Grosses Biographisches Lexikon der Deutschen Bühne (1903) / t_641

Ziegler Klara, geb. am 27. April 1844 in München als Tochter eines Schönfärberei­besitzers. Nach dem Tode ihres Vaters sollte sie (1860) auf Wunsch der Mutter ei­nem ungeliebten Mann die Hand zum Ehebund reichen, doch Z. wollte von dieser Verbindung nichts wissen, schlug die Hand des hochachtbaren, wohlhabenden Mannes aus und begab sich ohne Wissen ihrer Mutter zu Hofschauspieler Adolf Christen, einem langjährigen, bewährten Freund ihrer Familie, um sich prüfen zu lassen, denn sie fühlte, daß die Schauspielkunst ihr eigentlicher Beruf sei.

Obwohl sie bereits als Kind auf einem kleinen Haustheater einige Male aufgetreten war, war sie doch sonst mir dem Theater nicht in Berührung gekommen. Christen nahm sie als Schülerin auf, unter seiner Leitung studierte sie Rollen und nach einem Vierteljahre hatte er die Überzeugung gewonnen, daß sie das Zeug zu einer tüchti­gen Schauspielerin besäße und übernahm es selbst, ihre Angehörigen von ihrem Plan, Schauspielerin zu werden, zu verständigen. Nach einem Vierteljahre weiteren, fleißigen Studiums war sie bereits so weit, um 1862 unter dem Pseudonym Herz­feld am Theater in Bamberg ihren ersten Versuch auf der Bühne als »Adrienne Le­couvreur« wagen zu dürfen.

Schon ein halbes Jahr später erschien sie als »Jungfrau von Orleans« auf den Bret­tern der Münchner Hofbühne. So aufmunternd der Erfolg auch gewesen war, es kam doch zu keinem Engagement. Sie wandte sich nun nach Breslau; dort wurde sie von der Probe als talentlos weggeschickt. Da fügte es der Zufall, daß sie den Ulmer Theaterdirektor Engelken auf einem Spaziergang traf, und dieser sich veran­laßt sah, die junge, nur für das Theater glühende Schauspielerin zu engagieren.

In Ulm trachtete sie vor allem sich die nötige Bühnenroutine zu erwerben. Sie spiel­te wirklich jede Rolle, die man ihr zuwies, gleichviel ob sie jugendlich oder alt, dankbar oder undankbar, komisch oder ernst war. Und in der Tat, als das Engage­ment daselbst zu Ende ging, hatte sie in ihrer Kunst einen tüchtigen Schritt nach vorwärts getan. Hierauf wurde sie nach Linz verpflichtet, wo sie jedoch nur in einer Rolle auftrat, und obgleich sie außerordentlich gefiel, in nervöser Anwandlung die Stadt verließ, um nach München zurückzukehren. Hier wurde sie für das neuerstan­dene Aktien-Volkstheater, späteres Gärtnerplatztheater, engagiert und gleich in der Eröffnungsvorstellung, im November 1865, erschien sie vor ihren Landleuten als »Isarnixe«.

In diesem Engagement wurden ihr die verschiedensten Aufgaben gestellt, heute spielte sie die »Deborah«, morgen die »Öffentliche Meinung« in »Orpheus in der Unterwelt«, bald die »Griseldis« und »Donna Diana«, das »Nandl« in »Versprechen hinter’m Herd« oder eine andere Dialektrolle in irgend einem Bauernstück. So spielte sie ernste und muntere Fächer durcheinander und fand reichlich Gelegen­heit, ihr Talent nach allen Richtungen hin zu entwickeln. Nach zweijähriger Tätigkeit, während welcher sie unter Anleitung Christens sich im klassischen Repertoire tüch­tig vorbereitet hatte, fühlte sie sich denn doch in ihrem Wirkungskreise nicht glück­lich und mit Freuden acceptierte sie 1867 einen Engagementsantrag nach Leipzig. Sie debütierte als »Brunhilde« in den »Nibelungen«, gefiel ganz außerordentlich und befand sich so endlich auf dem eigentlichen Gebiet ihrer dramatischen Bega­bung. »Elisabeth« (»Essex«), »Medea«, »Gräfin Terzky«, »Orsina«, »Iphigenie«, mit welch letzterer Rolle sie im Jahre 1868 das neue Stadttheater in Leipzig mit sensatio­nellem Erfolg eröffnete, waren die Früchte ihrer dortigen Wirksamkeit und verbreiteten ihren Ruf in alle Welt.

