Kriegserlebnisse bayerischer Artilleristen aus den Jahren 1870/71 (1902) / t_1672

Meine Feuertaufe.
Von Major a. D. Max Schlagintweit.

In der von mir in dienstlichem Auftrage verfaßten »Geschichte des k. bayer. Fußar­tillerieregiments und seiner Stammabteilungen« habe ich bei der Schilderung der Beschießung von Bitsch auf S. 58 einer Episode in der Batterie Nr. 1 Erwähnung gethan, welche geeignet sein dürfte, hier näher ausgeführt zu werden, wobei ich den Aufzeichnungen meines Kriegstagebuches folge.

Vorausgeschickt sei, daß zur Beschießung der Festung Bitsch, welche aus der auf felsigem Grunde hochaufgebauten, starken Cidatelle und der ihr zu Füßen gelege­nen, mit Wall und Graben umzogenen Stadt bestand, auf dem westlich der Citadel­le gegenübergelegenen Höhenzuge 6 Batterien, und zwar 5 Kanonenbatterien und 1 Mörserbatterie erbaut waren; die letztere – Batterie Nr. 2 – war mit 4 glatten 60 Pfünder-Mörsern (30 cm Kaliber), die ersteren mit je 4 gezogenen Feld-12 Pfünder-Rohren (12 cm Kaliber) mit Kolbenverschluß, auf Feldlaffeten liegend, armiert. [Sie­he zur Orientierung die dem Abschnitte »Vorgänge um Bitsch« im V. Band Seite 1366 des Generalstabswerkes beigelegte Skizze im Maßstabe 1:80 000.] Für den artilleristischen Dienst waren 2 Festungsbatterien des 2. und 1 Festungsbatterie des 4. Artillerieregiments aus der Festung Germersheim zum Einschließungsdeta­chement herangezogen. Die Beschießung hatte am 11. September 1870 ihren An­fang genommen.

Am 13. September mittags wurde ich zufolge Detachementsbefehl auf 24 Stunden in die Batterie Nr. 1 als Ablösung des bisherigen Batteriekommandeurs, Oberleut­nant Graf von Rambaldi, kommandiert. Für mich bedeutete dieser Befehl meine Feuertaufe; denn bisher war ich als »der jüngste Artillerieleutnant« als Munitionär im Park kommandiert und hatte in dieser Eigenschaft das undankbare, wenn auch sehr wichtige Geschäft des Munitionsnachschubes für die 6 Batterien zu besorgen.

Man kann sich vorstellen, mit welchen Gefühlen, in welch gehobener Stimmung ich mit meiner Ablösungsmannschaft nach der am rechten Flügel der ganzen Ge­schützaufstellung gelegenen Batterie marschierte!

Zur befohlenen Stunde, Punkt 5 Uhr abends, traf ich in der Batterie Nr. 1 ein. Die Übernahme war rasch vollzogen; nach dem letzten Feuerbefehle hatte der 1. Zug gegen die feindliche Geschützstellung der rechten Face von Bastion I der Citadelle, der 2. Zug in die Stadt auf ein am Nordende gelegenes großes Gebäude zu feuern, das von Truppen besetzt sein sollte. Die Entfernung gegen das erstere Ziel betrug 1900, gegen das letztere Ziel 2400 Schritte. Die Batterie war den Tag über unter mäßigem feindlichen Feuer gestanden; Schaden war in derselben keiner angerich­tet.

Obwohl die sämtlichen Batterien somit hinter dem vorliegenden Höhenkamme zu­rücklagen, daß sie der feindlichen Einsicht vollkommen entzogen waren, mußte man in der Festung den Vorgang der Batterieübernahme, der sich in der gleichen Zeit auch in der Nachbarbatterie Nr. 2 vollzog, doch richtig vermutet haben; denn alsbald richtete sich von der Citadelle aus das Feuer mit ganzer Wucht auf diese beiden Batterien und zwar mit einer unheimlichen Genauigkeit; die Geschosse schlugen alle entweder kurz vor unserer Batterie auf der vorliegenden Kammlinie ein, oder sie flogen dicht über die Batterie hinweg, in dem dahinter gelegenen Laubwald einen Höllenlärm verursachend; die Batterie Nr. 1 war sichtlich in die be­rüchtigte »enge Gabel« eingeschlossen!

Ich befand mich eben am linken Flügel der Batterie, um beim 4. Geschütz etwas nachzusehen, als ein Mann mit dem Ausrufe auf mich zustürzte: »Herr Leutnant, bei uns liegt einer!« Wirklich traf ich am 2. Geschütz einen Kanonier ausgestreckt und unbeweglich am Boden liegen, den Kopf bereits in einer großen Blutlache schwim­mend; es war der Kanonier Johann Härtel von der 2. Festungsbatterie »Schmauß« (4. Artillerieregiments). Eine durch die Scharte fliegende Granate hatte den Kano­nier, als er im Begriff war ein Geschoß in das Rohr einzuführen, am Hinterkopfe er­heblich gestreift, was eine tödliche Gehirnerschütterung zur Folge hatte. Sofort ließ ich die Blessiertenträger holen, die für den rechten Flügel am Westhange des Schimberges Bereitschaft hatten, und den im Todesröcheln Liegenden in den Lauf­graben verbringen, woselbst ich ihm in aller Eile um die klaffende Wunde einen Notverband anlegte. Kanonier Härtel, ein Pfälzerkind, verstarb noch auf dem Trans­porte nach dem am Fuße des Schimberges gelegenen Orte Reiersweiler, woselbst er am gleichen Tage begraben wurde.

Als ob der Feind seinen Erfolg in der Batterie bemerkt hätte – er stellte sich we­nigstens bald zufrieden, indem das Feuer von 1/2 6 Uhr ab langsamer wurde, um dann ganz eingestellt zu werden. Auch ich ließ das Feuertempo dementsprechend vermindern, bis ich um 7 Uhr abends Befehl erhielt, die Nacht über das Feuer ebenfalls ganz einzustellen und dasselbe erst wieder zu beginnen, »sobald der Mond aufgegangen sei«. Auf der ganzen Linie war es nun stille geworden; nur aus der Stadt knisterte und leuchtete starker Brand. Um 8 Uhr abends traf 1 Kompa­gnie Infanterie als Laufgrabenbesatzung neben der Batterie ein.

Man glaube aber nicht, daß die Feuerpause der Batteriebesatzung Nachtruhe brachte, denn ziemlich umfangreich waren die Beschädigungen, welche dem Batte­riebau durch das feindliche Feuer zugefügt worden. So galt es, die Geschützschar­te durchweg auszubessern, zwei eingefallene Unterstände wieder herzurichten, die Bettungen zu befestigen, den vor- und seitwärts der Batterie angelegten Beobach­tungsposten zu verstärken und anderes mehr.

Und als all diese Arbeiten beendet waren – es war gegen 3 Uhr morgens – da stieg der Vollmond über das Kampffeld auf und die Batterie Nr. 1 war die erste, welche in frischem Kampfesmut den ehernen Morgengruß zur jungfräulichen Citadelle hin­überschickte.

Major a. D. Max Schlagintweit: Kriegserlebnisse bayerischer Artilleristen aus den Jahren 1870/71 von den Mitkämpfern erzählt. München, 1902.


02-07-17 (Schlagintweit)