Kleine Delphin-Kunstbücher (1921) / t_1331

Carl Spitzweg

Mit dem Aufruf des Namens »Carl Spitzweg« tritt die menschlich empfindsamste, künstlerisch bedeutendste Erscheinung aus der nicht allzu großen Schar deutscher Maler vor uns, die als Nachzügler der mondumglänzten Romantiker schon den schlichten Vortrab des Realismus gebildet haben. Erst in einer Entfernung von den Zeiten vor der Einigung Deutschlands, die abschließende Übersicht gestattete, ist es möglich geworden, den Wert dieser besonders in Süddeutschland für die Ent­wicklung einer immer freieren und lebendigeren künstlerischen Darstellung wichti­gen Genossen gebührend einzuschätzen und das Verdienst der einzelnen zu son­dern. Mit überraschender Deutlichkeit heben sich aus diesem Kreise die Persönlich­keit und das Werk Carl Spitzwegs heraus, die Natürlichkeit, die Anmut und die ma­lerische Kraft des bescheidenen Meisters verleihen den Absichten seiner Kunst erst jetzt die gebührende allgemeine Anerkennung. Wohl ist Spitzweg Münchner, und zwar ein typischer Vertreter der Münchener Kunst im 19. Jahrhundert, aber seine Schöpfungen, völlig frei von lokalen Anspielungen und Traditionen, haben als die ansprechendsten Erinnerungen der Biedermeierzeit in ganz Deutschland Freunde gefunden.

Ein Menschenalter ist vergangen, seitdem Carl Spitzweg zu Grabe getragen wurde. Das Geheimnis seiner Kunst schied mit ihm, der keine Schüler und Nachfolger be­saß. Aus dem Werk Carl Spitzwegs tritt uns schon aus diesem Grunde die Ur­sprünglichkeit einer ungewöhnlich hohen künstlerischen Begabung anregend und überzeugend vor Augen, und der Humor seiner Schilderung, den wir an den zahllo­sen Zeugnissen seiner künstlerischen Laune verfolgen, wie sie uns in seinen Bildern und Zeichnungen erhalten sind, überträgt sich ganz von selbst auf den Beschauer. So ergibt sich der Wunsch nach einem kurzen Bericht über das Leben dieses freundlichen Junggesellen, der uns immer wie ein gütiger Onkel erscheint, dessen Launen und Grillen wir uns gerne anschmiegen, weil seine Geschichten uns unbe­zwinglich festhalten, als eine unmittelbare Folgerung der verschiedenartigen Ein­drücke, die wir von Spitzwegs Kunst empfangen.

Spitzweg ist einer der wenigen hervorragenden Münchner Künstler, die schon von Geburt Münchner waren. Sein Vater ist ein wohlhabender und angesehener Bürger gewesen, auch politisch trat er hervor, und im Landtage hat er das Denkmal des Königs Max Joseph vor dem Hoftheater angeregt. Von der Kunst wollte er sonst freilich nicht viel wissen. Er war bestrebt, den Sohn, folgsam wie dieser war, zu ei­nem guten und bürgerlich angesehenen Berufe zu erziehen. Man schickte ihn in die Lateinschule, und dann vertauschte er den Cicero mit dem Mörser des Apothekers. Die Hofapotheke hat die Ehre, »Subjekt« und Provisor Spitzweg zum behäbigen Apotheker ausgebildet zu haben. Wir können uns den kurzsichtigen Meister gut vorstellen, wie er mit Fläschlein und Pillenschachtel hantierte, und ein kleiner Rest seines ursprünglichen Berufes steckt deutlich erkennbar in der Bedachtsamkeit und Genauigkeit des Künstlers, der an den »nachdrücklichen« Apotheker in Goethes Hermann und Dorothea gemahnt. Als Spitzweg die Rothenburger Marienapotheke malte mit dem ängstlich wartenden Mütterlein und dem wichtigtuerischen Provisor, der im Stoßen innehält, um der sittsam vorbeispazierenden Jungfer Nachbarin feu­rige Blicke nachzusenden – da wird er sicher vergnüglich an die eigene Lehrzeit zu­rückgedacht haben, in der er übrigens eine reichlich zugemessene Urlaubzeit klug nutzte, um nach Tirol und Italien hineinzusehen.