Zu dieser Zeit sah sie auch Heinrich Laube, er schreibt hierüber in seinem »Nord­deutschen Theater«: »Die Rollen, welche ich damals von ihr spielen sah, zeigten mir, daß sie außerordentliche Mittel besäße zur Darstellung von Heroinen. Selbst in wichtigen Konversationsrollen – als »Gräfin« in »Vornehme Ehe« Feuillets – interes­sierte sie mich und ich war durchdrungen von der Überzeugung, da ist alles vorhan­den für eine erste Schauspielerin; eine aufmerksame Leitung braucht nur vor Abwe­gen zu schützen. Ihre starken äußeren Mittel konnten sie freilich, weil sie wohlfeil Wirkungen erzielen – so fürchtete ich -, leichtlich in diese Abwege verleiten«. Und als er 1869 Direktor des Leipziger Theaters wurde, lud er die Künstlerin zu Gaste. Sie trat auf als »Isabella« in »Braut von Messina« »Medea«, (nach diesem Debut schreibt Laube: »Die großen Mittel waren denn auch hier trefflich am Platz. In die­ser Richtung harter Leidenschaft scheint die stärkste Begabung dieser Schauspiele­rin zu ruhen. »Königin Elisabeth« in »Essex« ist eben deshalb auch eine ihrer besten Rollen«), »Jungfrau von Orleans«, »Iphigenie«, »Frau von der Straße« in »Böse Zun­gen« und – »Romeo«.

