Grosses Biographisches Lexikon der Deutschen Bühne (1903) / t_1261

Schönchen Amalie, geboren am 26. August 1836 in München. Die Familie stammt aus Holland und trug ursprünglich den Namen Schönige, der dann in Schonigen, Schöniche und wahrscheinlich des Wohlklangs halber, in Schönchen verwandelt wurde. Ihr Großvater war Stabstrompeter beim Kurfürsten Karl Theodor dessen alle sechs Kinder Mitglieder des Hofopernorchesters in München waren. Der Vater unserer Künstlerin, Karl Sch., brachte es bis zum königl. bayrischen Hof und Kam­mermusiker und war der Begründer des philharmonischen Vereins »Untermünchner Kinderfeste«.

Aus einer so musikalischen Familie stammend, nahm es niemanden wunder, daß auch Amalie schon als Kind besondere musikalische Neigungen zeigte. Den ersten musikalischen Unterricht erteilte ihr ihr Vater, den sie auch auf seinen musikalischen Künstlerfahrten begleitete; so kam sie auch nach Ischl, wo sie vor der Kaiserin Ma­ria Louise einige Gedichte vortrug. Ihr Talent entwickelte sich immer weiter und auch ihre Stimme kam immer besser zur Geltung.

1854 nahm sie, der Cholera ausweichend, Aufenthalt in Berlin, wo sie vom Kam­mersäuger Mantius die letzte höhere gesangliche Ausbildung erhielt. Dramatischen Unterricht erteilte ihr Frieb-Blumauer. Ihre schöne, jugendliche Stimme erregte das Wohlgefallen der Königin von Preußen, welche sie der königlichen Familie in Han­nover empfahl. Sie wurde daselbst unterstützt und gefördert und genoß auch die Ehre, die Schwester der Königin von Hannover im Zitherspiel, damals im deutschen Norden eine selten geübte Kunst, unterrichten zu dürfen. Sie selbst erfreute durch die Kunstfertigkeit auf diesem Instrument und ihre ausgezeichnete Altstimme den selbstkomponierenden König Georg, der seine Lieder von niemandem lieber vor­tragen hörte, als von Sch.

Da führte sie ein Zufall auf die Bretter und entschied über ihre Zukunft. Die Sänge­rin der »zweiten Dame« in der »Zauberflöte« war plötzlich erkrankt und Sch. über­nahm, um die Vorstellung zu retten, über Nacht die Rolle, die sie mit gutem Erfolge durchführte (19. Nov. 1855). Nach dieser Leistung trat sie in den Verband des Han­noverschen Hoftheaters, woselbst sie als Gesangssoubrette bis 1859 wirkte. Sie er­warb sich sowohl auf der Bühne, wie als Konzert- und Oratoriensängerin große An­erkennung und merkte man schon damals an ihren Leistungen wie »Nancy« (Mar­tha), »Rosl« in »’s letzte Fensterl«, »Orsino« in »Lucretia« etc. ihre hervorragende schauspielerische Begabung, ja, Marie Seebach wollte sie schon zu jener Zeit über­reden, sich ganz dem Schauspiele zuzuwenden.

Um ihren Wirkungskreis zu vergrößern nahm sie (1859) Engagement am Wiesbade­ner Hoftheater, wo sie fünf Jahre als überaus beliebtes Mitglied wirkte. (Debütrol­len: »Marie« in »Zar und Zimmermann« und »Rosl« im »Letzten Fensterl«.) Ihre Viel­seitigkeit kam dort so recht zum Ausdruck und war der Fall nicht vereinzelt, daß sie in einer Woche in den verschiedenartigsten Partien beschäftigt war. Auf die »Pries­terin« in der »Vestalin« folgte etwa die Sennerin »Nandl« in »Versprechen hinterm Herd« und darauf wieder der »Puck« in »Sommernachtstraum« u. dergl. Mehr. Man lobte ihre wohlklingende, frische Stimme, sowie ihren höchst graziösen Vortrag und ihr lebendiges Spiel, Eigenschaften die sie in ihren Mezzo-Sopranpartien in der Spieloper wie im Vaudeville stets bestens zur Geltung brachte. 1864 folgte sie ei­nem Rufe an das Stadttheater in Nürnberg und hier unternahm es die 28 jährige fe­sche Soubrette ins Fach der »komischen Alten« überzugehen (ein in der deutschen Theatergeschichte wohl vereinzelt dastehender Fall), und wählte gleich eine »komi­sche Alte« zu ihrem Debüt.

