Kunstvereins-Bericht für 1834 (1835) / t_1710

Friedrich Fleischmann, Kupferstecher.

(Aus der Beilage des Correspondenten von und für Teutschland.)

Der rühmlichst bekannte Kupferstecher Friedrich Fleischmann wurde den 23. März 1791 zu Nürnberg geboren. Als Sohn eines Nadel- und Fischangelmachers sollte er sich von Jugend an und spater auch noch diesem Berufe widmen, obgleich der Va­ter die sich frühzeitig äußernde Lernbegierde und Fassungskraft seines Knaben mit Vergnügen bemerkte, und ihn sehr bald zur Schule anhielt. Die ihm wahrhaft ange­borne Gabe, ausgezeichnete Physiognomien auf den ersten Blick aufzufassen, und später – oft lange nachher – aus dem Gedächtniß noch auf’s Papier hinzuwerfen, äu­ßerte sich schon bei dem zarten Knaben, und er übte sie selbst an seinen Brüdern, wenn diese mit erzürnten Gesichtern ihn mit Strenge zur Arbeit anhielten.

Er erhielt theils durch Sorge seines Vaters, theils durch Theilnahme einiger Freunde desselben zuerst Privat-Unterricht im Zeichnen, dann in der Preißler’schen Zeichen-Schule, und hoffte, sich dem Berufe der Kunst widmen zu können, bis der Tod sei­nes Vaters alle diese Aussichten zu Nichte machte.

Durch Vermittlung derselben Freunde nahm ibn der Kupferstecher Ambr. Gabler in die Lehre, und gewöhnte ihn besonders zum Zeichnen nach der Natur und nach dem Leben, sowie er denn auch wahrend dieser drei Jabre schon auf eigene Hand durch Portrait-Malen und Illuminiren sich Verdienst zu verschaffen bemüht war. Ge­gen das Ende dieser Periode benützte ihn der Buch- und Kunsthändler Dr. Campe zu lithographischen Arbeiten, und als diese im Jahr 1808 aufhörtcn, übertrug ihm derselbe andere Gegenstände, ermunterte sein Talent und gab ihm Beschäftigung.

Nach einer i. J. 1809 als Portrait-Maler unternommenen kleinen Reise, bei welcher er sich nach Augsburg, München, Landshut und Straubing wendete, kehrte er wie­der nach der Vaterstadt zurück, wo er nunmehr eine große Anzahl von Blättern, Il­luminir- und Schlachten-Bilder, Kupfer zu Jugendschriften und anderen mit Fleiß, Schnelligkeit und Geist radirte und sich einen nicht unbedeutenden Erwerb da­durch verschaffte.

Später arbeitete er vorzüglich in der Punctir-Manier, verbunden mit der Linien-Ma­nier, und lieferte in derselben nach und nach eine große Anzahl von Portraiten, wel­che seine steigenden Fortschritte bewiesen. Campe nahm im Febr. 1814 ihn als Be­gleiter auf einer Reise den Rhein hinab nach Holland und England mit sich, und theils durch die interessanten Bekanntschaften mit den dortigen Künstlern, welche ihm Aufschluß und Rath über seine Kunst und ihre Manieren gaben, theils durch die Gelegenheit, die ausgezeichnetsten Helden und Heerführer der damals dort verei­nigten Armeen zu zeichnen, deren Portraite nachher von ihm in punktirter Manier gestochen wurden, schritt er in seiner Kunst so wesentlich vor, daß er von nun an nicht blos einen achtbaren Namen, sondern auch unablässige Beschäftigung mit Portraiten, Vignetten, Bildern zu Allmanachen, z. B. zum Frauen-Taschenbuch, Cor­nelia u. s. w. erlangte.

An Fruchtbarkeit mögen ihm wenige der neueren Kupferstecher im Verhältnis zu dem Alter, das er erreichte gleichkommen; denn seine Arbeiten können sich wohl auf 1900 Blätter belaufen. Unter seinen radieren und gestochenen Blättern sind manche kleinere Einfälle, Vignetten und scherzhafte Scenen durch Geist, wahren Humor, Leichtigkeit und Treue ausgezeichnet. Seine punktirten Portraite sind von großer Weiche, Zartheit und Vollendung; das größte Blatt, das er in dieser Manier arbeitete, ist der kreuztragende Christus. Er war einer der ersten Künstler, der sich im Stahlstich mit vielem Glück versuchte, so wie er auch zuerst sich einer Linier-Ma­schine zur Fertigung der Hintergründe bediente, die er mit bedeutendem Aufwan­de sich angeschafft hatte, und so bewies sich in Allem sein strebender und unter­nehmender Geist.

Um seine Vielseitigkeit als Künstler zu bezeichnen, bemerken wir noch, daß er Por­traite in Oel, Miniatur- und Aquarell-Farben malte, sich in der Glas- und Transpa­rent-Malerei, sowie in der Theater-Malerei versuchte und leicht die verschiedenar­tigsten Behandlungs-Manieren ergriff und mit Geist und Gewandtheit ausübte.

Als Mensch von Seite des Geistes, der Heiterkeit und Herzensgüte betrachtet, war er des ehrendsten Zeugnisses würdig. Liebenswürdig als Gesellschafter, reich an Humor, Witz und Laune, war er ein Freund seiner Freunde, mitleidend, herzlich und geliebt von ihnen. Als Gatte und Vater seiner sechs noch unversorgten Kinder ent­faltete er noch mehr schöne Seiten seines edlen Gemüthes.

Unannehmlichkeiten, die ihm seine humoristische Darstellung des steinernen Och­sen an der Fleischbrücke zu Nürnberg, von welchem ein Horn herabstürzte, verur­sacht hat, bewogen ihn im Herbst 1851, seinen Wohnort zu verändern, und nach München zu ziehen. Der Gram über die Veranlassung dieser Uebersiedlung sowohl, als über den Verlust eines Theils seines Vermögens machte seine Gesundheit im­mer wankender; er erkrankte im Herbste 1854, an dem Tage, an welchem er eine Reise nach Nürnberg antreten wollte, um seine längst schon begonnene Zeichnung des von Holzschuher’schen Portraits nach Albrecht Dürer zu vollenden, da er sie zu stechen beabsichtigte. Er starb den 9. November 1854 in München. Deutschland hat an ihm einen seiner fleißigsten Kupferstecher, einen in jeder Hinsicht vielseitig gebildeten Künstler verloren.

Bericht über den Bestand und das Wirken des Kunst-Vereins in München, während des Jahres 1834. München, 1835.


06-11-01* (Fleischmann)