Der Meister nannte wieder ihre Mittel außerordentlich, »sie bedürfen nur sorgfälti­ger Verwendung um in dem spezifischen Fach energischer Heroinen Vorzügliches zu leisten«, und meinte damals, daß, wenn »es ihr gelingen kann, die geistigeren und wärmeren Teile eines Menschenwesens in sich zu entwickeln« sie eine unserer ersten Schauspielerinnen werden könne. Z. wurde 1868 ans Münchner Hoftheater engagiert, wo sie am 15. Oktober als »Judith« vor ihre Landsleute trat, die ihr ei­nen rauschenden Empfang bereiteten. Ein Jahr darauf erschien sie zu Gast am Hofburgtheater in sechs ihrer glänzendsten Rollen und fand so begeisterte Aufnah­me, daß man ihr – ein außerordentlich seltener Fall – sofort lebenslänglichen Kon­trakt bieten wollte. Der Münchner Intendanz fiel es jedoch nicht ein, auf Z. zu ver­zichten, sondern sie erneuerte ihren Vertrag unter den verlockendsten Bedingun­gen ebenfalls auf Lebenszeit. Dies Zugeständnis war entscheidend und die Künstle­rin blieb München erhalten. Und doch wurde sie veranlaßt, durch Kabalen aller Art gezwungen, wenn auch mit schwerem Herzen, 1874 aus dem Verbande der Münch­ner Hofbühne zu scheiden. Seit dieser Zeit hat Z., mit Ausnahme eines Gastspiel-Engagements am Berliner Theater (1888-1890), sich nicht mehr für längere Zeit ei­ner Bühne verpflichtet, sondern erschien alljährlich nicht nur in den ersten Städten Deutschlands, sondern feierte auch in Rußland, Holland und in der Schweiz die größten Triumphe. In München erfreute sie sich der besonderen Gunst König Lud­wigs II. von Bayern, der sie wiederholt zur Mitwirkung in seinen Separatvorstellun­gen einlud und stets mit Lobesworten überschüttete. Die Künstlerin wurde s. Zt. auch durch die Besuche Kaiser Alexanders II. von Rußland und Kaiser Wilhelms I., die persönlich auf der Bühne erschienen, um sie zu begrüßen, in seltener Weise ausgezeichnet. Z. gebührt auch das Verdienst, durch ihre Darstellung der »Sappho« und »Medea«, eine Rolle, die als ihre vollendetste Leistung gilt, durch welche sie zuerst berühmt wurde und welche sie über 300 mal in 60 verschiedenen Städten spielte (am 21. Januar 1885 führte sie Grillparzers Medea-Trilogie mit sensationel­lem Erfolg in München ein), Grillparzer in Deutschland populär gemacht zu haben. Ferner wären von ihren hervorragenden Darbietungen besonders zu erwähnen: »Iphigenie«, »Penthesilea« (in eigener Bühnenbearbeitung), »Elisabeth« in »Essex« (die Künstlerin kann das Verdienst für sich in Anspruch nehmen, als erste die »Elisa­beth von England« in historischer Maske gespielt zu haben), »Brunhilde« in »Nibe­lungen« etc. Rudolf von Gottschall charakterisiert die Künstlerin im Jahre 1892 mit den Worten: »Klara Ziegler ist als die stilvollste Heroine unseres deutschen Thea­ters zu betrachten. Alles was sie schafft, ist in großen Linien ausgeführt, der maje­stätische Faltenwurf ihres Spiels erinnert uns stets an das Bild der Melpomene selbst; es ist als ob die Göttin der Tragödie in lebensvoller Gestalt vor uns hinträ­te«. In den letzten Jahren zeigte sie sich nur noch sehr selten in der Öffentlichkeit, zuletzt im Mai 1900 von Kaiser Wilhelm I. nach Wiesbaden berufen um bei den Festspielen die »Marsa« in der Demetriusbearbeitung darzustellen. Sie erregte all­gemeine Aufmerksamkeit. Nicht minder stürmische Anerkennung wurde ihr im sel­ben Jahre bei den Schülerfestspielen in Düsseldorf, wo sie als »Fürstin von Messi­na« auftrat. Die Kritik schrieb damals: »Wie floß von ihren Lippen der Strom der Rede klar und deutlich, so vielseitig er sich auch in Momenten der höchsten Freude oder der tiefsten Verzweiflung hob oder senkte. Es war ein ungetrübter Genuß, den poetischen Offenbarungen des Dichters in dieser Wiedergabe zu lauschen und die Blicke an der würdevollen Hoheit dieser Frau zu weiden, die in der Festschrift mit gutem Grund als eine Hohepriesterin der Kunst bezeichnet wird.« Die Künstlerin, die sich auch vielfach schriftstellerisch betätigte, ein Teil ihrer Büh­nenarbeiten fand beifällige Aufnahme, feierte im Februar 1902 ihr vierzigjähriges Bühnenjubiläum und trat am Jubiläumsabend als »Isabella« in der »Braut von Mes­sina« nach langer Zeit wieder am Hoftheater auf. Z., welche durch außergewöhnli­che, reiche und schöne Mittel, den hohen Wuchs, vornehmlich jedoch durch den bestechenden Wohlklang ihres Altorgans blendete, gilt mit Recht als die letzte be­deutende Vertreterin der idealistisch-pathetischen Schule.

Am 11. August 1876 vermählte sie sich mit ihrem ehemaligen Lehrer, dem bekann­ten Schauspieler Adolf Christen. Sein Tod (1883) gedrückte sie so sehr, daß sie zwei Jahre keine Bühne betrat.

Ludwig Eisenberg’s Grosses Biographisches Lexikon der Deutschen Bühne im XIX. Jahrhundert; Ver­lagsbuchhandlung Paul List; Leipzig, 1903.


NA-121 (Christen & Christen-Ziegler)