Grosses Biographisches Lexikon der Deutschen Bühne (1903) / t_661

Dahn Constanze (geborene Le Gaye), geboren am 12. Juni 1814 in Kassel, war die Tochter des französischen Kapellmeisters A. Le Gaye, der s. Z. in Kassel unter Kö­nig Jerôme angestellt war. Schon frühzeitig entwickelte die Kleine seltene musikali­sche Begabung, sodaß sie als Wunderkind allgemeine Beachtung fand, und bereits mit sieben Jahren betrat sie als »Donauweibchen« zum erstenmal in Düsseldorf die Bühne.

1824 erschien sie am alten Stadttheater in Hamburg im Lustspiel »Die Puppe« (nach dem Französischen) und alles war von dem für ein zehnjähriges Mädchen bewundernswerten Spiel entzückt. Fünf Jahre später begann sie am neuen Stadtthea­ter, und zwar als jugendliche Liebhaberin, ihre eigentliche Bühnenlaufbahn. Man wußte nicht, sollte man mehr die außerordentliche Schönheit und entzückende An­mut oder das große, seltene Talent der jungen Künstlerin bewundern.

Ihren ersten stürmischen, geradezu sensationellen Erfolg errang sie am 29. Juni 1831 in Hamburg mit Heinrich Marr aus Braunschweig als Gast, und zwar als »Gret­chen« im »Faust«. Seit dieser Zeit wurde ihr Name auch außerhalb Hamburgs mit Ehren genannt, und erste Kunstinstitute bewarben sich um den Besitz dieser her­vorragenden Darstellerin.

Sie konnte sich jedoch lange nicht entschließen, ihre alten anhänglichen Verehrer zu verlassen, die ihren ersten Versuch auf der Bühne wohlwollend beurteilt und an­fangs nachsichtig ihre Fehler und Unachtsamkeiten verziehen hatten und die treu und verehrungsvoll an ihr hingen.

Und doch trat sie nach einem glänzend absolvierten Gastspiel in München 1833 in den Verband dieses Kunstinstitutes. Überaus schmerzlich berührte die Hamburger der Abschied ihres Lieblings, und begeistert empfingen sie die Münchner. An die­ser Bühne konnte sich nun ihr reiches Talent zur höchsten Blüte entfalten und ein weites Arbeitsfeld eröffnete sich daselbst ihrer Genialität. Bald war sie in der Isar­stadt der Mittelpunkt eines großen Gelehrten- und Künstlerkreises.

Als Darstellerin entzückte sie ebenso durch rührende, deutsche Innigkeit als »Klär­chen« und »Gretchen«, wie durch ihren reizenden, echt französischen Übermut in »Pariser Taugenichts«, wie nicht minder als »Jungfrau von Orleans« und in den Frauengestalten Shakespeares. Man bewunderte allgemein ihr Temperament, ihren sprühenden Geist, ihren Vortrag, ihre Anmut, ihre Charakterisierungskunst.

Geradezu Sensationelles, etwas vollständig Neues, schuf sie als »Velva«. Durch die Beredtsamkeit ihrer wunderbaren Augen und durch die feine und doch so aus­drucksvolle Mimik ihrer edlen Züge ließ sie es ihre Zuschauer ganz vergessen, daß sie als Stumme auf den Brettern stand. Einen großen Triumph feierte die Künstlerin auch im Juli 1854 als »Minna von Barnhelm« anläßlich der von Dingelstedt veran­stalteten Musteraufführungen. Eduard Devrient bezeichnet sie als eine Künstlerin von frischem, erfindungsreichem Talente, klugem Takte und übermütiger Lebhaftig­keit.

Und ebenso wie sie mit künstlerischer Vollendung dereinst ihre jugendlichen Ge­stalten auf die Bühne stellte, so meisterlich, so vollendet naturwahr schuf sie zu­letzt ihre Mütter. Darbietungen wie »Fadet« in der »Grille«, oder »Geheimrätin« im »Störenfried«, waren einfach mustergültig und wurden vielfach auf deutscher Büh­ne nachgeahmt.

Nach einem Kunstleben, überreich an Erfolgen und Beweisen innigster Verehrung und Liebe, zog sie sich nach mehr als 40jähriger Bühnentätigkeit im Jahre 1865 von den Brettern zurück, verabschiedete sich von ihrer geliebten Kunst und ihren zahl­losen Verehrern als »Herzogin von Parma« in »Egmont« und trat am 1. Oktober ein letztes Mal, von Beifallsturm umrauscht, von der Bühne ab. Nach nahezu drei Jahr­zehnten konnte die einst Gefeierte in ihrem stillen Heim an den Ufern des Chiem­sees beschaulich ihr Leben genießen. Hochbetagt beschloß diese Künstlerin, die Ernst von Possart in seiner Grabrede die »Duse der deutschen Schauspielkunst« nannte, am 26. März 1894 ihr ruhmreiches Dasein.

Sie war verheiratet (seit 18. April 1833) mit ihrem Kollegen: Dahn Friedrich, gebo­ren am 18. April 1811 in Berlin.

Ludwig Eisenberg’s Grosses Biographisches Lexikon der Deutschen Bühne im XIX. Jahrhundert; Ver­lagsbuchhandlung Paul List; Leipzig, 1903.


MR-SP-1-21 (Dahn & Le Gaye)