Grosses Biographisches Lexikon der Deutschen Bühne (1903) / t_1494

Löhle Franz Xaver, geboren am 3. September 1792 in Wiesensteig (Württemberg). Da sein Vater regens chori am Kanonikatstift war, wurde er schon frühzeitig im Ge­sang unterrichtet. Nachdem er im St. Morizstift in Augsburg Schulunterricht genos­sen hatte, kam er 1803 als Sängerknabe ans Münchner Seminar. Sowohl hier wie in Augsburg teilte man ihm Kinderrollen auf der Bühne zu, die er zur Zufriedenheit seiner Lehrmeister darstellte. Als er 1807 in seine Heimat zurückgekehrt, das Glück hatte, vor dem König von Württemberg singen zu dürfen, entschied sich seine wei­tere Laufbahn, indem ihm der König das Versprechen erteilte, für seine Ausbildung sorgen zu wollen. So kam er noch im selben Jahr zum weiteren Gesangsstudium nach Stuttgart und 1812 betrat er das erste Mal daselbst die Bühne. Der König blieb sein wohlwollender Protektor, und als dieser 1816 starb, nahm L. ein Engage­ment als erster Tenorist nach Hannover an. Hier gefiel er nicht minder wie in seiner Heimat, verheiratete sich mit der Tochter des Hofschauspielers Pauli und folgte 1818 einem verlockenden Ruf ans Hoftheater in München. Als er daselbst debütier­te, erzielte er einen derartigen Erfolg, daß er für Lebenszeit an diese Hofbühne verpflichtet wurde. Auch seine Frau gehörte der Münchner Bühne bis zu ihrem Tode (1832) an. Er selbst verließ München nicht mehr, außer um Kunstreisen nach dem Norden und Süden Deutschlands zu unternehmen. In Wien, Karlsruhe, Mann­heim, Berlin, Leipzig, überall fand seine Stimme ungeteilten Beifall. L., der infolge seiner Verdienste zum königlich bayerischen Kammersänger ernannt worden war, gehörte in seiner Blütezeit zu den besten deutschen Tenoristen und seine hohe, kräftige, wohlklingende Stimme, wie sein gebildeter Vortrag schufen ihm Freunde seiner Gesangskunst, die ihm bis zu seiner am 1. November 1833 erfolgten Pensio­nierung treu blieben. Sein schwaches Darstellungstalent brachte ihn allerdings um manchen Erfolg, denn Gesangspartien, wo auch schauspielerisches Talent erforder­lich war, gelangen eben nur in stimmlicher Beziehung, allein in dieser brauchte er keinen seiner Kollegen zu fürchten. Ihm wurde auch am 1. Juli 1821 der erste »Flo­restan« (»Fidelio«), am 15. April 1822 der erste »Max« (»Freischütz«) und am 8. Ja­nuar 1830 der erste »Masaniello« in »Die Stumme« in München übertragen. L.’s prächtige Stimmmittel trugen nicht wenig zum Erfolg der einzelnen Opern bei. L., der sich auch als musikalischer Schriftsteller und Komponist (Schul-und Kirchenlie­der, Messen und Gesänge) einen geachteten Namen erworben hatte und 1834 zum Vorstand der Zentralgesangsschule in München ernannt wurde, widmete sich nach seiner Pensionierung dem Gesangsunterricht und eine Anzahl vortrefflicher Schüler dankten ihm ihre späteren Erfolge. Er starb am 29. Januar 1837 in München.

Ludwig Eisenberg’s Grosses Biographisches Lexikon der Deutschen Bühne im XIX. Jahrhundert. Leipzig, 1903.


12-10-02* (Löhle)