Grosses Biographisches Lexikon der Deutschen Bühne (1903) / t_640

Christen Adolf, geboren am 7. August 1811 in Berlin. Er wurde nach Absolvierung der Gewerbeschule für den Kaufmannstand bestimmt. Derselbe behagte ihm je­doch nicht und so versuchte er es mit der Maschinenschlosserei. Aber da wie dort ließ ihn der Theaterteufel nicht los und er begann ein echtes Komödianten-Wan­derleben.

Nachdem er so mehrere Jahre die Tragikomik des Meerschweinchenlebens kennen gelernt hatte, (in Wittenberg betrat er 1831 zum erstenmal die Bühne) fand er nach langen Irrfahrten ein Engagement am Theater in Wiesbaden, wo ihn der angesehe­ne Schauspieler Friedrich Jahn auf einem Gastspiele kennen lernte. Durch die Na­türlichkeit mit der Ch. seine Rollen darstellte, veranlaßt, verschaffte er ihm am 1. Oktober 1842 ein Probespiel am Münchener Hoftheater. Das Debüt fiel außeror­dentlich günstig aus und der junge Künstler wurde sofort engagiert.

Mehr als 30 Jahre wirkte er am Münchener Hoftheater, dem er stets in des Wortes vollster Bedeutung eine wahre Zierde gewesen ist. Schwankende Gesundheit und Sehnsucht nach Ruhe ließen ihn endlich im Jahre 1874 den Entschluß fassen, sich von der Bühne gänzlich zurückzuziehen. Die Münchener, die den Künstler seit Jah­ren verehrt und ihm zahllose Beweise ihrer grenzenlosen Hochschätzung gegeben hatten, sahen ihn mit größter Betrübnis scheiden. Sie konnten seinen diskreten, niemals die Grenze des Erlaubten überschreitenden Humor, seine liebenswürdige und geistvolle Auffassung, seine elegante Erscheinung und das ansprechende Or­gan lange nicht vergessen und brauchte es geraume Zeit, bis sie sich daran ge­wöhnten, diesen erfolgreichen Chargenspieler, diesen vollendeten Bouvivant, nicht mehr auf der Bühne zu begegnen. Ch., der den »Wirt« in »Minna von Barnhelm«, »Friedberg« in »Rosenmüller und Finke«, »Argan« im »Eingebildeten Kranken«, »Camouflet« in »Eine Tasse Tee« etc. zu seinen beliebtesten und anerkanntesten Rollen zählte, und der beim Mustergastspiel 1854 in München sich in ersten Rollen rühmlichst hervortat, erlag seinem langwierigen schweren Leiden am 13. Juli 1883. Der Künstler heiratete 1876 die berühmte Tragödin Clara Ziegler.

Ludwig Eisenberg’s Grosses Biographisches Lexikon der Deutschen Bühne im XIX. Jahrhundert; Ver­lagsbuchhandlung Paul List; Leipzig, 1903.


NA-121 (Christen & Christen-Ziegler)