Kunstvereins-Bericht für 1870 (1871) / t_595

Nekrologe.

Friedrich Brugger,
Bildhauer und Ehrenmitglied der Akademie der bildenden Künste,

geboren den 13. Januar 1815, war der Sohn eines in München ansässigen, geachte­ten bürgerlichen Geschäftsmannes. Nachdem er die Elementarschulen seiner Va­terstadt besucht hatte, trat der an Geist und Körper sich ungemein rasch und harmonisch entwickelnde Knabe schon im vierzehnten Lebensjahre als Schüler in die Akademie der bildenden Künste ein, und zwar war es die Bildhauerklasse, in welcher wir ihn unter des alten Conrad Eberhard sorgfältiger Leitung thätig finden. Die glücklichen Erfolge, welche die ersten Schritte Brugger’s auf dem Gebiete der plastischen Kunst begleiteten, veranlaßten nach dem Rücktritte Eberhard’s von sei­ner Stelle als Lehrer an der Akademie den großen Ludwig v. Schwanthaler, den jun­gen Künstler aus der betretenen schwierigen Bahn mit vollster Theilnahme und ei­ner ihn auszeichnenden, besonderen Berücksichtigung weiter zu geleiten.

Schon im Jahre 1836 wurde Brugger von seinem genialen Lehrmeister mit der selbstständigen Ausführung der Walküren, welche das Gebälke der Walhalla bei Regensburg stützen, betraut. Nachdem er diese Aufgabe, deren Durchführung mehrere Jahre erforderte, in glänzender Weise gelöst hatte, zog er 1841 nach Rom. Aus der unversieglichen Quelle des Schönen und Erhabenen, welche die Kunstschätze der ewigen Stadt bieten, haben wohl wenige mit solcher Begeiste­rung und solchem Eifer geschöpft, wie Brugger, dessen künstlerischer Genius bei der ihm eigenen, ausgesprochen idealen Richtung sich nirgends glücklicher entwi­ckeln konnte, als umgeben von den unvergänglichen Vorbildern des classischen Al­terthums. Nach seiner Vaterstadt im Frühlinge des Jahres 1844 zurückgekehrt, hat Brugger durch seine erste Arbeit, eine halblebensgroße Gruppe, welche den Cen­taur Chiron vorstellt, wie er den jungen Achilleus die Lyra spielen lehrt, sich sofort die ungetheilte Bewunderung seiner Fachgenossen erworben. Ihr folgte eine gleichfalls halblebensgroße Statue der Penelope, vielleicht des Künstlers bedeu­tendstes Werk, durch welches er ein so tiefes Verständniß der Antike bekundet hat, wie es bis dahin nur einem Canova und Thorwaldsen eigen zu sein pflegte. Diese Statue ist wiederholt in Marmor ausgeführt worden.

So treffliche Leistungen mußten selbstverständlich der Aufmerksamkeit Ludwig I. erregen, der gerade um jene Zeit mit der Durchführung seiner großartigen Projek­te auf dem Gebiete der Kunst einen zahlreichen Kreis der namhaftesten Künstler beschäftigte. In diesen ward auch Brugger gezogen, und so sehen wir unter seiner emsig schaffenden Hand eine Reihe größerer plastischer Werke entstehen, welche der Künstler im Auftrage des königlichen Gönners ausführte. Es befinden sich unter ihnen das überlebensgroße Erzstandbild des Tondichters Gluck auf dem Promenadeplatz und die Colossalfigur der Bavaria auf dem Siegesthor in München; dann einige der Victorien an der Befreiungshalle bei Kehlheim, die Statuen G. Fugger’s in Augsburg, Ludwig des Reichen in Landshut und des Feldmarschalls Wrede in Heidelberg; endlich eine größere Anzahl von Portraitbüsten, welch’ letz­tere meistentheils für die Ruhmes-Halle nächst der Bavaria bestimmt waren. Die Er­ledigung dieser und zahlreicher anderer nicht minder ehrenvoller Aufträge, welche zum Theil von König Max II. herrührten, zum Theil auch von auswärts einliefen und den Künstler fast zwei Decennien in regster Thätigkeit erhielten, hinderten ihn gleichwohl nicht, während dieses Zeitraumes in seinem eigentlichsten Wirkungs­kreis, dem idealen Gebiete der griechischen Mythe, in welchem des Meisters schöpferische Kraft sich ja am fruchtbarsten zeigte, gleichfalls Neues zu schaffen. Sein Oedipus, von der frommen Tochter Antigone geführt, sein mit einem Panther spielender Faun und vor Allem die wundervolle Gruppe des Daedalus und Icarus bilden die sprechendsten Beweise der Hingebung, mit welcher der Künstler sein ganzes Leben an den Schöpfungen der classischen Vorzeit hing und des hohen Grades von Vollendung, welchen er in dem Bestreben, diesen Gleichkommendes zu schaffen, erreichte. Ehe wir diesen kurzen und wegen des beschränkten Raumes nur unvollständig zu gebenden Ueberblick über Brugger’s plastische Arbeiten schließen, sei noch die Kolossalstatue des Feldmarschalls Fürsten Michael Woron­zow erwähnt, welche aus seinem Atelier hervorgieng und 1863 zu Odessa in Ge­genwart des Meisters enthüllt wurde. Dieser Akt war für Brugger mit einer Reihe der ehrenvollsten Auszeichnungen verknüpft, welche ihm sowohl in Odessa selbst als auch insbesondere gleich darauf in der Krimm von Seite des Kaisers von Ruß­land zu Theil wurden. Die Erinnerung hieran und die Eindrücke, welche Brugger auf einer demnächst unternommenen Reise nach Konstantinopel, Griechenland, Nea­pel, Rom und Venedig empfieng, waren für den edlen Mann in seinen spätern Jah­ren eine Quelle der schönsten Stunden. In der Heimath fand sein Wirken die in so hohem Maße verdiente öffentliche Anerkennung durch die Ernennung zum Ehren­mitgliede der k. Akademie der bildenden Künste im Jahre 1851 sowie die später erfolgte Verleihung des Michaels-Ordens.

Einige Zeit, nachdem Brugger von der ebenerwähnten Reise in die Heimath zurück­gekehrt war, machte sich bei ihm ein schon früher mehrfach aufgetretenes Magen­leiden von Neuem und in einem Grade fühlbar, der des Künstlers Thätigkeit nicht mehr so fruchtbar sich entfalten ließ, wie vordem, wenn auch die aus dieser Perio­de stammenden Werke zeigen, daß er von seinem Genius noch treu begleitet wur­de. Eine Badereise, im Sommer 1869 nach Kissingen unternommen, brachte nur scheinbar Heilung. Am 9. April 1870 entriß ihn der Tod nach blos zweitägigem Krankenlager dem Kreise seiner schmerzgebeugten Angehörigen und Freunde. Mit ihm schied eine Künstlerseele von der Erde, deren Bedeutung und Größe in ein kla­res Licht zu stellen eine der dankbarsten Aufgaben für solche sein wird, welche sich zur Darstellung einer Geschichte der Kunst unserer Zeit berufen fühlen. Hier sei nur noch erwähnt, daß im Einklang mit seinem künstlerischen Streben nach dem ewig Wahren und Schönen auch sein ganzes übriges Leben stand. Es war das Leben ei­nes Mannes, dessen Handlungen alle Aeußerungen eines fleckenlosen, reinen Ge­müthes und sanften, aber edlen, festen Charakters bilden.

Bericht über den Bestand und das Wirken des Kunst-Vereins in München, während des Jahres 1870. München, 1871.


16-10-26 (Brugger)