Kunstvereins-Bericht für 1867 (1868) / t_746

Nekrologe.

Carl von Enhuber,
Genremaler, Ehrenmitglied der k. Akademie der bild. Künste u. Ritter des Ver­dienstordens des heil. Michael,

war geboren am 16. Dezbr. 1811 zu Hof im Voigtlande, wo sein Vater k. Mauthbe­amter war. Anderthalb Jahre nachher kam dieser als Hallbeamter nach Nördlingen im Ries und der Sohn verbrachte seine Jugendjahre in demselben Gau, den er spä­ter durch seine Werke verherrlichen sollte. Auf der Nördlinger Lateinschule genoß er den Unterricht des trefflichen Zeichnungslehrers Doppelmayr und schon hier regte sich in dem Knaben der lebhafte Wunsch, sich der Kunst zu widmen, ein Wunsch, welcher erst später und nach hartem Kampfe in Erfüllung gehen sollte. Der Vater zog nach seiner Pensionirung nach München und ließ seinen Sohn hier das Wilhelms-Gymnasium besuchen, jedoch ohne großen Erfolg, indem die Nei­gung zur Kunst fortwährend im Konflikte lag mit den Absichten des Vaters, welcher seinen Sohn für die Studien bestimmt hatte. Nach hartem Kampfe, in welchem selbst der Rektor des Gymnasiums auf seine Seite trat, gelang es ihm, die k. Aka­demie der bildenden Künste mit dem Gymnasium zu vertauschen. Mit ungleich größerem Eifer verlegte er sich jetzt auf das Studium der klassischen Kunst, als vor­her auf jenes der Klassiker. Bald war der angehende Künstler so weit, daß er an die Ausführung eigener Ideen denken konnte; er versuchte sich mit Darstellungen aus dem Thierleben, aus der Romantik unter Anderm mit Scenen aus dem Lagerleben des dreißigjährigen Krieges, welcher zu jener Zeit die jungen Künstler der maleri­schen Kostüme wegen besonders anzog. Dann suchte er seine Vorbilder in der Nie­derländischen Schule und versuchte sich eine Zeitlang in Darstellungen im Ge­schmacke des Metzu und Terburg.

Nur allmählich führte ihn sein Genius der Bahn zu, auf welcher er später so glänzen­de Erfolge erringen sollte. Es war dies die humoristische Darstellung von Scenen aus dem Volksleben, in welchen er, was Wahrheit der Auffassung, seine Charakte­ristik und gewissenhafte Durchführung anbelangt, die Meisten seiner Zeitgenossen übertraf. Die innigste Vertrautheit mit den Sitten und dem Charakter der Landleu­te, die Theilnahme an ihren Freuden und Leiden waren dem Künstler bei seinen Studien außerordentlich förderlich. Der gewöhnlichste Vorgang gestaltete sich in seinem Geiste zu einem malerischen Vorwurf, zu welchem er, wenn er denselben geistig durchgearbeitet und abgerundet hatte, die passenden Persönlichkeiten suchte, die er sodann geistig belebte und gleichsam in ihre Rollen einführte.

Nie durchsuchte Enhuber seine reichen Mappen um Figuren, deren Zusammenstel­lung etwa ein Bild geben könnte. Das Bild erscheint bei ihm stets als der Träger ei­nes Gedankens und war, ehe er zum Pinsel oder Stifte griff, vollendet in seinem Geiste. Das Material hiezu wußte er dann mit einem unvergleichlichen Scharfsinn aufzufinden und nach dessen Eigenthümlichkeit zu verwenden.

Bei der größten Pietät in der Darstellung der Natur in ihren geringsten Einzelnhei­ten erscheint doch alles Unwesentliche untergeordnet und nur dem Hauptgedan­ken dienend. Mit der Frische und Originalität des Gedankens verbindet sich in allen seinen Werken eine feine, von aller Manier freie Technik.

Es kann nicht die Absicht dieser Zeilen sein, den Genius des Künstlers genügend zu würdigen, ein solcher Versuch würde die Feder eines Lichtenberg und den Raum ei­nes Buches erfordern. Wir müssen uns mit Andeutungen bezüglich der Aufgabe die sich der Künstler gestellt und der Mittel, deren er sich zu ihrer Lösung bediente, begnügen. Ein würdiger Platz in der Kunstgeschichte ist demselben für alle Zeiten gesichert.

Als Mensch war Enhuber von Allen, die ihn kannten, hochgeachtet und geliebt. Er war ein durch und durch biederer Charakter, ein opferwilliger treuer Freund und ein heiterer Gesellschafter voll sprudelnden Humors, wie seine Bilder.

Sein nach jahrelangen Leiden am 7. Juli 1867 in Folge des durch einen Mückenstich veranlaßten Lippenkrebses erfolgter Tod raubte seiner Familie den liebevollsten Vater, der Münchener Schule eine ihrer vorzüglichsten Zierden.

Bericht über den Bestand und das Wirken des Kunst-Vereins in München, während des Jahres 1867. München, 1868.


18-06-57 (Enhuber)