Grosses Biographisches Lexikon der Deutschen Bühne (1903) / t_1161

Possart Ernst von, geboren am 11. Mai 1841 in Berlin als Sohn wohlhabender El­tern. Dieselben glaubten ihren Ernst einst auf der Kanzel als Prediger zu erblicken, denn wo es ihm nur möglich war, erprobte er sich als Redner, und schon als Kind bestieg er Kisten oder Stühle, um vor seinen Schulkameraden oder dem Hausgesin­de lange Standreden zu halten, zu deklamieren oder auch ein Lied zu sin­gen. Herangewachsen, wurde er in eine Buchhandlung als Lehrling gegeben.

Sein ganzes Dichten und Trachten galt jedoch dem Theater, und so entschloß er sich, sich dem Bruder seines Prinzipals, dem bekannten Berliner Hofschauspieler Wilhelm Kaiser anzuvertrauen und diesen mit seinem Plan, den Schauspielerberuf zu ergreifen, bekannt zu machen. Der erfahrene Mann erkannte sehr bald, daß, wenn er P.’s Bitte, ihm schauspielerischen Unterricht zu erteilen, ablehne, der junge P. einfach durchgehen und sein Heil irgendwo bei einer herumziehenden Truppe versuchen würde. Darum willigte er in den Unterricht, jedoch mit der Bedeutung, daß der junge Kunstenthusiast für den Fall, daß sein Talent sich nicht stichhaltig er­weise, vorläufig in der Buchhandlung verbleibe. Diese Übereinkunft blieb solange eine geheime, bis P. sich praktisch aus dem Liebhabertheater »Urania«, wo er unter dem Namen Ernst auftrat, bewährte.

Doch nun hielt ihn nichts mehr zurück, und nachdem er auch als Einjährig-Freiwilli­ger seiner Wehrpflicht Genüge getan hatte, verschaffte er sich ein Engagement am Stadttheater in Breslau. Dort betrat er am 15. Oktober 1861 als »Siegfried von Mörner« im »Prinzen von Homburg« zum ersten Male die Bühne. Im Anfang wurde er trotz des Beifalls, den er bei seinem Debüt gefunden hatte, nicht besonders be­schäftigt. Er spielte wohl u. a. den »Silberkalb« in den »Karlsschülern«, den »Fortin­bras« in »Hamlet«, doch erst der plötzliche Abgang des dortigen Charakterspielers war für P.’s Zukunft von großer Bedeutung. Er mußte nämlich für den Abgegange­nen den »Wurm« in »Kabale und Liebe« spielen. Durch diesen Zufall wurde ihm das Genre vorgezeichnet, in welchem er einst so große Erfolge erzielen sollte, nun erst wurde es ihm und seiner Umgebung klar, wozu ihn das Schicksal eigentlich be­stimmt hatte.

Trotzdem er von diesem Zeitpunkt an viel größere Charakterrollen zugeteilt erhielt, mußte er doch auch bei seinem nächsten Engagement 1862 in Bern, den kleinen Verhältnissen Rechnung tragend, alles Mögliche nebenbei spielen; heute den Intri­guanten, morgen eine jugendlich-komische Rolle, dann wieder eine kleine Charge, oder gar einen Heldenvater, sodaß er im eigentlichen Sinn des Wortes fast nicht mehr von den Brettern herunterkam. Aber gerade diese vielseitige Verwendung sagte ihm für die Dauer nicht zu, und 1863 finden wir ihn als Nachfolger Görners am Stadttheater in Hamburg, wo dem Künstler die schwere Aufgabe zufiel, unmit­telbar nach Dawison, der gerade längere Zeit dort gastiert hatte, eine Anzahl der bekannten Charakterrollen dieses großen Meisters zu spielen. Er begann mit dem »Wurm«, wobei es so über Erwarten gut ging, daß er sogleich nach seinem Debüt definitiv für das Stadttheater verpflichtet wurde. Als er bald darauf als »Narziß« er­schien, ließ es Heinrich Marr, damals der bedeutendste unter den Veteranen der Schauspielkunst, welcher der Vorstellung mit großtem Interesse gefolgt war und der grundsätzlich nie die Bretter des Stadttheaters betreten hatte, keine Ruhe, er eilte nach dem vierten Akte zu P. auf die Bühne und prophezeite ihm in Worten höchster Anerkennung eine glänzende Zukunft.

