren. Sein Vater, welcher als Baumeis­ter in Diensten der eben genannten Stadt wirkte, gab ihm eine äußerst sorgfältige, von liberalen Grundsätzen geleitete Erziehung; ja er ließ, wenn es ihm auch ferne lag, des Sohnes frühzeitig hervortretender Neigung zur Kunst keine Rechnung zu tragen, denselben doch vorerst noch einige Zeit auf der Universität humanistische Fächer, wie Geschichte, Philosophie, Aesthetik studiren, um ihn der Laufbahn des Künstlers mit einer möglichst umfassenden allgemeinen Bildung ausgerüstet zufüh­ren zu können.

Die Verhältnisse Deutschlands waren, als Dyck sich endlich ganz der Kunst widme­te, so unerquicklicher Natur, daß eine ideal und poetisch angelegte Natur, wie sie Dyck eigen war, von dem Leben der Gegenwart sich im Grunde abgestoßen fühlen mußte, und einem geistvollen Künstler höchstens Veranlassung geboten sein konn­te, die Kläglichkeit der öffentlichen Zustände in satyrisch-humoristischen Darstel­lungen den Gebildeten vor die Augen zu stellen. Dieß hat denn auch Dyck, dem bei einem fast zu poetischer Schwärmerei hinneigenden Charakter doch zugleich eine starke Dosis Sarkasmus gegeben war, mit außerordentlichem Glücke versucht und seine Begabung in dieser Richtung später durch zahlreiche Illustrationen in den ersten Jahrgängen der »Fliegenden Blätter« bewiesen. Als Fach hatte er sich je­doch die Architekturmalerei gewählt und zu diesem Behufe schon unter des Vaters Leitung gründliche Studien gemacht. Es genügte ihm indessen nicht, irgend ein ar­chitektonisches Motiv einfach nach der Natur im Bilde darzustellen, vielmehr war er bestrebt, solche selbst zu erfinden und durch reiche Ornamentik, sowie effektvolle Beleuchtung möglichst anziehend zu gestalten. Hiemit noch nicht zufrieden, galt es weiter, durch figürliche Darstellung das Bild in einer Weise zu beleben, daß Archi­tektur und Menschen in einer innigen Wechselbeziehung erschienen.

Letztere erreichte er, indem er entweder, seiner satyrischen Anlage folgend, eine Scene aus der damals so unerquicklichen Gegenwart in einen Raum verlegte, wel­cher die deutlichen Spuren einer grundverschiedenen Vergangenheit an sich trug, oder, dem poetischen Zuge seiner Natur nachgebend, statt des Gegensatzes zwi­schen den Menschen und deren Umgebung beide harmonisch vereinigte. Durch dieses Bestreben hat Dyck, welcher im Jahre 1835 nach München übergesiedelt war, sofort eine ganz originelle Stellung unter seinen Fachgenossen eingenommen, und über dem geistigen Gehalt seiner Bilder vergaß man es gerne, die in densel­ben zu Tage tretende Technik einer strengen Kritik zu unterwerfen.

Es war zu Anfang der fünfziger Jahre, als Dyck berufen wurde, eine ganz andere Thätigkeit, als bisher zu entwickeln, wenn dieselbe auch innig mit seinen künstleri­schen Bestrebungen zusammenhieng; denn er pflegte als Architekturmaler, wie schon angedeutet, der ornamentalen und decorativen Richtung stets besondere Sorgfalt zu widmen sowie auch vielfach Zeichnungen für gewerbliche Zwecke zu fertigen.

Hervorragende Mitglieder der Münchener Künstlerschaft hatten mit strebsamen Geschäfts- und Gewerbsleuten die Gründung eines Vereines angebahnt, welcher sich die Aufgabe stellen sollte, dem Gewerbe das so häufig fehlende Kunstgefühl einzuflößen. Es gelang, denselben auch in’s Leben zu rufen und Dyck, welcher hie­bei in hervorragender Weise mitgewirkt hatte, erhielt im Jahre 1851 die Leitung der künstlerischen Arbeiten dieses »Vereines zur Ausbildung der Gewerke« und vier Jahre später auch jene einer in Verfolgung der Vereinszwecke gegründeten Schule übertragen. Es würde zu weit führen, wenn ein einigermaßen genügendes Bild von der Thätigkeit Dycks hier gegeben werden wollte, welche er nun entwi­ckelte, alle Hindernisse überwindend, die seinem auf Reinigung des Stylgefühles, Verfeinerung des Geschmackes und Emancipation von der Nachäffung der franzö­sischen Industrie und Mode abzielenden Streben anfänglich zahlreich genug sich entgegenstellten. Die Bedeutung der genannten Anstalt wurde 1858 dadurch öf­fentlich anerkannt, daß mit ihr die Vorschule zur Akademie der bildenden Künste verbunden und Dyck zum Professor ernannt und in den Staatsdienst übernommen wurde. Nach zehnjährigem weiterem Wirken erlebte er, der inzwischen, abgesehen von der unvermeidlichen Beeinträchtigung seiner malerischen Produktion, aus rei­ner Liebe zur Sache einen ehrenvollen Ruf an das Polytechnikum in Karlsruhe und später an die gleiche Hochschule in München abgelehnt hatte, die Genugthuung, die von ihm geleitete Anstalt als k. Kunstgewerbeschule zur Staatsanstalt erhoben und sich selbst mit der Einrichtung und Leitung derselben betraut zu sehen. Trotz einem seinen Plänen und Entwürfen seit einiger Zeit oft störend in den Weg treten­den körperlichen Leiden hat Dyck der neuen Aufgabe mit dem Aufgebot aller Kräf­te nicht minder erfolgreich sich gewidmet, bis der Tod am 25. März 1874 dem Stre­ben des edlen Mannes ein zwar nicht unerwartetes, aber deßhalb von seiner Fami­lie und seinen Freunden nicht weniger schmerzlich gefühltes, von seinen Berufsge­nossen und Vorgesetzten aufrichtig betrauertes Ende bereitete.

Bericht über den Bestand und das Wirken des Kunst-Vereins in München, während des Jahres 1874. München, 1875.


12-11-13 (Dyck)