Grazer Volksblatt (13.12.1868) / t_1462

Feuilleton.

Maria Arndts.
Eine christliche Dichterin.

Der Frauen-Sphäre ist die engere Häuslichkeit, das Familienthum; der Frauen nächster Beruf ist und bleibt es immer, dieses zu verklären als Priesterinnen der Sit­te, Ordnung und Zucht, und ihr eigenthümliches Talent ist das der stillen, sinnigen Beobachtung.

Halten sie als Schriftstellerinnen die Schranken dieses Berufes und dieser Befähi­gung inne, so werden sie immer als die naturgemäße Ergänzung zu der schriftstel­lernden Männerwelt gelten müssen; gehen sie aber als solche darüber hinaus, so fallen sie damit ohne weiteres in die Kategorie der emancipirten, d. h. der von ihrer wahren Natur abgefallenen Weiber, und erregen mit Recht mehr oder minder An­stoß.

Nach diesem durchaus sachgemäßen Gesichtspunkte scheiden sich nun alle unsere heutigen Schriftstellerinnen in zwei Gruppen, von denen die eine alle die umfaßt, die die Grenze entweder der weiblichen Sitte und Sphäre, oder die der weiblichen Begabung überschritten, die andere aber die, die dem Wesen und der Bestimmung des Weibes getreu blieben.

Indem wir mit diesen Worten Barthels vollkommen übereinstimmen, können wir keinen Augenblick zögern, die Dichterin, deren neueste Schöpfung vor uns liegt, Maria Arndts, jenem edlen Kranz von Dichterinnen anzureihen, die begeistert von dem Beispiele einer Roswitha, Karschin, Gräfin Ida Hahn-Hahn oder Elisabetha Frei­in von Droste-Hülshoff, auch in unserer dem goldenen Kalbe des crassesten Ma­terialismus so sehr huldigenden und an inniger, tiefer Poesie so armen Zeit, der Laute ihres reinen und empfindsamen Herzens die herrlichsten Töne zu entlocken verstehen; jenen edelsten der deutschen Frauen, von denen der große Minnesän­ger Walter von der Vogelweide so treffend singt:

Lande hab‘ ich viel gesehen,
Und ich nahm der besten gerne wahr;
Uebel müßt‘ es mir ergehen,
Brachte ich mein Herz je ihnen dar.
Daß ihm wohl gefallen
Manche fremde Sitte,
Unrecht wär‘ es, wenn ich dieses widerstritte:
Deutsche Zucht geht doch vor allen.

Von der Elbe bis zum Rhein
Und dann wieder bis zum Ungarland
Mögen wohl die Besten sein,
Die ich habe in der Welt erkannt.
Kann ich recht erschauen
Gut Gelaß und Leib,
Helf‘ mir Gott, so schwör‘ ich, besser ist das Weib
Hier, als anderwärts die Frauen.

Deutscher Mann ist wohlgezogen,
Recht wie Engel sind die Frauen schön.
Wer sie schilt, der ist betrogen:
Ich kann dieses anders nicht verstehen.
Tugenden und reine Minne,
Wer die suchen will,
Komm‘ in unser Land nur, da ist Wonne viel.
Mög‘ ich leben lang darinnen! …

Dramen für das christliche Haus sind die Dichtungen betitelt, in denen Maria Arndts ihre schönen, frommen und edlen Gedanken in dem Gewande einer ebenso edlen und reinen Sprache niedergelegt hat, daß man nicht umhin kann, die Worte der Verfasserin auf sie selbst anzuwenden:

Wer diese »Dramen« hat ersonnen,
Der ist ein reiner Geist fürwahr
Und trank am echten Lebensbronnen,
Der ewig fließet licht und klar.

Das dritte Bändchen – das erste enthält: »Die Schule Murillo’s«, das zweite: »Ein Passionsspiel in fünf Bildern«. – bringt uns: »Ostern in fünf Bildern.«

An Innigkeit der Gefühle, wenn auch nicht an anderen Vorzügen, die übrigen Bilder übertreffend erscheint uns das vierte: »Die drei Marien am Ostermorgen.

[…]

Grazer Volksblatt Nr. 342. Sonntag, 13. Dezember 1868.


ML-335* (Arndts von Arvensberg)