Kunstvereins-Bericht für 1873 (1874) / t_1766

Tobias Andreae,
Landschaftsmaler,

wurde am 6. März 1823 zu Frankfurt a/M. geboren. Aus einer mehr als vermögli­chen Familie stammend, war er in der beneidenswerthen Lage, bei der Wahl des Lebensberufes ausschließlich seiner Neigung folgen zu können, welche ihn der Kunst in die Arme führte. Den Grund zu seiner Ausbildung legte er in seiner Vater­stadt als Eleve des unter Veit’s Leitung eben aufblühenden Städel’schen Institutes und zwar war es Professor J. Becker, der die ersten Schritte des angehenden Kunstjüngers überwachte. Er wendete sich anfänglich der Historienmalerei zu, scheint aber in diesem Fache nicht volle Befriedigung gefunden zu haben, denn bald nach seiner im Jahre 1848 erfolgten Uebersiedlung nach München finden wir ihn mit Versuchen nach anderen Richtungen hin vielfach beschäftigt, ohne daß er sich jedoch seiner weiteren Aufgabe bald bewußt geworden wäre. Der Umgang mit Rahl und Genelli, ebenso eine 1853–54 nach Italien unternommene Reise waren bei aller Anregung der Künstlernatur im Resultate zunächst doch nur dazu an­gethan, diese Unsicherheit noch zu steigern. Endlich warf er sich auf die Land­schaft, wobei ihm Ed. Schleich’s coloristische Bravour als leuchtendes Vorbild dien­te. Fortan war er eifrig bestrebt, in der eingeschlagcnen Richtung das Mögliche zu leisten, und bald sollte er seine Bemühungen auch durch manch‘ schönen Erfolg belohnt sehen.

Den Stoff zu seinen Bildern, die namentlich in seiner Heimath stets als willkomme­ne Erscheinungen begrüßt wurden, holte er sich gerne von der Meeresküste, sei es in Italien, sei es im Norden; zugleich liebte er es, solche Motive in wirksamer Mond­beleuchtung zu geben. In letzterer Zeit brachte er auch einige glücklich behandelte Gebirgslandschaften, so ein größeres Bild: »Morgen bei Kufstein«, mit welchem er die Wiener Weltausstellung beschickte. – Es sollte zugleich sein letztes Werk sein. Am 22. April v. J. wurden seine zahlreichen hiesigen Freunde von der erschüttern­den Kunde überrascht, daß Andreae in seinem Atelier sich erschossen habe. Es ist dieser unglückselige Schritt um so unerklärlicher, als er erst vor einem halben Jahre aus reiner Neigung sich verheirathet hatte und nach allgemeiner Annahme Alles besaß, was einem Künstler das Leben werth und angenehm zu machen vermag.

Bericht über den Bestand und das Wirken des Kunst-Vereins in München, während des Jahres 1873. München, 1874.


04-03-24 (Andreae)