Gettke’s Bühnen-Almanach (1889) / t_603

Zweiter Nachtrag zur Todtenschau.
(Vergl. künftige Jahres-Chronik.) 1888. November.

10. Eduard Brummer (Genoss.-Mitgl. 7016), hervorragender Künstler des Theaters am Gärtnerplatz-Th. in München, über dessen jähen Hingang uns folgende Zeilen zugehen:

Wenn die Blätter fallen
In des Jahres Kreise,
Wenn zum Grabe wallen
Entnervte Greise,
Da gehorcht die Natur
Ruhig nur
Ihrem alten Gesetze,
Ihrem ewigen Brauch,
Da ist nichts, was den Menschen entsetze!
Aber das Ungeheure auch
Lerne erwarten im irdischen Leben

Ach! Wir lernen es nimmer, es ist ein Theil der menschlichen Natur, dem Ungeheu­ren fassungslos gegenüber zu stehn. – Eduard Brummer ist nicht mehr! – Mitten in seinem künstlerischen Wirken, ein Bild von Jugendkraft und Gesundheit, überfiel ihn der Tod, wie der Blitz die Eiche und streckte ihn zu unseren Füßen nieder. Wort­los standen die Kollegen, sie verspürten gleichsam den Flügelschlag des Todesen­gels und erschauerten unter dem Banner seiner geheimnisvollen Macht. Aber die Zeit, die Alles lindere, entfesselt auch die wohlthuende Thräne und das Entsetzen löst sich in schmerzliches Klagen um den Verblichenen.

Zu früh, viel zu früh wurdest Du uns entrissen! Mit Dir entschwand der behagliche Humor, die gemütliche Heiterkeit! Du kanntest den Zauber, unter Thränen zu la­chen und Deinen Zuhörern lächelnd Thränen zu enlocken! Deine sonnige Laune ent­sprang nicht dem Gehirn, sie kam aus dem Herzen und pochte deshalb nicht ver­geblich an das Herz des Verbitterten. Ach, einen Künstler wie Dich werden wir nim­mer in unseren Reihen sehen!

Wie als Darsteller, so fehlt uns Eduard Brummer auch als Freund und Kollege. Seine offene, gerade Manier mußte jeden für ihn einnehmen, obwohl sein seltener Pflichteifer ihn zuweilen gegen Andere, minder Eifrige rücksichtslos erscheinen ließ. Was er einmal für das Rechte erkannt hatte, das hielt er hoch, dem folgte er schnurgerade und ohne Nebengedanken.

Es war kein Falsch an ihm, diese Thatsache mußte auch seinen Feinden Achtung abzwingen.

Brummer ging in sehr jungen Jahren zu Bühne und zwar zuerst nur an kleinen Thea­tern, in Ingolstadt, Cham, Kehlheim u.s.w. thätig. Später sah man ihn in Ischl, Salz­burg, Gastein, Meran, Brünn und Wien, vom Jahre 1878 an widmete er jedoch sei­ne Begabung ununterbrochen dem Gärtnerplatztheater in München. Sein Ehrgeiz spornte ihn unaufhörlich, nichts dünkte ihm unerreichbar und wahrlich das Glück belohnte sein Streben auf jede Weise. Künstlerisch wie gesellschaftlich war seine Stellung gleich beneidenswerth, eine glänzende Häuslichkeit umgab ihn, ein blü­hend schönes Weib, um das er Jahre lang geworben, wie Jakob um Rahel, ward endlich die Seine, er schien auf dem Gipfel irdischen Glückes angekommen – da stürzte ihn der Todesengel jählings herab, ehe er Muße fand, sich des Errungenen zu erfreuen.

Eduard Brummer, den 9. Dezember 1850 in München geboren, starb am 10. No­vember 1888 unmittelbar nach der ersten Aufführung der Operette Ali-Baba in sei­ner Garderobe, am Herzschlag. Ihn beweinen zwei Brüder, seine kranke Mutter und seine zwanzigjährige Gattin. Liebe und Freundschaft verwandelte seine letzte Ru­hestätte in einen Blütenhain, ganz München wallfahrtete zu seinem Grabe.

Die heitere Muse aber verhüllt trauernd das sonnige Antlitz, denn von ihr schied der gefeiertste und berufenste ihrer Lieblinge. (PH. Hartl-Mitius).

Gettke’s Bühnen-Almanach; Siebzehnter Jahrgang; Leipzig 1889.


NA-060 (Brummer & Schratzenstaller & Seidenader & Strebel)