Schon während seines Engagements in Breslau verschaffte ihm seine naturwahre Darstellung in einer anderen Richtung einen sensationellen Erolg. Es wurde da­selbst ein neues Stück von Gottschall »Der Nabob«, aufgeführt. P. spielte darin die Rolle des Inders »Natal« mit solch ungemeiner Lebendigkeit und Wahrheit, daß, während er gerade eine der erschütterndsten Szenen durchführte, auf der Galerie ein Mann, der vor wenigen Tagen in Breslau unter den mysteriösesten Umständen an einem Schlossermeister einen grauenhaften Mord vollbracht hatte, der die gan­ze Stadt in Aufregung versetzte, ohne daß man des Täters habhaft werden konnte, vom Spiel des jungen Schauspielers so mächtig gepackt und ergriffen, und sein schlummerndes Gewissen derartig aufgerüttelt wurde, daß er sich noch während des Stückes selbst den Händen der Gerechtigkeit übergab – gewiß ein noch nie da­gewesener Triumph der Schauspielkunst.

Nach kaum einjährigem hervorragendem Wirken in Hamburg sollte er bereits zwi­schen einer viel vorteilhafteren Kontrakterneuerung und einem Rufe ans Münchner Hoftheater wählen. Der junge Künstler entschied sich für das letztere, nachdem Lil­la von Bulyowsky gelegentlich ihres Gastspiels in Zürich auf den talentvollen Anfän­ger durch sein wundervolles Organ, verbunden mit einer auffallenden Eigenart sei­ner Spielweise, aufmerksam gemacht, denselben in einem enthusiastischen Brief dem Hoftheater empfohlen hatte. Am 9. Juni 1864 debütierte er bereits daselbst als »Franz Moor«. Man sah dem Gastspiel dieses in großen Kreisen noch unbekann­ten Schauspielers teils mit geringem Interesse entgegen, teils fürchtete man einen Durchfall. Und ähnlich wie sechs Jahre früher Lewinsky in Wien, so eroberte sich an diesem Abende P. in München seine Stellung in der deutschen Schauspielerwelt in der Rolle des »Franz Moor«.

Mit dieser gewaltigen Leistung, die jedem unvergeßlich blieb, der ihr beigewohnt, wurde er Münchner Hofschauspieler und der Liebling des Publikums. Seit diesem denkwürdigen Abend ging der Münchner, wenn P.’s Name auf dem Zettel stand, doppelt gerne ins Theater, wußte man doch, daß von des kühnen Neuerers interes­santem realistischem Spiel immer etwas Bedeutendes zu erwarten sei. Schon im Oktober desselben Jahres sah ihn der junge Monarch Ludwig II., dessen Herz be­geistert für Literatur und Kunst schlug, zum erstenmal als »Wurm« und wandte dem künstlerischen Streben des jungen Schauspielers von nun ab das wärmste In­teresse zu. Nun folgten der Reihe nach »Carlos« (»Clavigo«), »Friedrich der Große« (»Des Königs Befehl«), »Antonio« (»Tasso«), »Geßler«, »Muley Hassan«, »Richard III.«, »Nathan«, »Marinelli«, »Mephisto«, »Shylock«, »Jago« etc. etc. und mit jeder neuen Leistung wuchs der Künstler immer höher und erweiterte sich der Kreis sei­ner Freunde.

Alles was er brachte, war reiflichst durchdacht, aufs fleißigste ausgeführt. Sein ernstes Ringen und Streben, seine nicht gewöhnliche Bildung, an der er mit rastlo­sem Fleiße fort und fort arbeitete, seine geradezu hervorragende Technik errangen sich höchste Anerkennung. Nie schuf er etwas Unreifes, nie etwas Unbedachtes. Und mochte man auch mit der Auffassung dieser oder jener Rolle nicht einverstan­den sein, über die Durchführung gab es niemals Meinungsverschiedenheiten. Als vorzüglichstes Requisit für seine künstlerischen Darbietungen dient ihm sein prachtvolles Organ von seltener Schulung. Es ist vielleicht das klangschönste, und ausdrucksfähigste, das je ein deutscher Schauspieler besaß. Der Künstler versteht aber auch dieses volle, runde, der feinsten Modulation ebenso gehorsame, wie den strengsten Affekten genügende Sprachinstrument meisterlich zu handhaben. Es ist daher nicht zu verwundern, daß P., der an Klarheit und Plastik der Rede nur wenig ebenbürtige Rivalen auf deutscher Bühne hat, stets den größten Wert auf die rhe­torische Seite der Darstellung legt. Dabei versteht er es vortrefflich den Geist des Zuhörers zu beschäftigen, sein Denken anzuregen. Wie er das Wort zu meißeln ver­steht, so ist in seiner Haltung, seinen Gebärden, Bewegungen und Posen alles ma­lerisch. Dem Unschönen geht er instinktiv aus dem Weg und folgt in allen seinen Darbietungen dem Prinzip, daß der Künstler die Natur wahrheitsgetreu, doch in veredelter Form wiedergeben soll. Für ihn gab es nie einen Stillstand, nie ein Aus­ruhen auf den bereits errungenen Lorbeeren. Immer vorwärts, rastlos vorwärts.