Nachdem sie mehrere Jahre erfolgreich, getreu dem Wahrspruche: »Lieber eine junge Alte als eine alte Junge«, daselbst tätig gewesen war, folgte sie einer Einla­dung des Hofrates D. Hermann von Schmid, in dessen Bühnenwerken sie bald dar­aus in wirkungsvollster Weise auftrat, an das königl. Gärtnerplatztheater und es dauerte nicht lange, so bezeichnete Schmid das neugewonnene Mitglied als die »unkündbare Hypothek dieser Bühne«.

24 Jahre blieb die Künstlerin diesem Institute treu, das in ihr eines der hervorra­gendsten und bedeutendsten Mitglieder sah. Sch. trug in allererster Reihe (mit Hofpauer, Hartl-Mitius, Neuert und Albert) dazu bei, den Namen dieses Kunstinsti­tutes als erste deutsche Volksbühne zu befestigen, und erscheint es höchst bemer­kenswert, daß es die Vertreterin des älteren Faches war, die man als weiblichen Star der Gesellschaft bezeichnete.

Und als Max Hofpauer im Jahre 1880 aus den Mitgliedern dieser Bühne ein Gast­spielensemble zusammenstellte, welches unter dem Namen »Die Münchener« mit österreichischen und bayerischen Volksstücken sich anschickte, Künstlerfahrten zu unternehmen, da war es wieder in allererster Reihe unsere Sch., deren Mithilfe er sich unbedingt versicherte, und die in den 14 Jahren in welchen er mit seinem be­rühmt gewordenen Ensemble ganz Deutschland, Österreich, Holland, Rußland und Amerika bereiste, nicht nur als seine hervorragendste Stütze, sondern auch als sein beliebtestes und treuestes Mitglied galt.

Wohin die Münchener kamen, überall waren Sch.s Leistungen, darunter »Traudl« im »Herrgottschnitzer«, »Waberl« im »Austragstüberl«, »Creszenz« in »Z’widerwur­zen«, »Försterin« in »Jägerblut«, »Brigitt« im »Pfarrer von Kirchfeld«, »Burgerlies« in »Meineidbauer« etc. stürmisch akklamierte Darbietungen, die durch innige Na­türlichkeit, tiefes Gemüt und sonnigen Humor allgemeine Anziehungskraft ausüb­ten.

Als sich das Ensemble aufgelöst hatte, verließ die Künstlerin (bereits 1880 gele­gentlich ihres 25 jährigen Schauspielerjubiläums – sie wählte die »Kräuter-Lisl« zur Festvorstelluug – zur bayerischen Hofschauspielerin ernannt), ihre langjährige Heimstätte und folgte 1893 einem Rufe an das neugegründete Raimundtheater in Wien. Sie war den Wienern längst keine Fremde mehr, wurde wie eine liebe, alte Bekannte aufgenommen und trat sofort in lebendigen Rapport mit ihren Zuschau­ern.

Gelegentlich des Direktionswechsels schied sie jedoch von dieser Volksbühne und wurde Mitglied des k. k. Hofburgtheaters, wo sie am 12. Oktober 1896 als »Bär­bel« in »Dorf und Stadt« debütierte. Auch hier bietet sie, so oft man ihr hierzu Ge­legenheit gibt, echt künstlerische Leistungen. Wenngleich ihre Rollen s. Zt. fast sämtlich eine gewisse Familienähnlichkeit trugen, so war es gerade ein Beweis fur ihre bedeutende Künstlerschaft, wenn sie dennoch jeder einzelnen ein eigenartiges Kolorit und gleichsam den Stempel einer wirklichen Persönlichkeit zu verleihen wußte.

Alle ihre Leistungen zeichneten sich im allgemeinen durch überaus drastischen Hu­mor wie durch eine Reihe vortrefflicher Nuancen und Pointen aus. Aber ebenso wir­kungsvoll waren ihre tragischen Scenen und ihre Darstellungen atmeten alle volles, warmes Leben. Sch., die die »Frieb-Blumauer der Oberbayern« genannt wurde, stellte in jedem Wort, in jeder Bewegung ein sprechendes, lebensvolles, greifbares Bild auf die Bühne und wußte, wenn es galt auch warme, ergreifende Töne anzu­schlagen. Die Künstlerin kreierte auch bei der allerersten Aufführung des »Sonnen­wendtag« (April 1902) die Rolle der »Rosnerbäuerin«, mit welcher sie eine Glanz­leistung bot. Sie wurde auch aufgefordert dieselbe bei der Erstaufführung des Werkes in Berlin am Deutschen Theater zur Darstellung zu bringen. Es dürfte weni­ge deutsche Schauspielerinnen geben, die im Genre des Bauernstückes in Mütter­rollen an diese Künstlerin heranreichen.

Ludwig Eisenberg’s Grosses Biographisches Lexikon der Deutschen Bühne im XIX. Jahrhundert; Ver­lagsbuchhandlung Paul List; Leipzig, 1903.


05-05-52 (Schönchen & Steidel)