Kunstvereins-Bericht für 1863 (1864) / t_910

Nekrologe.

Heinrich von Heß,

Historienmaler, Direktor der vereinigten k. Sammlungen und Ritter des Verdienstordens der bayer. Krone,

geboren im Jahre 1798, war der zweite Sohn des Professors der Kupferstecher­kunst an der Akademie zu Düsseldorf Ernst Christoph Heß. Von diesem seinem Va­ter, dem die großen Anlagen seines Sohnes nicht verborgen blieben, schon frühe im Zeichnen unterrichtet, trat er im Jahre 1813, nachdem sein Vater schon früher, in Folge der Abtretung des Großherzogthums Berg, nach München übergesiedelt war, in die dasige k. Akademie der bildenden Künste, um sich für das Fach der His­torienmalerei auszubilden. Nachdem er hier mehrere Jahre mit großem Eifer den Studien obgelegen, trat er, da ihm die damals an dieser Anstalt herrschende Kunst­anschauung nicht zusagte, aus derselben, um selbstständig seinen Weg weiter zu suchen. In wie ferne ihm dieß gelungen, zeigte eine heil. Familie, welche er im Jah­re 1817 ausstellte. Die höchst eigenthümliche Auffassung dieses von den größten Künstlern und in der mannigfachsten Weise bearbeiteten Gegenstandes zog die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich und namentlich jene Ihrer Majestät der damals regierenden Königin Karoline, welche das Gemälde nicht nur aquirirte, sondern den vielversprechenden jungen Künstler von da an in Ihren besonderen Schutz nahm.

Eine Reihe ausgezeichneter Bilder, sämmtlich der heil. Geschichte angehörig, folg­ten sich in dem Zeitraume von 1817 bis 1821. Man erwähnt hier nur einer Charitas, dann jenes reizenden kleinen Gemäldes, welches unter dem Namen »Christnacht« eine außerordentliche Verbreitung gefunden, dann einer heil. Cäcilia unter singen­den Engeln, des heil. Lukas die Mutter Gottes malend und vor Allem einer lebens­großen Grablegung Christi für die hiesige St. Kajetanskirche.

Im Jahre 1821 begab sich Heß zu seiner weiteren Ausbildung nach Rom, wo er im Studium der Werke einer großen Vorzeit bis zum Jahre 1826 weilte.

Ein ausgezeichnetes Bildniß des Bildhauers Thorwaldsen, gegenwärtig im Besitze Seiner Majestät des Königs Maximilian II., dann Apollo mit den Musen auf dem Par­nasse, welches er im Auftrage Seiner Majestät des Königs Maximilian I. ausführte, gehören jener Periode an. Zum Professor der Geschichtsmalerei an der Akademie zu München ernannt, verließ Heß im Jahre 1826 Italien, um im Vaterlande die Früchte seiner römischen Studien zu verwerthen.

Nicht nur die Pflichten als Lehrer an der neu aufblühenden Kunstanstalt nahmen nun die Kräfte des noch jugendlichen Künstlers in Anspruch, sondern auch die höchst bedeutenden Aufträge, womit ihn das Vertrauen seines Monarchen beehr­te.

Zunächst beschäftigten ihn mehrere große Cartons zu Fenstergemälden für den Regensburger-Dom, welche in der neuerrichteten und unter seine Leitung gestell­ten Glasmalereianstalt ausgeführt werden sollten. Die großartige Auffassung und das tiefe religiöse Gefühl, welche der Künstler in diesen Compositionen beurkun­dete, bewogen den König Ludwig ihm die Ausschmückung der eben im Bau begrif­fenen Allerheiligen-Hofkirche zu übertragen. Die erhabenen Malereien, welche der Künstler in diesem Prachttempel ausführte, beschäftigten ihn bis zum Jahre 1837.

Wenn die hehren Gestalten, welche hier auf uns hernieder blicken, der christlichen Symbolik angehören und mehr im Style der späteren byzantinischen Kunst ausge­führt sind, so tritt uns Heß in einem neuen Werke, nämlich in den Gemälden, womit er die neuerbaute Basilika des heil. Bonifazius schmückte, mit Darstellungen entge­gen, welche im Geiste der großen Italiener des sechzehnten Jahrhunderts gedacht und ausgeführt sind. Die bedeutendsten Momente in der Geschichte des Apostels der Deutschen sind es, welche uns hier in einer Reihe der ausgezeichnetsten Kunst­schöpfungen entgegen treten. Ein Abendmahl im Refektorium des zu dieser Kirche gehörigen Klosters schloß im Jahre 1846 dieses große Werk des Künstlers und die Reihe seiner Wandgemälde.

Nach so gewaltigen in eine verhältnißmäßig kurze Reihe von Jahren sich drängen­den Anstrengungen war für den Künstler Ruhe ein dringendes Bedürfniß. Sein Monarch gewährte ihm dieselbe, indem er ihn seiner Stelle an der Akademie, deren Leitung nach dem Tode des Direktor Gärtner er interimistisch übernommen hatte, enthob und ihm die Direktorstelle an den vereinigten k. Sammlungen übertrug. Ne­ben den Pflichten seiner neuen Stellung, war es die Oelmalerei, welcher sich der rastlose Künstler in der letzten Periode seines Lebens wieder zuwendete und in welcher Gattung er im Auftrage Seiner Majestät des Königs Ludwig verschiedene bedeutende Werke ausführte.

Ein Abendmahl in großen Dimensionen, gleichfalls für König Ludwig bestimmt, war sein letztes Werk, an dessen Vollendung ihn jedoch sein am 30. März 1863 erfolg­ter Tod verhinderte.

Neben den großen Eigenschaften des Künstlers war es tiefer religiöser Sinn, hohe Rechtschaffenheit und ein liebenswürdiger Charakter, welche dem Verewigten das Andenken seiner Freunde und Zeitgenossen sichern.

Bericht über den Bestand und das Wirken des Kunst-Vereins in München, während des Jahres 1863. München, 1864.


40-12-07/08 (Hess)