Illustrirte Zeitung (14.2.1857) / t_1733

Ein moderner Astrolog.

Je mehr man sich gewöhnt hat, die Astrologie als etwas mit dem Mittelalter Ueber­wundenes anzusehen, um so eigenthümlicher und interessanter erscheint in der Gegenwart ein Mann, welcher den Beruf zu haben glaubt, die Sterne zu befragen und das Horoskop zu stellen und der in seinem Aeußern mit der gewöhnlichen Vor­stellung von einem Astrologen nichts gemein hat, denn er gehört nicht zu den run­zeligen Greisen mit Habichtsnase, weißem Bart und phantastischer Kleidung, im Gegentheil begegnet uns beim Eintritte in sein Haus eine einfache moderne Ele­ganz. Wir werden, wenn wir zu den wenigen Begünstigten gehören, die bei dem Astrologen Zutritt erlangen, auf unsere Anmeldung im Erdgeschosse in die Beleta­ge gewiesen, und nachdem wir hier an der Klingel der Gangthüre geläutet haben, öffnet diese eine bejahrte Dienerin, die uns in den Salon führt. Hier finden wir Ele­ganz und Komfort gepaart: Barketboden, geschmackvolle Tapeten, kunstvolle reichvergoldete Stockuhren, große Spiegel in kunstreich geschnitzten gothischen Rahmen von polirtem Nußbaumholze, Tische, Divans, Fauteuils und Stühle von demselben Holze und in derselben Art, die Ueberzüge von dunkelrothem Sammet, vor Allem aber fällt uns ein großer Himmelsglobus auf, der sich in einer Ecke des Salons mit seinem Gestelle über 5 Fuß hoch erhebt und 33 berliner Zoll im Durch­messer hat.

Der Erwartete tritt alsbald aus der Thür eines anstoßenden Gemachs und bittet uns, ihm in dieses, sein Arbeitszimmer, zu folgen. Dieses finden wir ebenso komfor­tabel und elegant eingerichtet, mit Bücherschränken und Globen angefüllt, die Ti­sche mit Büchern und Schriften bedeckt. Hoch oben auf dem kunstvoll gearbeite­ten Schreibtische steht ein massives silbernes Kruzifix, meisterhaft gefertigt. Be­trachten wir nun den Mann, der in moderner schwarzer Kleidung vor uns steht. Ein angehender Vierziger, schlank, hager, mit ernsten Gesichtszügen, hoher gewölbter Stirn, den Bart glatt abrasirt, das braun-schwarze Haar kurz und schlicht geordnet steht vor uns. Die Form seines Angesichts ist länglich, die Gesichtsfarbe spielt in’s Gelbliche, die Nase ist etwas gebogen und fast spitz auslaufend, und auf ihr thront eine Brille in goldener Fassung, deren scharfe Gläser uns nicht hindern, sogleich den eigenthümlichen, forschenden und durchdringenden Blick des Auges, den so­genannten Stechblick, wie ihn auch Dr. Justinus Kerner erkannte, zu gewahren.

Wir haben einen ruhigen, anspruchslosen, fast schüchternen Mann vor uns, der, wenn er jemand zum ersten Male sieht, beinahe einsilbig ist, bei näherer Bekannt­schaft aber gesprächiger und, wenn die Unterhaltung auf seine »Wissenschaft«, die, wie er sagt, durch ihn erst wieder zu Geltung und zu Ansehen gelangen soll, gelenkt wird, von einer wahren Begeisterung ergriffen werten kann.

Herr K. V. ist in einer München nahe liegenden größern Stadt geboren und in Dürf­tigkeit aufgewachsen. Schon in der frühesten Jugend legte er eine auffallende Be­geisterung für den gestirnten Himmel an den Tag; als Knabe zeigte er eine unbe­zwingliche Neigung zu der Sternkunde und schon als solcher, sowie später als Tischlerlehrling, verwendete er jeden freien Augenblick, den er erringen konnte, was sehr oft mit Verkürzung des Schlafs geschehen mußte, auf das Lesen astrono­mischer Bücher und auf die Betrachtung des gestirnten Himmels, sowie jeden Kreuzer, den er erübrigte, zur Vermehrung seiner kleinen astronomischen Bücher­sammlung. Als Tischlergeselle mußte er sich auf die Wanderschaft begeben, und er ging in die Schweiz, von da nach Hamburg und dann wieder in die Schweiz. Schon bei seiner ersten Anwesenheit in der Schweiz, im Kanton Aargau, wurde er auf die Astrologie geleitet. Bei seinem zweiten Aufenthalt wurde er in seiner Neigung zu derselben noch mehr, namentlich in Basel bestärkt, und hier war es, wo er »in den Sternen las«, daß er sich nach München begeben müsse, indem dort ein großes Glück seiner harre. Er mußte das Geld zur Reise dahin borgen und fand, in Mün­chen angelangt, mehre Tage hindurch das verheißene Glück nicht, bis ihn eine hö­here »Eingebung« dazu bestimmte, in dem Lotte gewisse Zahlen zusetzen, die ihn auch wirklich zwei Mal bedeutende Summen gewinnen ließen.