Da starb der Vater. Fast dreißigjährig grüßte Carl Spitzweg die Freiheit. Aber den neuen Beruf besserte sich die Meinung bei den Münchenern. Die Gunst König Lud­wigs I. leuchtete den Künstlern, und so fühlte sich auch der Bürger der Stadt bemü­ßigt, um nicht nach obenhin Ärgernis zu geben, eine freundlichere Miene zu ziehen. Aus dem absprechenden »Malervolk« wurde Wohlgeboren der Herr Kunstmaler. Spitzweg konnte als Erbe eines stattlichen Vermögens die Nachteile des Künstler­berufes vermeiden, aber die Akademie besuchen wollte er dennoch nicht. Seit Jah­ren hatte er Büchelchen mit Skizzen gesammelt, den eigenen Augen folgend, fest­gehalten, was seine Laune anregte, zahnwehkranke Dienstboten und ausgediente brummige Feldzugssoldaten draußen in Bruck, den verulkten Flurhüter im Engli­schen Garten und die preziösen alten Jungfern auf der Promenade, übergewissen­hafte Briefträger und grillenhafte Stadtoriginale – ein Material stand ihm zur Verfü­gung, wie es zu gleicher Zeit der norddeutsche Autodidakt Menzel nicht fleißiger zusammengebracht hat. Zu den Figuren fand sich alsbald die Bühne, auf der sie stimmungs- und beifallssicher wandelten. Spitzweg zog aus mit Schleich, dem prächtigen Landschafter, um die Sonne im Dachauer Moor scheiden zu sehen, er wanderte ins Isartal zu Füßen unserer Voralpen, an manchem unersteiglichen Fels­block, den allein der romantische Efeu zu erklettern vermag, sah er hinauf, und dann versuchte er heimlich die Waldnymphe im grünen Bergsee zu belauschen. Er stieg empor zu der Sennerin auf der Alm, lagerte im hellen Grün und blinzelte er­wartungsvoll die Windungen des Pfades hinab, ob nicht am Gatterl drunten sich et­was ereignen werde, ob nicht der Forstler oder der Bader daherkäme, und sein Herz frohlockte, als er einmal gar den juhschreienden heimkehrenden »Leiber« an­rücken sah. War’s noch zu kalt, um bergwärts zu rüsten, bummelte er gemächlich in den engen Gassen der Münchener Altstadt, und als es ihn antrieb, die Höfe und Tore, die seltsamen Giebel und die blumenumstellten Erker der alten Reichsstädte kennen zu lernen, fuhr er auf der Thurn und Taxisschen Post weit über Land und zeichnete in Nördlingen und Dinkelsbühl, vor allem in der Stadt, deren dichterisch-verklärtes Märchendasein seine Muse so verwandtschaftlich nahe ansprach, in Ro­thenburg ob der Tauber.

Dieser kecke Wandersinn des Malers stellt ihn in Beziehung zu einer ganzen Grup­pe Münchener Künstler, neben denen er sich ganz selbständig hält. Während der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts bildete das künstlerische Leben Münchens zwei scharfe Gegensätze. Es schritt teils einher auf dem hohen Kothurn akademisch-selbstgefälliger klassizistischer Tradition, teils war es ein romantisches Nachzügler­tum voller Humor und Laune, eine lustige Schar, die mit offenen Augen durch die Gassen und über die Landstraßen lief, dort Cornelius, Kaulbach, Heß, hier die Kai­ser und Morgenstern, die Bürkel und Schleich, im Fähnlein dieser Aufrechten der stattlichste Bannerträger, Carl Spitzweg. Was ihn über die Genossen erhebt, ist die nach Stoff, Gehalt und malerischer Technik frei und frisch sich aussprechende Ei­genart seiner Kunst. Denn er wertete in seiner Phantasie, deren Lebendigkeit ihm die merkwürdigsten Kunststücke gelingen ließ, wie etwa die wegen ihrer Natur­wahrheit angestaunten Bilder aus dem Orient, die er nach der eifrigen Durchnahme eines gewichtigen ethnographischen Werkes über Ägypten schuf, frei im Kopf Ge­schautes und Gelesenes um und kopierte gleichsam nach einem Bilde, das er schon fertig in sich trug. Das Anekdotenhafte des Genre, die köstliche Pointe kam dann erst in zweiter Linie und fiel weg, wenn sie sich hätte erzwingen lassen müssen und sich nicht ganz von selber gab. Das malerisch Natürliche der Ausführung ist viel­leicht das Anziehendste der Spitzwegschen Kunst. Für die Harmonie der Farben, für die kleinste Nuance wie für den absichtlichen Kontrast mit der gleichen sensiti­ven Feinheit des Empfindens begabt, entzückt und erstaunt sie durch die Einfach­heit des Eindrucks, die rein äußerlich durch das kleine Format der Bilder verstärkt wird.

