Illustrirte Zeitung (28.8.1886) / t_1681

Die Urne mit dem Herzen König Ludwig’s II.

Am Morgen des 16. August bewegte sich ein feierlicher Zug von der alten Hofka­pelle in München durch die Residenzstraße, über den Max-Joseph-Platz, durch die Maximiliansstraße nach dem Ostbahnhof. Schon um halb sechs Uhr wurde in der Hofkapelle in Gegenwart der für die Ueberführung des Herzens Ludwig’s II. er­nannten Commission eine Messe gelesen. Nach Beendigung der kirchlichen Hand­lung wurde das Gefäß mit dem Herzen des Königs, mit einem schwarzen Velum be­deckt, durch den Stiftsdekan Ritter v. Türk in Begleitung der Commission zwischen Spalier bildenden Hartschieren in einen mit sechs Pferden bespannten Wagen ge­tragen, worin der Dekan alsdann Platz nahm und unter dem Geleit einer Abthei­lung des 1. königl. schweren Reiterregiments Prinz Karl nach dem Ostbahnhof fuhr, den dort befindlichen Extrahofzug bestieg und sich nach Neu-Oetting begab. Da­selbst angelangt, bestieg er wiederum den bereitstehenden sechsspännigen Wa­gen, der ihn nach der Stiftskirche in Alt-Oetting brachte. Um 9 Uhr traf der Wagen am Portal der Stiftskirche in Alt-Oetting ein, wo der Stiftsdekan vom Bischof von Passau, den Gemeindevertretungen von Neu- und Alt-Oetting, einer Deputation des Offiziercorps von Burghausen und sämmtlichen Bürgermeistern des Amtsbe­zirks empfangen wurde. Der Bischof celebrirte alsdann unter Assistenz des ge­sammten Klerus der Diöcese Passau das Requiem, während das »Libera« von Ett in­tonirt wurde.

Die Urne, welche das Herz König Ludwig’s II. einschließt, ist von dem Hofsilberar­beiter Eduard Wollenweber in München angefertigt und verdient die Bezeichnung als Kunstwerk ersten Ranges. Der rühmlichst bekannten Firma war mit der Herstel­lung dieser Urne, für welche der Architekt Brochier den Entwurf und die ausführli­che Zeichnung lieferte, eine eigenartige Aufgabe gestellt, welche aber, wie ein Blick auf das vollendete Werk zeigt, in sehr glücklicher Weise und zweckentspre­chend gelöst wurde. Die deutlich ausgesprochene Herzform der Urne bringt deren Bestimmung sofort zur Anschauung. Die Ausschmückungen sind so gewählt, daß sie in sinniger und pietätvoller Weise andeuten, was das innen verwahrte Herz im Leben besonders beschäftigt und beglückt hat; die Urne ist nämlich in dem Stile gehalten, welcher dem verstorbenen König stets vor Augen schwebte, in dem Lud­wig’s XIV.; an beiden Seiten ist je ein Sträußchen von Alpenrosen und Edelweiß, dem Schmucke der von dem König so sehr geliebten Berge, angebracht, während die Vorderseite das von einer Krone überragte verschlungene Doppel-L, die mit ei­nem Verschlusse versehene Rückseite das bairische Wappen zeigt. In diese als äu­ßere Umhüllung dienende, auf einem schwarzen Marmorsockel, von dem sich die silber vergoldete Inschrift: »Ludwig II. König von Baiern« wirkungsvoll abhebt, ru­hende Urne ist das verlöthete und versiegelte Zinnbehältniß mit dem Herzen des Königs ganz knapp eingefügt. Das Ganze, mit dem Sockel 60 Cmtr. hoch, wirkt edel und harmonisch; die einzelnen Theile, die zumeist in Silber getrieben sind, be­kunden eine hohe Meisterschaft der Technik und die liebevollste Durchführung. Die nach der Natur getriebenen Alpenblumen sind wahre Cabinetsstücke.

Illustrirte Zeitung Nr. 2252. Leipzig und Berlin, 28. August 1886.


01-08-13 (Wollenweber)