Grosses Biographisches Lexikon der Deutschen Bühne (1903) / t_701

Diez Sofie (geborene Hartmann), geboren am 1. September 1820 in München, war die Tochter eines Stadtmusikers, der schon frühzeitig die hübsche Stimme seiner Tochter entdeckte, selbst ihre erste Ausbildung übernahm und sie später bei Franz Lackner für das Theater ausbilden ließ, der von dem außergewöhnlichen Talent der Kleinen ganz entzückt, mit ihr eine größere Anzahl von Rollen einstudierte und den Grund zu der ausgezeichneten Gesangsmethode legte, welche sie später zu einem erklärten Liebling des Publikums machte.

Ihren ersten Versuch als Sängerin wagte sie am 1. Dezember 1836 am Münchener Hoftheater als »Angeline« im »Wasserträger«, nachdem sie bereits zuvor längere Zeit im Chor mitgewirkt hatte. Ihre hübsche Stimme blieb nicht unbemerkt und ge­wann ihr bald Freunde und Verehrer. D. entwickelte aber auch einen geradezu mus­terhaften Fleiß und verabsäumte es nicht, durch Anhören bedeutender Gesangs­künstler sich immer mehr zu bilden und zu vervollkommnen. So schwang sie sich binnen kurzer Zeit empor und zählte bald zu den hervorragendsten Gesangskünst­lerinnen des Hoftheaters.

Ihr Wirkungskreis umfaßte im Laufe der Jahre gegen 300 Partien der verschiedens­ten Art. Sie sang Gluck, Mozart, Weber, selbst Wagner (»Elisabeth«, »Ortrud« etc.) und errang einen Erfolg um den anderen. So oft sie als »Page«, »Pamina«, »Zerli­ne«, »Susanne«, »Annchen« etc. auf dem Zettel erschien, so oft war das Haus bis zum Giebel gefüllt. Und da sie als geborene Münchnerin auch des süddeutschen Dialektes mächtig war, wurde sie gar oft in Lokalstücken verwendet, wodurch ihr ohnehin schon reiches Repertoir noch angenehm erweitert wurde. So zählten »Ro­sel« im »Verschwender«, »Rosel« in »s letzte Fensterl«, »Nandl« im »Versprechen hinterm Herd« und andere österreichische Dialektrollen zu ihren beliebtesten Parti­en.

Die Künstlerin hatte auch Gelegenheit, während ihrer langjährigen künstlerischen Tätigkeit in München, mehrere Opernpartien daselbst zu kreieren, und zwar »Page« (»Hugenotten«, 20. Mai 1838), »Marie« (»Zar und Zimmermann«, 2. Juli 1841), »Ma­rie« (»Waffenschmied«, 13. November 1846) und »Frau Fluth« (»Lustige Weiber«, 10. November 1854). So wirkte D. in jeder Beziehung in bevorzugter Stellung (1866 wurde sie gelegentlich ihres 30jährigen Wirkens zur Kammersängerin, 1870 zum Ehrenmitglied des Hoftheaters ernannt) bis zum 31. Dezember 1877, an welchem Tage sie aus dem Verbande des Kunstinstitutes trat, sich der Intendanz jedoch ger­ne verpflichtete, sich während der Wintermonate im Bedarfsfalle zur Verfügung zu stellen.

So zog sie sich eigentlich nicht von der Kunst zurück und ließ wiederholt in Mün­chen, wie auch anderwärts ihre noch unverändert frische Stimme in Konzertsälen erklingen. Am 11. April 1878 betrat sie als »Nandl« zum letztenmal die Bühne. Seit dieser Zeit hat man sie nur noch wenig in der Öffentlichkeit gesehen. Am 3. Mai 1887 starb diese hervorragende Künstlerin.

Sie war verheiratet (1841) mit dem Tenoristen Ernst Friedrich Diez, der sie überleb­te.

Ludwig Eisenberg’s Grosses Biographisches Lexikon der Deutschen Bühne im XIX. Jahrhundert; Verlagsbuchhandlung Paul List; Leipzig, 1903.


04-08-57 (Diez)