Grosses Biographisches Lexikon der Deutschen Bühne (1903) / t_1078

Meyer Johanna, geboren am 21. September 1845 in Hannover, Tochter eines klei­nen Beamten des Salmschen Fürstenhauses. Sie wuchs bei braunschweigschen Bauersleuten auf, und ohne eine besondere geistige Erziehung genossen zu haben, entschloß sie sich schon in ihrem 15. Lebensjahre, Schauspielerin zu werden. Sie stellte sich dem braunschweigschen Hofschauspieler Schultes vor, und schon nach einjährigem Studium wagte sie an der Braunschweiger Hofbühne den ersten thea­tralischen Versuch. 1862 nahm sie ihr erstes Engagement in Königsberg, wo sie zwei Jahre verblieb und neben ihrer angestrengten schauspielerischen Tätigkeit vervollständigte sie daselbst auch ihre etwas zurückgebliebenen Schulkenntnisse über alles Erwarten. Im Oktober 1864 debütierte die junge Künstlerin als »Anna-Liese« am Münchner Hoftheater. Sie gefiel und wurde engagiert. M. fand nun rei­che Beschäftigung vor, bewährte sich zuerst in kleineren, dann in größeren Rollen, und entzückte bald mit ihrer «Louise«, «Julie« «Thekla«, «Prinzessin Leonore« in «Tasso« etc. das Publikum stets mehr und mehr. Nach kaum vierjähriger Tätigkeit war sie bereits der erklärte Liebling der Münchner. Die Eigenart ihres Talentes ver­lieh ihrer Darstellungsweise ein sinniges, wahrhaft deutsches Gepräge; sie vereinte in ihren Rollen eine reine und tiefe Empfindung mit rosiger, keuscher Jungfräulich­keit, unterstützt durch eine geschmeidige Gestalt, elastische und graziöse Bewe­gungen, und besaß ferner ein Augenpaar, das alle Affekte der Seele mächtig und überzeugend auszudrücken vermochte. Der Ton ihrer Stimme war so lebenswarm, so voll und wahr zum Herzen sprechend, daß die Gesamtheit des Eindruckes, den die Darstellerin mit jeder Rolle hinterließ, ein allseitig überzeugender, ja hinreißen­der genannt werden mußte. So und ähnlich lauteten die Nekrologe, die man schrieb, als M. in der Blüte ihres Lebens von der Stätte ihrer Wirksamkeit hinweg­gerissen wurde und nach elfjähriger hervorragender allgemein anerkannter Tätig­keit am Münchner Hoftheater, am 22. Mai 1874, nach kaum achttägigem Krankenla­ger, verschied.

Ludwig Eisenberg’s Grosses Biographisches Lexikon der Deutschen Bühne im XIX. Jahrhundert; Ver­lagsbuchhandlung Paul List; Leipzig, 1903.


31-01-27 (Meyer)