Kunstvereins-Bericht für 1832 (1833) / t_1298

Beilage XI.

Biographische Notizen
über
Joseph Selb,
Lithograph.

Joseph Selb war der Sohn eines wenig bemittelten Landmannes, und wurde im Mo­nat März anno 1784 zu Stockach, im Lechthale, in Tyrol geboren. Seine Neigung und das Beispiel seines ältern Bruders bestimmte ihn frühe, sich der Malerei zu widmen, von welchem er auch die erste Anleitung in dieser Kunst erhielt. Er mach­te in seinem 15ten Jahre mit seinem Bruder eine Reise nach Düsseldorf, wo er von demselben, (der damals beauftragt war, einige Gemälde aus der dortigen berühm­ten Gallerie zu copiren), unterstützt, die Akademie der bildenden Künste besuchte, um sich zum Geschichtsmaler auszubilden. Nach zwei Jahren mußte er daselbst sei­ne Studien unterbrechen, und seinem ältern Bruder nach Tyrol folgen, um selben bei Ausführung einiger Frescogemälde in Kirchen behülflich zu seyn. Nach Vollen­dung dieser Arbeiten begab er sich mit seinem Bruder nach München, und setzte an der Akademie der bildenden Künste seine Studien wieder fort, wo er viel ver­sprechende Fortschritte machte.

Der im Jahre 1809 ausgebrochene Krieg und noch viel mehr die in Tyrol statt fin­denden Unruhen nöthigten seinen ältern Bruder, in das Vaterland zurück zu kehren. Bald war alle Verbindung mit Tyrol abgebrochen, und Selb, da er keine Unterstüt­zung von seinem Bruder aus dem Vaterlande mehr erhalten konnte, er in München fremd war, so gerieth er in die dürftigste und hülfloseste Lage.

Durch einen Zufall wurde er mit Hrn. Mich. Mettenleiter, Inspektor der Steuerkatas­ter-Commission bekannt, dem er seine dürftigen Verhältnisse entdeckte und wel­cher ihm bereitwillig entgegenkommend den Antrag machte, Versuche im Graviren zu machen, welche vollkommen gelangen, und wodurch ihm Unterstützung und Be­schäftigung bei der Steuerkataster-Lithographie wurde, die ihn, besonders da er als Graveur bei dem Steuerkataster angestellt wurde, in behaglichere Verhältnisse ver­setzte.

Dieses Ereigniß war für seine Zukunft von dem größten Einfluße, denn hier wurde er zuerst mit der Lithographie bekannt, und erwarb sich sodann allmälig in diesem Fache jene umfassenden und ausgebreiteten Kenntnisse, welche ihn in der Kunst­welt und in der Ausbildung der Lithographie so bekannt und berühmt gemacht ha­ben, daß ihm im Jahre 1824 oder 25 aus der lithographischen Officin des Hrn. Del­pech in Paris mehrere von H. Vernet gezeichnete Scenen aus der französischen Ge­schichte zugeschickt wurden, um sie Versuchsweise abzudrucken. Einige Steine wa­ren nur gezeichnet, und mußten von ihm erst geäzt werden, andere waren ganz präparirt, und schon gegen 200 Abdrücke davon gemacht, mir welchen man nicht zufrieden war, und wo die durch ihn hier verfertigten Abdrücke zur vollkommenen Zufriedenheit ausfielen.

Im Jahre 1816 hat er die lithographische Anstalt von dem Kunsthändler Zeller über­nommen, und mehrere Jahre geleitet. Im Jahre 1820 bat er sich mit dem Central-Gemäldegallerie-Direktor v. Mandlich, Hrn. Piloty und Strixner zur Fortsetzung des schon seit dem Jahre 1816 begonnenen Galleriewerkes vereiniget, dessen schön gezeichnete eben so geäzte und abgedruckten Exemplare in der Kunstwelt hinrei­chend bekannt sind, und keiner weitern Erwähnung bedürfen. Als Freiberr von Cotta in neuerer Zeit die Fortsetzung dieses Werkes, so wie die Herausgabe der Herzog v. Leuchtenbergischen Gemäldesammlung übernahm, so fuhr er fort, mit gleichem Eifer bis zu seinem an einem Nervenfieber am 12. April, d. Js. erfolgten Tode die Herausgabe dieser Werke zu befördern.

Joseph Selb hat sich zweimal verehelichet, in erster Ehe zwei und in der zweiten drei Kinder erzeugt. Sein in den besten Jahren erfolgter Tod erzeugte allgemeine Theilnahme, und setzte seine Familie und Freunde in tiefe Trauer.

Bericht über den Bestand und das Wirken des Kunst-Vereins in München, während des Jahres 1832. München, 1833.


20-05-01 (Selb & Vogel)