Illustrirte Zeitung (21.10.1882) / t_209

Karl v. Halm.

Am 7. Oktober umstand ein großer Kreis von trauernden Freunden und Verehrern ein offenes Grab auf dem südlichen Friedhof zu München. Es waren die Ueberreste des königl. Professors und Direktors der Hof- und Staatsbibliothek Dr. Karl Felix v. Halm, die man dort zur Erde bestattete.

Karl v. Halm war am 5. April des Jahrs 1809 in München als der Sohn eines Kunst­händlers geboren und verlebte seine Jugendjahre in seiner Vaterstadt. Durch per­sönliche Neigung zu den humanistischen Studien hingezogen, widmete er sich un­ter dem vorwiegenden Einfluß des berühmten Philologen Friedrich Thiersch mit größtem Eifer dem Studium der klassischen Philologie und bestand im Alter von 21 Jahren mit glänzendem Erfolg die Staatsprüfung. Nachdem er mehrere Jahre hin­durch ein Lehramt am sogen. alten Gymnasium zu München bekleidet, wurde er 1839 zum Lycealprofessor nach Speier befördert. Von dort folgte er einem Ruf an das Gymnasium zu Hadamar im Herzogthum Nassau.

Doch konnte er sich dem Zauber der Heimat nicht entziehen; seine Sehnsucht nach der geliebten Vaterstadt ward aber erst im Jahr 1849 gestillt, als ihn die bairische Staatsregierung an die Spitze des neuerrichteten Max-Gymnasiums in München stellte. Sieben Jahre später (1856) wurde Halm zum königl. Universitätsprofessor und Direktor der Hof- und Staatsbibliothek ernannt.

Karl v. Halm hat fast ein halbes Jahrhundert unablässig treu für die Verbreitung hu­manistischer und philologischer Bildung unter der Jugend gewirkt, und reicher Se­gen krönte sein Bemühen.

Nach drei Richtungen hin entwickelte der nun Heimgegangene eine ebenso umfas­sende wie fruchtbare Thätigkeit: als Forscher und Schriftsteller auf dem Gebiet der klassischen Alterthumswissenschaft, als Lehrer an verschiedenen Gymnasien und an der Hochschule und endlich als Leiter einer der ersten wissenschaftlichen Anstalten Baierns.

Halm’s Name ist in unvergänglicher Weise verknüpft mit dem des größten Meisters der römischen Redekunst, dessen Schriften er in geradezu mustergültiger Weise bearbeitet hat. Wenn seine bezüglichen Arbeiten sich eines »Weltrufs« erfreuen durften, so hatte das seinen Grund darin, daß Halm allen den Anforderungen voll­auf genügte, welche die neuere Philologie an einen Bearbeiter stellt: sorgfältigstes Aussuchen und gewissenhafteste Verwerthung aller Hülfsmittel der Kritik, umfas­sende Kenntniß der Sprache nicht bloß, sondern auch des gesammten Culturle­bens des alten Volks.

Und dieselben Eigenschaften bewährten sich bei Halm’s Bearbeitung anderer römi­scher Classiker. Sie waren es denn auch, welche die kaiserl. Akademie der Wissen­schaften in Wien ihre Blicke auf Halm als einen der ersten werfen ließ, als sie beab­sichtete, eine der strengen wissenschaftlichen Methode entsprechende Bearbei­tung der lateinischen Kirchenväter zu veranstalten, und daß er als Mitarbeiter an der Fortsetzung der »Monumenta Germaniae historica« beigezogen wurde.

Halm war nicht ausschließlich Lateiner; seine frühsten Arbeiten hatten sich mit der alten griechischen Literatur beschäftigt, und er blieb ihr bis in seine spätern Le­bensjahre hinein getreu, wie denn auch seine Kenntniß der Feinheit der griechi­schen Sprache und des Reichthums der griechischen Literatur hinter jener der römi­schen Literatur nicht zurückblieb. Dazu war er mit der Geschichte der gelehrten Studien wie nicht minder mit der schönen Literatur Deutschlands aufs innigste ver­traut.

Als Lehrer wirkte Halm, bis körperliche Beschwerden, Abnahme des Gehörs und des Augenlichts es ihm unmöglich machten Auch als Leiter der Hof- und Staatsbi­bliothek in München hat sich Halm manches Verdienst erworben, namentlich durch seine außerordentliche Liberalität gegen Gelehrte des In- und Auslands und durch den unter seiner Oberleitung bearbeiteten Katalog der Handschriften der Biblio­thek.

Halm, der durch Verleihung des Civilverdienstordens der bairischen Krone in den Adelstand erhoben worden war, hatte eine ihm 1868 im Tode vorausgegangene Schwester des berühmten Orientalisten Müller zur Gattin und hinterläßt drei Söh­ne. Im Jahr 1871 hatte er sich der altkatholischen Reformbewegung angeschlossen und stand bis zum Tode treu bei ihrer Fahne.

Karl Albert Regnet.

Karl Albert Regnet: Illustrirte Zeitung Nr. 2051. Leipzig, 21. October 1882.


40-01-24 (Halm & Müller & Riedel)