Kunstvereins-Bericht für 1862 (1863) / t_908

Nekrologe.

Eugen Heß, Genre-Maler,

geboren am 25. Juni 1824, war der älteste Sohn des berühmten Schlachtenmalers Peter v. Heß. Das großartige Schaffen des Vaters konnte nicht verfehlen, auf den begabten Sohn den tiefsten Eindruck zu machen und den Knaben für eine Lauf­bahn zu begeistern, auf welcher der Vater so glänzende Erfolge errang. Auf einer Reise durch Deutschland, Rußland und Polen, auf welcher er seinen Vater im Jahre 1839 begleiten durfte, entschied er sich für die Kunst und machte unter der Lei­tung seines großen Lehrers bald so bedeutende Fortschritte, daß er bereits in den Jahren 1849 und 1850 als selbstständiger Künstler zum Behufe seiner weiteren Ausbildung Frankreich und Belgien bereisen konnte, um die Werke der großen französischen und niederländischen Maler zu studiren.

Im Jahre 1856 verehelichte er sich unter den heitersten Aussichten auf ein beglü­ckendes Familienleben und ein freudiges und erfolgreiches künstlerisches Schaffen. Jedoch nur zu bald sollte sich der Lebenshorizont des so begabten, zu den schöns­ten Hoffnungen berechtigten Künstlers verfinstern. Der Tod seiner Gattin und sei­nes einzigen Kindes zerstörte sein kaum aufgeblühtes häusliches Glück mit einem Schlage und stürzte ihn in unheilbare Schwermuth. Zu dieser gesellte sich bald kör­perliches Unwohlseyn welches, sich fortwährend steigernd, seinem jungen hoff­nungsvollen Leben bereits am 21. November vorigen Jahres nach unsäglichen Lei­den ein Ende machte und seine Familie in die tiefste Trauer stürzte.

Für den Schmerz des greisen Vaters, der sein eigenes ruhmreiches Schaffen in sei­nem Sohne sich fortsetzen sah, für den Jammer einer Mutter, unter deren Augen ein zu dem heitersten Lebensloos berechtigtes Kind langsam und hoffnungslos da­hinwelken sollte, gibt es wohl keinen Maßstab.

Um die Arbeiten dieses Künstlers zu kennzeichnen, genügt es zu erwähnen, daß sie die Vorzüge der Werke seines berühmten Vaters in hohem Grade besaßen. Sie bestanden aus Genre- und Jagdbildern, welche sich eben so sehr durch geistreiche Erfindung als glänzende Technik und Wahrheit auszeichneten. Sein letztes Werk war ein im Auftrage Seiner Majestät des Königs Maximilian ausgeführtes, für das Maximilians-Athenäum bestimmtes lebensgroßes Bild – die Einnahme von Yorktown durch Washington.

Bericht über den Bestand und das Wirken des Kunst-Vereins in München, während des Jahres 1862. München, 1863.


13-01-51 (Hess & Kurz)