Kunstvereins-Bericht für 1859 (1860) / t_785

Nekrologe.

Gisbert Flüggen, Genre-Maler,

geboren zu Cöln am 9. Februar 1811, stammte aus einer angesehenen Kaufmanns­familie zu Lille in Flandern. Kurz vor der Geburt des jungen Flüggen siedelten die Eltern nach Cöln über, wo jedoch die früher blühenden Vermögensverhältnisse der­selben in Verfall geriethen. Daher war Flüggen schon als Knabe genöthigt, durch Beschäftigung in einer Galanteriewaaren-Fabrik für seinen Unterhalt selbst zu sor­gen. Hier scheint bereits der Sinn für Form und Gestaltung geweckt und der Ent­schluß in ihm rege geworden zu seyn, sich der bildenden Kunst zu widmen. Eine Erbschaft machte es ihm später möglich, diesen Entschluß auszuführen. Ueberra­schend waren die Fortschritte, welche er auf der betretenen Bahn machte; denn bereits im Jahre 1833 finden wir denselben in München, wo er an dem damals in höchster Blüthe stehenden künstlerischen Schaffen in würdiger Weise sich bethei­ligte. Im Jahre 1835 ließ Flüggen, nachdem er sich ein Jahr vorher verehelicht hat­te, in München sich bleibend nieder und entfaltete hier eine Thätigkeit, die mit je­der künstlerischen Hervorbringnng neue Triumphe feierte.

Flüggen liebte, ähnlich dem brittischen Wilkie, vorzugsweise die Darstellung sol­cher Sccnen aus dem häuslichen und gesellschaftlichen Leben, in welchen es eine bedeutende psychologische Aufgabe zu lösen gibt. Er schildert die Contraste und Conflicte der menschlichen Gesellschaft, Leiden und Gebrechen der Gegenwart, gibt aber seinen Bildern dadurch, daß er deren Stoff in eine dramatische Einheit zu­sammenzufassen weiß, einen geschichtlichen Charakter. Es ist zwar zum Oeftern etwas Tendenziöses in der Wahl seiner, wenn auch fast immer dem Gemeingefühl der Zeit entnommenen Stoffe; aber die poetische Gerechtigkeit, die stets in seinen Darstellungen waltet, versöhnt das Gemüth und verleiht ihnen die Weihe des höhe­ren Kunstwerkes. Hand in Hand mit der glücklichen Wahl des Stoffes geht die mit großem Geschick und feinem Takte durchgeführte Anordnung, die künstlerische Form. Die Gruppen einen und sondern sich ebenso natürlich, als klar und gefällig, so daß Linien und Massen durchweg ein harmonisches Ganzes bilden. Hiezu kommt eine treffende Charakterzeichnung, welche die einzelnen Individuen nicht selten zu Repräsentanten ihrer Gattung erhebt und ein der augenblicklichen Situa­tion entsprechender Ausdruck.

Diese Vorzüge, verbunden mit einer harmonischen Farbenwirkung und freien, brei­ten Behandlung, sichern Flüggen einen Platz unter den ersten Genre-Malern der Gegenwart.

Von seinen zahlreichen Werken erwähnen wir nur »die Schachspieler« in der ehe­mals Herzogl. Leuchteubergischen Gemälde-Gallerie, jetzt in St. Petersburg, »die überraschten Diener« im Besitz des Herrn Merkens in Cöln, »die Prozeßentschei­dung« und »die Verlobung« im Besitze des Herrn Stadtraths Jacobs in Potsdam, »die Weinprobe« und »der Morgenkuß« im Besitze des Herrn Albert Platner in-Nürnberg, »die Erbschleicher« in drei Wiederholungen in den Gallerien zu Wien, München und Hannover, »Wucherer und Künstler,« dann »die Testaments-Eröff­nung« im Besitze des Herrn Johann Dickensohn, »Morgenkuß« und »die Waise« in der Sammlung des Herrn Havemeyer in Newyork, »die Genesende« gleichfalls in Amerika,« endlich »die letzten Augenblicke Friedrich Augusts, Königs von Sachsen in Tyrol« in der k. Gallerie zu Dresden. Zu letzterem Bilde hatte der Künstler nicht nur sämmtliche Figuren nach dem Leben portraitirt, sondern auch die Lokalitäten an Ort und Stelle genau aufgenommen.

Mitten im glühendsten Schaffen – der Künstler war eben mit einem großen Gemäl­de »das Vorzimmer eines Fürsten« beschäftigt – wurde Flüggen am 3. September 1859 in seinem 48. Jahre vom Tode überrascht. Mit ihm verlor seine zahlreiche Fa­milie einen zärtlich sorgenden Gatten und Vater, die Münchener Künstlerschaft ei­nen geehrten Genossen, und die deutsche Kunst einen würdigen, hochbegabten Repräsentanten.

Bericht über den Bestand und das Wirken des Kunst-Vereins in München, während des Jahres 1859. München, 1860.


18-13-32 (Flüggen & Sonntag)