Kunstvereins-Bericht für 1872 (1873) / t_1284

Nekrologe.

Moritz Ritter von Schwind,
Historienmaler und Professor an der k. Akademie der bildenden Künste,

wurde am 21. Januar 1804 zu Wien geboren, woselbst sein Vater, den er frühzeitig verlor, die Stelle eines Hofsekretärs bekleidete. Mit seiner Mutter und seinen zahl­reichen Geschwistern lebte er nach dem Tode desselben in einem kleinen Häus­chen am Wall, genannt »zum Mondschein«, in ziemlich gedrückten Verhältnissen. Verschiedene Umstände übten schon in früher Knabenzeit einen nachhaltigen Ein­fluß auf seine Phantasie und sein Seelenleben überhaupt. Katholischer Eltern Kind ward er frühzeitig zur Messe geführt und von der Feierlichkeit des Cultus so ergrif­fen, daß er das Amt eines Ministranten als höchstes Glück sich wünschte und er­langte, und daraus die Vorliebe für die romantische Zeit in spätere Jahre mit sich nahm.

Schwind’s große Freude an der Musik und sehr feines Gefühl für ihre wahren Schönheiten reichen gleichfalls in seine Knabenjahre und in den »Mondschein« zu­rück, wo die Musik mit Eifer betrieben wurde, vielleicht in Erinnerung an den Groß­vater väterlicherseits, der in Böhmen gelebt hatte. Er hatte die Schule und das Gymnasium hinter sich und trieb, ursprünglich dem wissenschaftlichen Berufe sich widmend, bereits im dritten Jahre philosophische Studien, als er durch die neur­omantische Richtung, welche damals in der Poesie nicht minder wie in der bilden­den Kunst sich geltend machte, so eingenommen wurde, daß die Neigung, sich der Kunst zu widmen, in ihm erwachte und bald zum festen Entschluß heranreifte. Mit einiger Fertigkeit im Zeichnen ausgerüstet, trat er bei Ludwig Schnorr v. Carolsfeld als Schüler ein. Schwind’s gesundem Sinne sagte jedoch ein gewisser mystischer Zug, welcher bei seinem Lehrer damals sich zeigte, nicht zu und so verließ er ihn schon nach einem Jahre wieder, um in die Akademie überzutreten. Auch hier von dem sich breitmachenden geistlosen Schematismus abgestoßen, beschloß er im Jahre 1828 nach München überzusiedeln, nachdem er sich ein Jahr vorher durch eine Reise dahin von dem mächtigen Aufschwung überzeugt hatte, welchen die Kunst unter König Ludwig zu nehmen begonnen.

Durch den Ankauf seines ersten noch ganz im Style der Schnorr’schen Schule ge­haltenen Bildes seitens des Münchener-Kunstvereines wurde ihm über die erste Zeit des Aufenthaltes am neuen Domicile hinweggeholfen. Er beschäftigte sich nun eifrig mit Componiren und entwarf eine Menge von Zeichnungen, die er zum Theil auch auf Stein übertrug. Im Jahre 1832 erhielt er den ersten größeren Auftrag. Es war dies die Ausschmückung des Bibliothekzimmers der Königin mit einem Cyklus von Darstellungen aus den Tieck’schen Dichtungen. Dieser Auftrag, welcher dem Künstler Gelegenheit gab, seinen Reichthum an Geist, Phantasie und köstlichem Humor, wie sein tiefes Verständniß echt deutscher Romantik zu dokumentiren, war für ihn um so ehrenvoller, als die malerische Ausschmückung des von König Ludwig damals nahezu vollendeten Königsbaues einer wahren Elite von Künstlern übertra­gen worden war. Noch glücklicher löste er die ihm bald darauf ertheilte weitere Aufgabe, für den im nördlichen Flügel der Residenz befindlichen Saal des Rudolph von Habsburg einen Fries zu componiren, in welchem die Folgen des durch Kaiser Rudolph geordneten und neuaufblühenden bürgerlichen Lebens in Deutschland in einem Festzuge von Kindern dargestellt werden sollten. Auch der damalige Kron­prinz Maximilian betraute ihn mit dem Auftrage, für die restaurirte Burg Hohen­schwangau Entwürfe zu Wandgemälden, welche Scenen aus dem Leben Karls des Großen darstellten, anzufertigen.