Felix Philippi, der sich vielfach mit der Charakterisierung der Münchner Schauspie­ler beschäftigte, wendete selbstverständlich auch diesem bedeutenden Künstler sein Augenmerk zu, und wie immer, so zeichnet er auch in diesem Falle das künstle­rische Charakterbild in scharfen Umrissen. »In Possart tritt uns eine schauspieleri­sche Kraft von erstaunlicher Intensität entgegen. Seine schauspielerischen Gaben, sein ganzes Wesen drängten ihn in das Fach der Charakterrollen: ausgeprägte Phy­siognomieen mit schneidender Schärfe des Geistes, Verstandeshelden, deren eises­kühle Reflexion jedes sich regende menschliche Gefühl im Keim erstickt, Bösewich­ter voll dunkelster Leidenschaften, Intriguanten, welche mit dem Glück ihrer Mit­menschen Fangball spielen, sind vor allem die Gestalten, denen Possart seine Künstlerschaft leiht. Das ganze Gemälde, in großen Strichen entworfen, ist hier mit haarscharfem Pinsel bis in die geringfügigsten Details ausgeführt, und einfach be­wunderungswürdig die Schärfe der Beobachtung, welche den Charakter in all sei­nen Tiefen bis auf den Grund erschöpft. Possarts Mimik ist so vollendet: ich glaube, ein des Gehörs völlig Beraubter könnte aus diesen ewig wechselnden Zügen die ihm sonst völlig verschlossene Handlung entziffern. Er denkt eben überall, wie Les­sing sagt, mit dem Dichter und, wo es notwendig erscheint, für denselben.« Sein seltener, eiserner Fleiß, seine originelle Begabung, sowie reiche Phantasie, sein phänomenales Gedächtnis und seine unbeugsame Energie fanden aber auch ihren Lohn.

Bereits 1872 wurde er Regisseur, 1875 Oberregisseur, 1892 königlicher Professor, 1893 Generaldirektor, 1895 Intendant der bayr. Hofbühne, 1898 sogar in den Adelstand erhoben – eine Karriere, die in der modernen Schauspielgeschichte oh­negleichen dasteht. Wenn man seine Großtaten als Schauspieler – abgesehen von den bereits früher erwähnten Meisterleistungen – wie der Neubelebung von Byrons »Manfred« (er brachte diese mystische Figur zum ersten Male in Deutschland auf der Münchner Hofbühne siegreich zur Verkörperung, 18. Februar 1868), seines »Advokaten Behrend« im »Fallissement«, »Rabbi Sichel«, »Napoleon I.« etc., Kabi­nettstücke feinsinniger Charakterisierungskunst erwähnt, so muß man auch seiner bahnbrechenden Tätigkeit als Bühnenleiter und Regisseur gedenken. Hierzu gehö­ren die effektvollen, in mustergültiger Weise inszenierten Aufführungen Wagner­scher Werke, wie nicht minder die Vorführung der Opern Mozarts zum erstenmal nach dem Original, nebst anderen wichtigen organisatorischen Taten auf dem Ge­biete der Oper und des Dramas, und endlich das von ihm ins Leben gerufene Prinz­regententheater, das am 22. August 1901 mit »Meistersinger« feierlichst eröffnet wurde und seinem Schöpfer neuerdings Ruhm und Ehre brachte.

Stets erfolgreich bemüht, das Interesse für Wagners Schöpfungen zu fördern, ver­anstaltete er März 1902 einen auf vier Abende berechneten Cyklus von Rezitatio­nen der Tetralogie, Textdichtung (»Rheingold«, »Walküre«, »Siegfried« und »Göt­terdämmerung«), um durch das Studium der Wortdichtung, welche er durch seinen Vortrag zu erleichtern bestrebt war, das Verständnis des Musikdramas zu erhöhen. 1887 verließ P. für einige Zeit das Münchner Hoftheater, beteiligte sich 1888 als »Nathanan« an der Eröffnungsvorstellung des Lessingtheaters in Berlin, woselbst er ein Jahr künstlerisch wirkte, heimste auch in Amerika ungeheuerliche Erfolge ein, durchzog dann gastierend noch ganz Deutschland, Rußland, Holland, leuchten­de Spuren seiner Kunst hinterlassend, um 1892 wieder unter das schützende Dach des königlichen Hoftheaters nach München zurückzukehren. P.’s Wirken und Schaf­fen bleibt für alle Zeit mit der Geschichte des Münchner Hoftheaters, welche Büh­ne ihm eine neue Ära verdankt, auf das innigste verflochten.

Ludwig Eisenberg’s Grosses Biographisches Lexikon der Deutschen Bühne im XIX. Jahrhundert; Ver­lagsbuchhandlung Paul List; Leipzig, 1903.


31-01-30 (Possart)