Illustrirte Zeitung (21.10.1882) / t_1035

Adolf Lier.

Von Brixen in Tirol kam am 1. October d. J. die Trauerkunde: Adolf Lier ist todt! Rasch und unerwartet streckte hier der unerbittliche Tod seine Hand aus, brachte ein Herzschlag ein reiches Künstlerleben vorzeitig zum Abschluß und damit der Kunst wie der Kunststadt München und allen denen, die dem Künstler persönlich nahe standen, einen unersetzlichen Verlust.

Wenige Tage zuvor hatte Adolf Lier, begleitet von seiner Familie, München verlas­sen, um sich in der reinern Bergesluft Tirols Genesung, Kraft und Stärke zu erneu­tem Schaffen zu holen. Es sollte nicht sein. Der kunstgeübten Hand des Meisters entsank jetzt schon die farbenreiche Palette, welcher sein Pinsel Töne voll schlichter Wahrheit und stimmungsvoller Poesie wie selten einer zu entlocken wußte. Des Künstlers offenes Auge und feiner Sinn fanden in der Natur, da wo geringere künst­lerische Auffassung achtlos vorübergeschritten wäre, die reizvollsten Motive für seine Darstellung; Lier brauchte eben nicht viel zu geben, um zu entzücken, nicht den ganzen Apparat einer großartigen Gebirgsnatur, um künstlerisch angeregt zu werden.

Der Hauch tiefempfundener Wahrheit ist es, welcher alle seine Werke unvergeßlich macht, welcher diesen überall so sympathische Aufnahme bereitete; sei es nun, daß der Maler eine weite Ebene schildert, über welcher die schwüle Nachmittags­sonne flimmernd brütet, sei es ein feuchter, dunstiger Nebelmorgen oder dämme­rig glühende Abendruhe, von der seine Leinwand erzählte. Ein Winter, in Paris zu­gebracht, zeitigte diese Naturanschauung, Meister wie Duprez und Daubigny wa­ren von größtem und bestimmendstem Einfluß auf Lier. Die Anregung aber, welche hier gegeben war, sie fiel nicht bloß auf fruchtbaren Boden; der deutsche Künstler hielt sich vor allem von blöder Nachahmung fremder Weise fern, seine Schöpfun­gen sind echt deutsch geblieben, der französische Naturalismus, die einfachere Na­turanschauung ward bei Lier zur deutschen Idylle, von einer Innigkeit der Stim­mung, wie es in dieser Art dem Franzosen nicht gelingt.

Kein Wunder, daß solch ein Beispiel junge, frische Kräfte um den Meister versam­melte, dessen Werke mehr und mehr geschätzt und gesucht wurden und seinen Namen weit über die Grenzen des Vaterlands hinaustrugen. Was dem classischen Rottmann und dem genialen Coloristen Eduard Schleich nicht gelingen wollte, das erreichte Lier; er wurde der Begründer der neuern münchener Landschafterschule, deren hervorragendste Talente, wie Schönleber, Herm. Baisch, Aug. Finck, Weng­lein u. s. w., in Adolf Lier den Lehrer, den aufrichtigen Freund und das beste Vorbild betrauern.

Die liebenswürdige, bescheidene Künstlernatur besaß keinen Feind; als die trau­ernde Witwe und das so sehr von ihm geliebte Pflegekind die irdische Hülle des Verlebten zurück in dessen künstlerische Vaterstadt geleiteten, da zog in weite Kreise der münchener Künstlerstadt aufrichtige Trauer ein, stand die ganze Künst­lerschaft an dem offenen Grabe.

Adolf Lier war Ehrenmitglied der königl. bairischen Akademie der bildenden Küns­te in München, dem verdienstvollen Mann verlieh König Ludwig II. von Baiern den Titel eines königl. Professors, während der Staat ein größeres Werk desselben er­warb, um es den öffentlichen Staatssammlungen einzuverleiben. Es sollte dies sei­ne letzte Schöpfung sein. Der Meister verherrlichte darin eine Stätte bairischer Größe, die in abendlicher Dämmerung liegende Theresienwiese mit der Ruhmes­halle und Bavaria im Hintergrund, eine Leistung, welche auch dem Namen Lier von der auszeichnenden Stelle aus, für welche dieselbe bestimmt ist, spätern Nachkom­men noch ein ehrendes Zeugniß sein wird.

Prof. K. Raupp.

Prof. K. Raupp: Adolf Lier. Illustrirte Zeitung Nr. 2051. Leipzig, 21. October 1882.


10-02-49 (Lier)