Kunstvereins-Bericht für 1840 (1841) / t_1059

Beilage X.

Biographische Notizen.
V.

Simon Mayr, königlicher Hofbau-Inspector.

Der so allgemein als aufrichtig verehrte k. Hofbau-Inspector Simon Mayr zu Mün­chen, dessen schönes Wirken mitten in seinen Berufsgeschäften auf eben so uner­wartete als beklagenswerthe Weise den 20. Oktober 1840 abgerissen wurde, war der Sohn unbemittelter Aeltern aus dem Dorfe Stum im Zillerthale in Tyrol, wo­selbst er den 28. Oktober 1779 geboren war.

Als zehnjähriger Knabe wurde er von dem damaligen Porzellainfabrik-Inspector Au­litscheck in Nymphenburg, einem Gönner seines Vaters, in Kost und Wohnung auf­genommen, und erhielt daselbst den ersten Unterricht in der Zeichnungskunst. Später besuchte er während ein Paar Jahren die von dem damaligen churfürstli­chen Oberbaudirector von Lespillers gegründete Baulehrschule zu München, und trat sodann als Bosseur in die Porzellain-Fabrik zu Nymphenburg ein. Die ihm hier obliegende einförmige Beschäftigung genügte jedoch seinem höher strebenden Sinne nicht; mit rastlosem Eifer verfolgte er die einmal betretene Bahn der Kunst, und während seine Handarbeit ihm kümmerlich den nöthigen Lebensunterhalt er­warb, verwendete er alle seine übrigen Minuten zur Uebung im Zeichnen und Ma­len.
Bald hat er sich ohne alle Anleitung so weit geschwungen, daß er als Porzellainma­ler in dieselbe Fabrik eintreten konnte, welcher er bisher als Dreher gedient hatte. Er malte fast in allen Fächern, und seine Landschaften insbesondere aber seine Genrebilder wurden wegen ihres heiteren Charakters und ihres Reichthums an Witz und Laune gerne gesehen und gekauft.

Sein früher in der Bauschule gewecktes Talent für Baukunst, so wie seine Neigung dafür ließen ihn indessen auch dieses Fach nicht vernachläßigen, und seine desfall­sigen Versuche in architectonischen Entwürfen und namentlich in Perspectiv-Zeich­nungen zogen endlich auch die Aufmerksamkeit des damaligen k. Bau-Inspectors, jetzigen k. Bauraths Thurn auf sich, dessen Anträgen er endlich Folge leistete, und als Bauzeichner in das Hofbau-Intendanzbureau eintrat, in welcher Eigenschaft er denn auch im Jahre 1805 seine erste definitive Anstellung erhielt.

Nun begannen seine Studien der Bautechnik im höheren Sinne, und seine alsbaldi­gen Leistungen als praktischer Baumeister, welche in der Folge den wesentlichen Theil seines Berufes ausmachten und ihm seiner Gründlichkeit und Vielseitigkeit wegen bald im Inn- und Auslande den Ruf eines ausgezeichneten Mannes ver­schafften, den er bis an sein Lebensende immer erhöht hat.

Er leitete den Bau der Sternwarte, des k. botanischen Gartens etc., bis ihm die Re­stauration der Residenzschlösser zu Salzburg und Innsbruck übertragen ward. Im Jahre 1620 wurde er Bau-Conducteur erster Classe, im Jahre 1821 Schloß- und Ad­ministrations-Inspector in Tegernsee, und ihm die Restauration des Schlosses Te­gernsee, so wie die Erbauung des Bades Kreuth nach eigenem Entwurfe übertra­gen. Die zweckmäßige und glückliche Vollendung dieser Bauten erwarben ihm nicht nur die allgemeine Anerkennung, sondern insbesondere die Zufriedenheit und Gnade Sr. Majestät des höchstseligen Königs Maximilian in einem solchen Gra­de, daß Allerhöchstderselbe noch vor Vollendung des Bades Kreuth, in welchem die erste Luftheizung in Bayern angebracht worden war, ihn durch Verleihung der goldenen Civil-Verdienst-Medaille auszeichnete.

Im Jahre 1826 wurde er als Hofbau-Inspector mit dem Range eines k. Regierungs­rathes nach München berufen. Hier wurde ihm die spezielle technische Leitung ei­nes Theiles jener Meisterwerke der Baukunst übertragen, welche ihr Daseyn dem hohen Kunstsinne Sr. Majestät unseres allverehrten Königs Ludwig verdanken. Es sind dieß: der Königsbau, die Allerheiligen-Capelle und der Fest-Saalbau am Hof­garten. Auch die Wallhalla bei Regensburg verdankt ihm ihre wesentlichsten und schwierigsten Constructionen. Mit Aufopferungen, welche kein Maaß kannten, lag er den äußerst schwierigen und mühevollen Arbeiten ob, welche bei Bauten sol­cher Größe und Eigenschaften in ununterbrochener Kette sich an einander reihen, nach keiner anderen Ehre, nach keinem andern Vortheile geizend, als dem Bewußt­seyn streng erfüllter Pflicht und ehrenvoll vollbrachten Wirkens.

Neben seinen Dienstesarbeiten, und die benöthigte Zeit dem Schlummer der Nacht abbrechend, führte er in den letzten Jahren seines Lebens noch nach eige­nem Entwurfe den Neubau des Krankenhauses zu Kempten, dessen Vollendung er nicht mehr erlebte.

Alle seine Arbeiten trugen den Stempel der höchsten Reife und Gediegenheit, in­dem sein angeborner Scharfsinn, sein richtiges klares Urtheil, seine Geschicklichkeit im Zurückführen aller Bedürfnisse auf die einfachste Form, seine fast beispiellose Erfahrung, sein nimmerruhender Fleiß und noch andere selten in Einer Person ver­einigte Eigenschaften bei ihm die Grundpfeiler seiner Geschäftstätigkeit bildeten.

Werfen wir endlich einen Blick auf seine Eigenschaften als Mensch, so steht das Bild eines Biedermannes in vollster, kräftigster Gestalt vor uns. Ein guter Christ, ein treuer Unterthan, ein edler Menschenfreund, trefflicher Gatte und Vater, ein uner­setzbarer Freund dem Freunde vereinigte er in sich alles, was im Menschenleben wohlthätige Harmonie erzeugt, – ein zur Nachfolge hinreißendes Beispiel männli­cher Tugend und Würde.

Wer ihn kannte, achtete ihn, wer sich seines Umgangs erfreute, liebte ihn; – er hatte keinen Feind!

Bericht über den Bestand und das Wirken des Kunst-Vereins in München, während des Jahres 1840. München, 1841.


02-06-35* (Mayr)