Mittlerweile war Schwind’s Bedeutung auch anderwärts erkannt worden und so kam es, daß er durch die nun folgenden Arbeiten eine Reihe von Jahren von der Stätte ferngehalten wurde, an welcher sein Genius zuerst in Epoche machender Weise sich entfaltet hatte. Wir finden ihn zunächst (1838) auf Schloß Rödingsdorf bei Leipzig, der Besitzung des Dr. Crusius, mit der Ausführung einer Reihe von Wandgemälden aus der antiken Mythe von »Amor und Psyche« beschäftigt, worauf er nach Wien gieng, um hier das bekannte Bild »die Brautfahrt des Ritter Kurt«, eine von Humor und geistvollen Bezügen übersprudelnde Composition, zu malen. In Wien erhielt er einen Ruf nach Carlsruhe und den Auftrag, das Stiegenhaus und sonstige Räume der neuen Kunsthalle mit Wand, und Deckengemälden auszu­schmücken. Im Jahre 1845 siedelte er dann nach Frankfurt a. M. über, woselbst er für das Städel’sche Institut ein Gemälde »Der Sängerkrieg auf der Wartburg« mal­te. Diese und andere Arbeiten Schwind’s, insbesondere die zahlreichen kleineren und größeren Zeichnungen, welche er für Holzschnitt, Radirung oder Kupferstich ausführte, können hier nur angedeutet werden, da durch diese Zeilen ein umfas­sendes Bild der künstlerischen Thätigkeit Schwind’s nicht gegeben werden soll.

Im Jahre 1847 wurde der Meister durch seine Ernennung zum Professor der neuor­ganisirten bayerischen Akademie München wieder gewonnen. Aus den nun folgen­den Werken sei nur eines hervorgehoben, das »Märchen von den sieben Raben«, mit welchem der Künstler alle Welt entzückte und auf der allgemeinen deutschen Kunstausstellung zu München im Jahre 1858 den Preis davontrug. Er hatte sich hie­mit, wie auch schon früher, auf einem Gebiete gezeigt, dessen Reichthum und An­muth zu verwerthen sein Genius vorzugsweise berufen war. Ja man kann sagen, daß erst von Schwind an für die bildende Kunst die Wiedergeburt des deutschen Märchens datirt.

Nur um seine Vielseitigkeit anzudeuten, sollen hier auch die Arbeiten religiösen In­haltes erwähnt werden, welche Schwind unternahm. Es sind dies eilf für die Aus­schmückung des Hauptaltars der Münchener-Frauenkirche bestimmte Gemälde und Entwürfe zu den Glasgemälden im Dome zu Glasgow, deren Entstehung in das Jahr 1860 fällt. Die glänzendste und fruchtbarste Periode seines Schaffens ist jene, in welcher er die herrlichen Compositionen für das Wiener-Opernhaus und die »Schöne Melusine« schuf. Die Idee zu der letzteren hatte ihn hinsichtlich ihrer Ge­staltung schon Jahrzehnte hindurch vorher beschäftigt. An seinem 66. Geburtstage legte er die letzte Hand an dieses seine künstlerische Thätigkeit abschließende, un­übertroffene Werk, dessen Schönheiten alle mit einem Blicke zu erfassen selbst dem Eingeweihteren unmöglich ist.

Schon vor dem eben erwähnten Zeitpunkte traten bei Schwind Krankheitserschei­nungen auf, welche im Laufe der Zeit keinen Zweifel darüber ließen, daß das kost­bare Leben des Meisters durch eine Verfettung des Herzens ernstlich bedroht sei. Gegen Weihnachten des Jahres 1870 nahm die Krankheit in schmerzlichster Weise zu und Schwind litt unter den Beklemmungen seines Herzens unsäglich. Am 8. Fe­bruar 1871 entriß ihn der Tod seiner Familie. Die Nachricht hievon erfüllte Alle mit der tiefsten Trauer, welche ein Verständniß für die schöpferische Kraft seines Geni­us und die Reinheit und ächt nationale Bedeutsamkeit seines von dichterischem Geiste erfüllten Strebens hatten.

Der lohnenden Aufgabe, Schwinds Verdienste um die Kunst, sein Leben, seine Be­ziehungen zu vielen großen Männern seiner Zeit, die ihm überall entgegengetrage­ne Bewunderung und zu Theil gewordenen Ehren in einem umfassenden Bilde zu schildern, haben sich manche seiner Verehrer unterzogen, und es ist auf diese Wei­se eine Reihe von Schriften entstanden, auf welche zu verweisen um so mehr Pflicht sein dürfte, als durch eine biographische Skizze, wie sie der hier zugemessene Raum zu geben gestattet, die Leistungen eines großen und fruchtbaren Geistes un­möglich in der wünschenswerthen Weise dargestellt werden können.

Bericht über den Bestand und das Wirken des Kunst-Vereins in München, während des Jahres 1872. München, 1873.


16-09-43 (Schwind)