Nun kaufte er sich ein schönes Haus, heirathete und lebte in Stille und Zurückgezo­genheit, sodaß in kurzer Zeit von dem »glücklichen Schreinergesellen« nicht mehr gesprochen wurde.

Obwol er sich unablässig mit seinen astrologischen Studien beschäftigte und mehr­fach Personen das Horoskop stellte, wurde doch erst dadurch wieder die Aufmerk­samkeit auf ihn gelenkt, daß er der Gräfin M., einer Schwester des Fürsten W., das Horoskop ihres damals in Italien sich aufhaltenden Gemahls in München stellte, und die Ursache, die Art, die Zeit und den Ort seines Todes voraussagte. Dieser sowie andere ähnliche Falle waren die Veranlassung, daß Herr K. V. mit Gesuchen um Ho­roskopstellung besonders aus der sogenannten Créme der Gesellschaft bestürmt wurde. So prophezeite er die Thronentsagung König Ludwig’s; ferner daß der Frie­de zu Paris am 29. oder 30. März werde unterzeichnet, daß dem Kaiser Napoleon ein Knabe werde geboren werden, daß Kimburn, Kertsch, Kars und Sebastopol fal­len würden, daß dem Kaiser Nikolaus ein großes Unglück treffen werde. Als einige Wochen später der Tod des Kaisers bekannt wurde, ärgerte sich der Astrolog dar­über, daß er durch seine Berechnungen nicht diesen Tod, sondern blos ein großes Unglück gefunden habe. Er revidirte daher seine Berechnungen und fand einen Verstoß.

Für seine »Wissenschaft« wie Einer begeistert – seine Bibliothek enthält die meisten auf die Astrologie bezüglichen Werke von der ältesten bis zur neuesten Zeit, so weit sie nur aufgetrieben werden können, darunter Manuskripte und Inkunabeln – vertheidigt er sie auch mir aller Kraft. Erhebt man Einwendungen dagegen, daß die Astrologie eine Wissenschaft sei, daß die Sterne in irgend einer Beziehung zu dem Geschicke der Menschen stehen können u. s. w., so legt er mit Ruhe seine entge­gengesetzte Ansicht dar und stützt diese im Wesentlichen auf folgende Sätze »Im Universum steht Alles, vom Geringsten bis zum Höchsten, im innigsten Zusammen­hange, in steter Wechselwirkung und Beziehung zu einander, die ganze Welt hängt wie an einer unsichtbaren Kette an einander, und so wenig dem forschenden Geis­te der innigste Zusammenhang aller Dinge der Erde entgehen kann, so wenig der Einfluß der Sonne, des Mondes und der Sterne auf die Erde geleugnet wird und geleugnet werden kann, eben so wenig kann, wenn man tiefer in die Geheimnisse der Schöpfung eindringt, der Einfluß der Gestirne auf die Bewohner der Erde be­zweifelt werden. Schon die weisesten Völker des Alterthums glaubten an die Astro­logie; in der Blütezeit der ägyptischen und arabischen Literatur wurde ihr die meis­te Aufmerksamkeit zugewendet, unter den Römern traten Manilius und Julius Fir­micus als astrologische Schriftsteller auf, und selbst Cicero verwirft sie nicht. Ptole­mäus, die Zierde der alexandrinischen Schule, schrieb ein Werk »Ueber den Einfluß und Charakter der Gestirne«, und wie im Mittelalter die Astrologen Männer des Volkes waren, so haben auch große, mächtige und aufgeklärte Männer ihren Geist der Astrologie zugewendet, wie Kaiser Rudolph II., Alphons XI. von Kastilien, Lud­wig XI. von Frankreich, Wallenstein, Tycho de Brahe, Kepler, Galilei, Baco, Thomas Aquino, Hieronymus Cardanus, und selbst der Reformator Philipp Melanchthon, der Schoner’s Buch mit einer Vorrede begleitete. Glaubte etwa nicht auch Napole­on I. an seinen Stern? Dieser Stern war der Regulus, die Sonne mit ihm verbunden in Mitte des Himmels. Nach seinem 41. Jahre fing sein Unglücksstern zu regieren an, und dieser stand von Anfang des russischen Feldzugs an in Quadratur mit Sa­turn. – Regulus ist auch der Stern Napoleon’s III., jedoch in einer ganz andern Kon­junktur als bei Napoleon I.

