Illustrirtes Kreuzerblatt (1869) / t_1650

Max Joseph Pettenkofer.

Der Träger dieses in der Gelehrtenwelt häufig genannten Namens ist zu Lichten­stein bei Neuburg in Bayern am 3. Dezember 1818 geboren, Sohn eines Landwir­thes. Er besuchte, nachdem er seine ersten Jugendjahre in dem einsam im Donau­moor gelegenen väterlichen Hause zugebracht, die Lateinschule und das Gymnasi­um zu München mit ausgezeichnetem Erfolge und ging im Herbste 1837 an die dortige Universität über. Hier studirte er Philosophie, Chemie und Medicin, und wurde am 30. Juni 1843 zum Doctor der Medicin, Chirurgie und Geburtshilfe pro­movirt, worauf er jedoch, um unter J. Scherer und J. v. Liebig seine wissenschaftli­che Ausbildung zu vollenden, noch die Universitäten Würzburg und Gießen bezog. Später arbeitete er als Assistent an der königlichen Münzanstalt zu München. Seine wissenschaftliche Bedeutung ward früh anerkannt; denn schon 1846 erwählte ihn die bayerische Akademie der Wissenschaften zu ihrem Mitgliede; 1847 wurde er zum Professor an der medicinischen Fakultät der münchener Universität ernannt. Im Jahre 1850 starb sein Oheim, der königliche Leib- und Hofapotheker Dr. Franz Pettenkofer, welcher viel Einfluß auf den wissenschaftlichen Bildungsgang des Nef­fen genommen. Letzterem wurde hierauf an Stelle des Verstorbenen die Hofapo­theke anvertraut, später ward er noch Mitglied des Obermedicinalausschusses.

Man kann wohl behaupten, daß diese vielseitige Beschäftigung, die einen Anderen verflacht haben würde, auf Pettenkofer’s Genie einen höchst günstigen Einfluß nahm und es zu jenen Folgen brachte, die dem Manne einen bleibenden Namen in seiner Wissenschaft verschaffen. Pettenkofer hatte sich von vornherein auf einen hohen Standpunkt gestellt, welcher ihm erlaubte, nach allen Seiten hin seine wis­senschaftlichen Hebel in Bewegung zu setzen, wo immer sie auf die Bedürfnisse der Zeit einwirken konnten. Dabei unterstützte ihn eine imposante Arbeitskraft. So konnte er Arbeiten schaffen wie jene über die Affinirung des Goldes, über die Ver­breitung des Platins, über Cemente. Glänzend sind seine Verdienste um die Fabri­kation von Leuchtgas aus Holz und Torf, welche auch sofort unmittelbar praktische Würdigung fanden. Von höherer Bedeutung noch sind seine seit Jahren ununter­brochenen Arbeiten über die Verbreitung der Cholera, verbunden mit seinen Un­tersuchungen der Bewegung und sanitätlichen Einwirkungen des Grundwassers, welche ihn in jüngster Zeit bis nach Spanien geführt haben. Diese Untersuchungen sind es, welche ihm den größten wissenschaftlichen Ruf verschafften, freilich nicht ohne eine lebendige Polemik zu veranlassen, welche indessen schließlich mit dem Siege Pettenkofer’s endete. Ein von ihm erfundener Respirationsapparat, aufge­stellt im münchener physiologischen Institute, verschaffte ihm neue Lorbeeren. Die­ser Apparat, das größte existirende Meßinstrument für wissenschaftliche Zwecke, gestattet die genaueste Beobachtung und Untersuchung der dem athmenden Or­ganismus zu- und abströmenden atmosphärischen Luft und ihre sowie ihrer einzel­nen Bestandtheile Messung. Dieser Apparat wird durch eine Dampfmaschine be­dient und enthält eine förmliche Wohnung; die Mittel zu der kostspieligen Herstel­lung bot König Maximilian. Eine andere Erfindung Pettenkofer’s, die in der Kunst­welt das größte Aufsehen machte, ist sein Regenerationsverfahren. Durch einen einfachen chemischen Proceß macht es dieses Verfahren möglich, alte Oelgemälde, welche den Glanz und das Licht ihrer Farben verloren haben und deren Farbenflä­che durch kleine Risse vielfach zersprengt ist, in ursprünglicher Schönheit wieder herzustellen. Dabei wird die Restauration durch den Pinsel, welche eben so viel werthvolle Kunstschöpfungen zerstört als wiederhergestellt hat, überflüssig ge­macht.

Die Praxis, deren Verhältniß zur wissenschaftlichen Theorie Pettenkofer in einer der schönsten und gehaltreichsten Universitätsreden, die je gehalten wurden, darge­legt hat, hat die Erfindungen Pettenkofer’s längst zu verwerthen begonnen.

Pettenkofer ist eine liebenswürdige, anspruchslose Persönlichkeit und unstreitbar eine der ideenreichsten Gelehrten der modernen Wissenschaft, welche von dem noch im Vollgenusse seiner schöpferischen Geisteskraft stehenden Mann das Größ­te erwarten darf. Der verstorbene König Maximilian ehrte ihn und nahm ihn unter die Ritter des Maximiliansordens für Kunst und Wissenschaft auf; die münchener Universität erwählte ihn 1865 zum Rektor.

Illustrirtes Kreuzerblatt Nr. 69. Eine Wochenschrift für Jedermann. Augsburg, 1869.


31-01-33/34 (Pettenkofer)