Grosses Biographisches Lexikon der Deutschen Bühne (1903) / t_666

Dandler Anna, geboren im März 1864 in Stuttgart als die Tochter eines Chorführers am dortigen Hoftheater, der auch schauspielerisch und gesanglich wirkte. Als 15jähriges Mädchen betrat sie in Stuttgart zum erstenmal die Bühne. Eigentlich wollte sie Sängerin werden, wozu sie auch ihr Vater am liebsten erzogen hätte.

Durch Zufall jedoch wurde Clara Ziegler auf sie aufmerksam, das hübsche Kind ge­fiel der großen Tragödin, sie durfte ihr einige Rollen vorsprechen, gefiel ihr dann noch besser, sodaß sie ihr einen Engagementsantrag an die Meininger Hofbühne verschaffte. Da sie aber die Eltern nicht allein in die Fremde ziehen lassen wollten, so konnte D. diesen Antrag nicht annehmen. Clara Ziegler war von ihrem Talente jedoch derartig überzeugt, daß sie sie an Possart empfahl, und als dieser nach ei­nem Probesprechen der Ansicht der Meisterin beipflichtete, zog die ganze Familie nach München, nachdem D. ans bayerische Hoftheater engagiert worden war. Zum erstenmal trat D. daselbst im Oktober 1880 als »Marketenderin« in »Wallensteins Lager« auf, und bewegte sich so zierlich und so sicher, daß es eine wahre Freude war. Auch zeigte sie bei dieser Gelegenheit so viel natürliches Temperament und so viel natürliche Begabung für die Bühne, daß ihr schon damals erfahrene Berufsge­nossen eine bedeutende Laufbahn voraussagten.

Doch so verblüffend auch der Erfolg war, so kamen doch nicht gleich die großen Rollen, die »Julias« und »Ophelias«, von denen sie geträumt, und es dauerte acht Jahre, bis sie aus den Rollen der zweiten und dritten Liebhaberinnen, sowie der Stubenmädchen herauskam und endlich durch Intervention des Hofschauspielers Keppler in der Tat die »Julia« zugeteilt erhielt. Die vornehme Bühnenerscheinung, die liebliche Anmut, die Beherrschung des Dialoges, die geradezu blendende Tech­nik und die Charakterisierungskunst der Künstlerin veranlaßten nun, daß man ihrer Gestaltungsfähigkeit auch andere hervorragende Partien auf klassischem Gebiete anvertraute, und sie errang als »Gretchen«, »Julia«, »Louise«, »Käthchen«, »Emilia Galotti«, »Melitta«, »Beatrice«, »Vasantafena« »Marie Beaumarchais« etc. unbe­dingte große Erfolge.

Ihr Sinn steht jedoch hauptsächlich nach dem modernen Stück, und hat sie auch be­wiesen, in wie überaus vornehmer Weise sie die eleganten Frauen im modernen Konversationsstück zu verkörpern imstande ist. Sie braucht nur sich selbst zu ge­ben, der Rolle den Stempel ihrer eigenen Individualität aufzudrücken, und die Wir­kung ist unfehlbar. »Am siegreichsten ist D. dort,« erwähnt Otto Julius Bierbaum, »wo sie in Verbindung der warmen Innerlichkeit und schlichten Anspruchslosigkeit ihres Spieles die äußerlichen Gaben, die ihr von Mutter Natur in schöner Fülle be­schert wurden, ins Feld führen kann. Sie tut dies – wo es sein kann – mit einem lie­benswürdigen Zuge von Zurückhaltung, der auch ihre künstlerischen Leistungen überhaupt auszeichnet. Pastoses Auftragen, unnatürliches Verweilen im hohen Ton, deklamieren, kurz jedes leere Reimprunken ist ihr fremd. Ein naturgerechtes Spiel ist ihr Streben, dem sie beharrlich nachgeht.« Von den modernen Rollen seien er­wähnt »Pepa« in »Maus«, »Leonie« in »Damenkrieg«, »Herzogin von Bligny« im »Hüttenbesitzer« und in neuerer Zeit »Goldene Eva«, »Magda« in der »Heimat« etc. Die Künstlerin zählt zu den namhaftesten, weiblichen Kräften des Münchener Hoftheaters.

Ludwig Eisenberg’s Grosses Biographisches Lexikon der Deutschen Bühne im XIX. Jahrhundert; Ver­lagsbuchhandlung Paul List; Leipzig, 1903.


31-09-04 (Dandler)