Spitzweg nahm es sehr gewissenhaft bei der Arbeit. Wenn das Werk seiner Kritik nicht standhielt, wanderte es in den Ofen, und so ging es fort, bis endlich, oft erst nach einem Dutzend von Versuchen, die gerunzelte Stirn sich in zufriedenen Falten glättete. Das wichtigste Instrument des Ateliers war das zerstörende Federmesser. Trotzdem hat der Meister, dem ein unermüdlicher Fleiß bis zum letzten Stündlein eigen war, Hunderte von Bildern hinterlassen. Man hat sich bemüßigt gefühlt, meh­rere Perioden in der Kunst Spitzwegs zu unterscheiden. Doch ist nur ein einziger wirklich wichtiger Wendepunkt deutlich wahrzunehmen. Dem Münchener Freun­deskreise, dem Dyck und Flüggen Anregungen gaben, welchen Spitzwegs frühe Bilder sich nicht entziehen konnten, mit dem Freunde Schleich 1851 zu einer länge­ren Studienreise nach Frankreich und England entwichen, hat Spitzweg in London von den theoretischen Erklärungen Burnetts gelernt, in Paris Decamps und Diaz, vor allem Eugen Delacroix technische Ausdrucksmittel abgesehen, die er, heimge­kehrt, maßvoll prüfte. Ähnliche Anregungen gaben ihm die holländischen Meister, die er in Pommersfelden und München liebevoll kopierte. Als glückliche Folge die­ses doppelten Verkehrs zeigt sich bei Spitzwegs späteren Werken in der Farbe eine gesteigerte Klärung der hellen Töne, die seine Technik bis an die Grenze impressio­nistischer Farbenentwicklung gelangen lassen, in der Zeichnung eine sichere Aus­nutzung architektonischer Wirkungen im Raum. Ein volles Menschenaller ist Spitz­weg sich so treu geblieben. Während er äußerlich die liebenswürden Seiten des verbitterten Junggesellen zur Schau trug, blieb der Künstler auf der schaffensfreu­digen Höhe stehen – einer Höhe, deren überragende Position er skeptisch und weltverachtend nicht einsehen wollte.

Mit dem Namen »Spitzweg« verbindet sich nunmehr eine feste Vorstellung, die die Nachwelt stärker und sehnsuchtsvoller empfindet. An seinen Bildern allen haftet der feine Duft, den wir einstmals als Kinder einsogen, als Großmutter ihren Schrank öffnete, um ihr Brautkleid mit den guten Spitzen zu zeigen. Es ist der milde Hauch der guten alten, der glücklichen goldnen Zeit. Der Maler mit dem weichen Herzen, den die Nachbarschaft als höchsten Schiedsrichter in allen menschlich-häuslichen Dingen verehrte, der stille Erzähler und Dichter hat manchmal auch zur Feder ge­griffen, um den launigen Einfällen des Pinsels andere Genossen zu geben, sarkasti­scher und tiefer Art. Allgemein suchte man sein Wesen, das zwischen liebenswürdi­ger Schelmerei und geistreichem Necken, holder Beschaulichkeit und junggesellen­haftem Gram schwankte, neben Jean Paul zu stellen. Uns steht Altmeister Spitzweg neben einem Anderen, Größeren, dessen Ruhm ebenfalls stündlich wächst, neben Gottfried Keller. In Spiegel dem Kätzchen ist gedruckt: »Sogleich kleidete sich der Herr Pineiß in sein abgeschabtes gelbes Sammetwämschen, das er nur bei feierli­chen Gelegenheiten trug, setzte die bessere Pudelmütze auf und umgürtete sich mit seinem Degen; in die Hand nahm er einen alten grünen Handschuh, ein Balsam­fläschchen, worin einst Balsam gewesen und das noch ein bißchen roch, und eine papierne Nelke, worauf er vor das Tor ging, um zu freien.« Kann man sich eine köstlichere Beschreibung Spitzwegscher Figuren denken? In diesen Worten stehen sie leibhaftig vor uns. Und wie wir Meister Gottfried den schlichten Eichenkranz ge­ben, um ihm die Jubellast des Lorbeers zu ersparen, so wollen wir Carl Spitzweg feiern, den ewig jugendlichen Meister unserer deutschen Kunst. Wenn wir abends den Staub gewischt haben von der ältesten Lampe unseres Hausrates, und sie dann schwachen, wohltuenden Schein wirft über den eichenen Tisch, dann nehmen wir die Blätter zur Hand, auf denen der stimmungsvolle Apostel häuslichen Beha­gens, der köstliche Erzähler harmlos heiterer Geschichten, der gründlichste Beob­achter der guten alten Zeit und des gemütlichen Daseins von ehemals so herzen­sinnig zu uns spricht: »Liebe das Leben mit seinen Torheiten.« Denn so heißen die goldenen Worte über der Türe zum Herzen der Spitzwegschen Kunst.

Kleine Delphin-Kunstbücher. 1. Bändchen: Carl Spitzweg. München, 1921.


05-17-10 (Spitzweg)