Katholisches Sonntagsblatt (25.12.1853) / t_1627

Der bereits in Nr. 46 genannte unglückliche Sohn und Muttermörder Jakob Engel­hart von Schattenhofen wurde vorigen Montag den 19. d. durch das Schwert öf­fentlich in München hingerichtet. Er hatte 3 Tage vorher die Urtheilspublikation sehr gleichgiltig und fast lächelnd hingenommen; dagegen die beiden ihm zuge­wiesenen Seelsorger HH. Benefiziat Sintzel und Cooperator Schmidbauer mit freu­digem Händedruck empfangen. Am 18. nahm er von seinen drei Geschwisterten, seinem Taufpathen, einem Nachbarn und einem Knechte seines elterlichen Anwe­sens unter Thränen Abschied für dieses Leben, und bat sie dringlichst, sie möchten an seinem Unglücke sich zu gewissenhafter Befolgung der Christenpflichten erbau­en. Die nach der Hinrichtung auf dem Schaffote gehaltene Rede des Herrn Coope­rators ist, insoweit uns hierüber ein Urtheil zusteht, in jeder Hinsicht ausgezeichnet zu nennen. »Es ist freilich furchtbar, sagt er unter anderm, wenn, wie dieß bei En­gelhart der Fall gewesen, erst die Todesstrafe den Menschen zu Gott führen muß. Der Unglückliche hatte erst in seiner Gefangenschaft Gott und sich selbst kennen und wieder recht beten gelernt, dadurch Reue in das Herz, Offenheit in den Mund, Thränen in das Auge und Muth in die Seele bekommen. Aber noch furchtbarer ist es, wenn der Verbrecher dem Arm der Gerechtigkeit hienieden entgeht; denn da­für wird er nur einem strengeren ewigen Richter im Jenseits anheimfallen.«

Was der hochw. Redner auf dem Schaffote über die Entstehung und Folgen des Lasters gesagt hat, läßt sich nur sehr unvollkommen in Kürze mittheilen. »Jede sündhafte Neigung kann in Leidenschaft ausarten, wenn der Mensch ihr nicht wi­dersteht; kann ihn mit sich fortschleppen und auf eine Richtstätte liefern. Wehe dem Menschen, der seine Herzensregungen nicht überwacht, der das Schlangenei, das der böse Feind ihm in’s Innere legt, nicht augenblicklich zerdrückt; der die Waf­fen gegen das Böse nicht gebraucht, nicht betet, nicht meidet. Weh‘ ihm, wenn er von sich wirft den Schild des Glaubens, den Helm der Hoffnung und das Schwert des Wortes Gottes. Denn sieh! sobald die Wollust oder Habsucht, oder Neid oder Hochmuth, oder Arbeitsscheu oder Spielsucht, oder die Herrsch- und Rachgierde etc. kurz, sobald die Leidenschaft herrschend wird in dir (und wie bald, wie leicht kann sie herrschend werden) so bald auch bist du ihr Knecht, und sie macht mit dir und aus dir was sie will; macht dich blind und taub gegen deine Pflicht.«

Auch an die Eltern richtete der Redner einige ernste Worte, und ermahnte sie zu einer ernsthaft christlichen Erziehung ihrer Kinder: durch Unterricht, Züchtigung und gutes Beispiel. »Ihr klaget, sagte er, über schlechte Zeiten und Menschen, über Verfall der Religion und Sittlichkeit, über Ausartung, Rohheit und Zügellosigkeit der Jugend u. s. f.; aber das Alles liegt größtentheils an der Kinderzucht. Wenn ihr El­tern und Vorgesetzte es wollt, so blüht Religion und Sittlichkeit wieder auf; wenn ihr wollt, wird die Jugend frömmer und gesitteter, und eure Nachkommenschaft besser und glücklicher. Nachlässig und übel erzogene Kinder werden nicht nur eine Geißel der menschlichen Gesellschaft, sondern zunächst auch eine Geißel ihrer ei­genen Eltern, wenn nicht gar wie in diesem Falle der ungerathene Sohn ein Mörder seiner eigenen Mutter. Denn die hl. Schrift sagt: 5 Mos. 27, 16. »Gottes Fluch über den, der seinen Vater und seine Mutter nicht ehrt; und alles Volk soll sagen: Amen.«

Anmerkung. Merkwürdiger Weise waren dießmal bei der Hinrichtung weniger Frau­enspersonen als sonst auf den Straßen des Zuges, und noch weniger am Schaffote zu sehen. Dieß gereicht, dafern sie nicht Schnee und Kälte abgehalten hat, ihnen immerhin zur Ehre. In den vereinigten Staaten Nordamerika’s ist es Sitte, die armen Sünder vor ihrer Hinrichtung erst in die Kirche zu führen und dort noch eine Ermah­nungsrede anhören zu lassen. Der berühmte Bischof Herr von Cheverus hatte einst­mals als Priester 2 junge Irländer zum Tode zu bereiten, und mußte also auch vor der Hinrichtung die Kanzel besteigen. Als er nun unter der ungeheuren Volksmasse auch eine Menge von Weibern sah, gerieth er in heiligen Eifer dergestalt, daß er in folgende Worte ausbrach: »Die Redner fühlen sich gewöhnlich geschmeichelt, wenn sie ein zahlreiches Auditorium haben; allein ich für meine Person schäme mich heute desjenigen, welches ich vor Augen habe. Es gibt also wirklich Menschen, für welche der Tod ihres Gleichen ein ergötzliches Schauspiel, ein Gegenstand der Neugierde ist?! Und insbesondre ihr Frauen, was wollt denn ihr hier thun? etwa den kalten Todesschweiß abtrocknen, der von dem Antlitz dieser Unglücklichen herabrollt? oder die schmerzlichen Bewegungen erfahren, welche diese Szene in je­der gefühlvollen Seele hervorrufen muß? Gewiß nicht! Also nur um ihre Todesangst zu sehen, und zwar mit trocknen Augen, voll eifriger Neugierde sie zu sehen seid ihr gekommen! O ich schäme mich eurer! Nur für Menschenmord habt ihr ein Auge! Ihr rühmet euch gefühlvoll zu sein, und nennt dieß die erste Tugend des Weibes; aber wenn die Hinrichtung eines Andern ein Vergnügen, und der Tod eines Men­schen eine euch anlockende Ergötzung der Neugierde ist, so darf ich an diese eue­re Tugend nicht mehr glauben! ihr verleugnet dann euer Geschlecht, das ihr entehrt und beschimpft!«

Als der Redner geendet hatte, ging die Hinrichtung vor sich; aber nicht eine einzi­ge weibliche Person wagte dabei zu erscheinen; Alle kehrten mit Scham über sich selbst, und erröthend über die barbarische Neugierde, welche sie herbeigeführt hatte, aus der Kirche nach Hause.

Katholisches Sonntagsblatt No. 53. München, den 25. Dezember 1853.


12-07-08* (Engelhard)