Grosses Biographisches Lexikon der Deutschen Bühne (1903) / t_1312

Sigl Eduard, geboren am 22. November 1810 in Passau, bekundete schon als Kind musikalisches Talent und wurde gleich seiner Schwester Katharina (der spätern be­liebten Münchner Hofopernsängerin Sigl-Vespermann) vom Vater, der damals als Musiker am fürstbischöflichen Hofe zu Passau tätig war, auf dessen Kunstreisen durch Deutschland, Holland und Frankreich mitgenommen, auf welchen der kaum fünfjährige Knabe schon öffentlich als Violoncellist auftrat.

1829 wurde er als Violoncelleleve ins Münchner Hoforchester aufgenommen, wo er drei Jahre verblieb. Allein die Vorliebe für Gesang duldete ihn nicht lange im Or­chesterraum und führte ihn am 29. Januar 1832 auf die Bretter. Er debütierte als »Villack Umu« im »Unterbrochenen Opferfest« auf einer kleinen Bühne und errang sowohl an diesem Abend wie später schöne Erfolge, bis es ihm endlich 1836 ge­lang, beim Münchner Hoftheater Anstellung zu finden. Er blieb dieser Bühne fast ein halbes Jahrhundert (bis zu seinem Tode) ununterbrochen getreu, und erfreute sich einer Beliebtheit daselbst, wie diese nur noch seinem Kollegen und Altersge­nossen Ferdinand Lang zu teil wurde. Im Anfang wurde er sowohl als Baßbuffo wie auch in charakterkomischen Rollen verwendet, bis er schließlich nur im komischen Fache auftrat. Seine urwüchsige, stets natürlich-liebenswürdig sprudelnde, aber auch stets von einem feinen Kunstgefühl in Schranken gehaltene und jede Verzer­rung perhorreszierende vis comica machte ihn zu dem verhätscheltsten Liebling der Münchner. Wenn er oder Lang, oder gar beide auf dem Theaterzettel erschie­nen, dann gab es unbedingt ein ausverkauftes Haus. Er verstand es aber auch, selbst im hohen Alter noch immer jugendfrisch kräftig erscheinend, sowohl durch seine Maske als durch seine unvergleichliche Mimik, seine dezente und doch äu­ßerst wirksame Komik, stets die Lachgeister zu entfesseln, und selbst beim sprö­desten Publikum den Beifall zu erzwingen.

S. hatte Gelegenheit, eine große Anzahl von Rollen in München zur allerersten Dar­stellung zu bringen. Darunter: »Bijou« im »Postillon« am 16. März 1838, »van Bett« in »Zar und Zimmermann« am 23. Juli 1841, »Sulpice« in »Regimentstochter« am 17. März 1843, »Gil Vargas« in »Teufels Anteil« am 23. Dezember 1843, »Baculus« im »Wildschütz« am 12. Mai 1844, »Adelhof« im »Waffenschmied« am 13. Novem­ber 1846, »Stephan« in »Hans Heiling« am 13. Mai 1847, »Tristan« in »Martha« am 27. Februar 1848 und »Falstaff« in »Lustige Weiber« am 10. November 1854. Der Künstler erlebte in voller Rüstigkeit sein 50 jähriges Dienstjubiläum, das 1879 unter Beweisen der größten Ehrung und Anerkennung von ganz München gefeiert wur­de. Drei Jahre später trugen sie »Papa Sigl« zu Grabe. Er starb am 11. August 1882. Mit ihm fiel ein wertvolles Blatt aus dem Ruhmeskranz des Münchner Hoftheaters.

Ludwig Eisenberg’s Grosses Biographisches Lexikon der Deutschen Bühne im XIX. Jahrhundert; Ver­lagsbuchhandlung Paul List; Leipzig 1903.


18-14-27 (Sigl & Wepper)