»Die Astrologie verfiel aber mehr und mehr: sie verschwand gegen die Mitte des 18. Jahrh. fast gänzlich aus der Geschichte der Menschheit, und tauchte sie auch hier und da in der neuern Zeit, wie hei Pfaff, wieder auf und versuchte dieser ihre Ehrenrettung, so war man schnell damit fertig und nannte solche Erscheinungen, wie die Astrologie selbst, Verirrungen des menschlichen Geistes, Narrheit und dgl. An diesem Verfalle trugen die Astrologen selbst die Schuld, indem sie von der rechten Bahn abirrten. Diese kann und wird aber wieder aufgefunden werden, und schon August Wilhelm v. Schlegel sagte: Die Astronomie muß wieder zur Astrolo­gie werden.«

Herr K. V. ist der Ueberzeugung, durch seine angestrengten Studien der alten As­trologen auf den rechten und untrüglichen Weg für astrologische Berechnungen gelangt zu sein, und er stellt in dieser Beziehung die Behauptung auf: »Das aristo­telische oder ptolemaische System ist das richtige, um durch die Sterne magisch wirken zu können; das kopernikanische aber ist das wahre für die Astronomie, so­wie zur Berechnung des Laufs der Sterne. Beide sind also wahr, jedes aber in einer andern, in seiner Beziehung.« – Ungeachtet seiner vieljährigen angestrengten Szu­dien und des glücklichen Erfolgs derselben gesteht der Astrolog unumwunden ein, daß er immer noch Anfänger in dieser Wissenschaft und noch weit entfernt von der Meisterschaft sei. Er ist aber der festen Ueberzeugnug, daß die Astrologie, durch ihn wieder zu Ehren gebracht, auf die richtige Bahn wieder geleitet und als Wissen­schaft werde anerkannt werde.

Der Astrolog ist auch zugleich Seher, d. h. er hat, wie auch Dr. Theobald Kerner von ihm urtheilt, ein sehr bedeutendes Ahnungsvermögen, und abgesehen von dem, was er aus den Sternen erkennt, will er vermöge dieses Ahnungsvermögns schon mehre Vorhersagungen gemacht haben, die in Erfüllung gingen. Er scheint dieses von seiner Mutter ererbt zu haben, die, ohne in Somnambulismus zu verfallen, Er­scheinungen gehabt haben soll, die sonst Niemand in ihrer Umgebung wahrnahm.

Eine von den Vorhersagungen des Astrologen vom Mai vorigen Jahres: »Der Frie­de, welcher im März vorigen Jahres geschlossen worden, werde längstens 1½ Jah­re dauern, der Krieg jedoch nicht von Denen begonnen werden, die diesen Frieden geschlossen haben«, ist bereits durch den zwischen Persien und der Ostindischen Kompagnie ausgebrochenen Krieg erfüllt worden. Bezüglich dieses Kriegs aber sagt der Astrolog, daß er nur ein Vorspiel zu dem großen Drama sei, welches im Jahre 1857 statthaben werde. Auch das Zerwürfniß zwischen Preußen und der Schweiz sei ein solches Vorspiel, jedoch von sehr großem Einflusse auf die ange­deutete Katastrophe und die in Folge derselben entbrennenden Kriege, wel­che alle Welttheile berühren würden, hauptsächlich aber Europa und Asien.

Wie man auch über Astrologie und Sehergabe denken mag, es ist nicht zu leugnen, daß Persönlichkeiten mit hervorwiegend starker Neigung für das an das Wunder­bare streifende immerhin psychologisches Interesse haben, um so mehr in einer Zeit, welche sich ihrer ganzen Tendenz nach in direkten Gegensatz dazu gesetzt hat. Der vorherrschende Materialismus unserer Zeit mag vorschnell über solche Erscheinungen absprechen; die empirische Psychologie weist sie nicht unberechtigt zurück, sondern sucht sie zu analysiren, und damit haben sie ihre Bestimmung er­füllt.

Illustrirte Zeitung Nr. 711. Leipzig, 14. Februar 1857.


17-HZ-10* (Vogt)