Geschichten aus dem Thier-Leben (1860) / t_853

Ein interessantes Löwenpaar in München.

Unter den ausländischen Thieren, welche in dieser Hauptstadt die große Kreutzber­gische Menagerie im Winter 1853-1854 zur Schau stellte, nahm ein Löwen-Paar den ersten Rang ein. Es waren Löwen des Atlas in Nordafrika (Felis Leo, var. barbarus) von der stärksten Race, die vorkommt. Dieser Löwe wurde ein Jahr alt gefangen, war damals 23 Jahre alt, und zeichnete sich besonders durch seinen außerordent­lich schönen Kopf und die über die Brust hinziehende, dunkelgelbe Mähne aus; ebenso durch seinen Ernst, seine Stärke, seine herrlichen Bewegungen und durch die Harmonie des ganzen Körpers; sein Ganzes hatte etwas wahrhaft Majestäti­sches, Alles schien zu sagen: »das ist ein König der Thiere.«

[…]

Ein lebendiges Exemplar eines solchen edlen Thieres war in München zu sehen, das besonderes Aufsehen machte und uns durch seine Handlungsweise bewies, daß mit dem Thierkönigthum auch noch andere, nemlich die herrlichsten Gemüthsei­genschaften, verbunden sind.

Besonderes Interesse erregte dieser Löwe bei den Münchener Künstlern, vor Allem bei den Plastikern.  Bisher hat die Kunst bei manchen ihrer Produkte geglaubt, die Natur umgehen, gleichsam verschmähen zu können; besonders die Löwen wurden immer mehr idealisirt, oder eigentlich nach dem in München lang herrschenden Kunstbegriff und Ausdruck »stylisirt.« Aber gerade dieser Kreuzbergische Löwe zeigte wieder augenfällig, daß die Natur nie übertroffen werden kann, und viele bisher dargstellte Löwen Fratzenbilder waren. Herrn Professor Halbig gebührt vor Allem das Verdienst, von jener naturfeindlichen Idee abgegangen zu sein und ei­gentliche Löwen darzustellen. Ein schöneres Muster hatte sich freilich nie gezeigt, als gerade jener Leu des Atlas in der angekommenen Menagerie, der, selbst einge­schlossen, seine königliche Würde nie verleugnete.

Herr Kreutzberg wurde deßhalb ersucht  seinen Löwen genannt »Simson,« Modell stehen zu lassen, was er mit aller kunstfreundlichen Gefälligkeit zugab. Der Löwe mußte also die Löwin, sein Weib, mit welcher er seit langer Zeit in einem Behälter war, auf einige Tage verlassen und wurde, da es Winter war, auf einem Schlitten in das Atelier des Herrn Halbig transportirt. Die Löwin fügte sich in der auf einmal eingetretenen Einsamkeit ziemlich gefaßt in ihr Schicksal; Geduld und Entsagung ist ja gar oft des Weibes Loos; doch ein stummer Schmerz über die Abwesenheit ihres Gatten war nicht zu verkennen, denn die Natur gibt oft gerade den stärksten Thieren die zartesten Gefühle.

Fürchterlich war aber unterdessen der Seelenzustand des Löwen. Als im Atelier sein Käfig geöffnet wurde, er fremde Gegenstände sah und seine Gefährtin ver­mißte, stieß er ein schauerliches Gebrüll aus, schüttelte die Mähne, rüttelte an den Eisenstangen und sah mit glühenden Augen auf die fremdartige Umgebung her­aus, von welcher ihn besonders die weißen Gypsfiguren zu geniren schienen. Unge­heuer schwierig war es daher, ihn aus dem mitgefahrenen Käfig in einen größeren zu bringen, wo er sich eigentlich zeigen sollte. Unglücklicher Weise war auch ein Wärter dabei, der ihn einmal schwer beleidigt hatte, und seine leidenschaftliche Aufgeregtheit, seinen Zorn vermehrte. Denn der Löwe vergißt nie, und ist ebenso des Hasses als der Liebe fähig. Man warf ihm brennende Heubüschel hinein, um ihn in den andern Käfig zu bringen; er zertrat diese feuerigen Knäuel und wurde nur noch furchtbarer, und nur der freundlichen Zusprache seines Herrn und der Mani­pulation von diesem gelang es endlich nach 2 Stunden, das aufgeregte Thier in den Modellkäfig zu bringen.

Herr Halbig hatte aber einen sehr schwierigen Stand, diesem Modell etwas abzu­lauern; denn der Löwe war stets unruhig und schien es auch nicht gerne zu haben, wenn man ihn scharf ansah. Doch gelang es dem sehr gewandten Künstler, dem mißgelaunten Modell die Hauptsachen, besonders seinen herrlichen Kopf, abzuge­winnen und eine angemessene Form des Körpers in Lehm herzustellen, nach wel­cher die kolossale Löwenstatue gefertigt wurde, die nun in Lindau steht und wohl eines der schönsten und wahrsten Löwenbilder in ganz Europa sein wird. Schon die Ansicht der Lehmmodelle bestätigte mir wieder, daß die Natur immer das schönste und erhabenste für künstlerische Nachahmung schafft; der Künstler muß es nur im­mer, wie hier der Fall war, von der rechten Seite aufzufassen wissen.

Nach drei Tagen, eigentlich früher als es bestimmt war, wurde Anstalt gemacht, den Löwen wieder nach Hause zu schaffen, und wiederholt war es sehr schwierig, ihn in den alten Käfig zu bringen. Er kam aufs Neue in heftigen Zorn; aber auch in diesem Zustande war er immer majestätisch schön, und ließ dabei die ganze Furchtbarkeit im wilden, freien Zustande erkennen. Sehr interessant war seine Heimkehr zu seiner Gattin, der Löwin, die sich unterdessen immer mehr gelang­weilt hatte. Als daher der Löwe in die Hütte hineingefahren wurde, schien sie seine Ankunft schon von Weitem zu wittern und gab ihre Freude durch Sprünge und Be­wegungen des Schweifes zu erkennen. Sehr rührend war es dann, als das Paar wieder zusammengelassen wurde in einen Käfig; denn das Umhalsen und Belecken der beiden Gatten wollte kein Ende nehmen! Endlich als sich der Löwe legte, schmiegte sich die Löwin zärtlich an, und man sah nun an beiden Thieren das Ge­präge befriedigenden Glückes. Dieses Bewillkommnen ließ einen ebenso tiefen Blick in das Gefühlsleben des merkwürdigen Thieres thun, als früher die Beobach­tung des Zornes. Der Löwe ist so erhaben in seinem stolzen Grimm, als mild und edel in seinen Neigungen, und darum ist er mit allem Rechte das Sinnbild der Macht und des Edelmuthes. Sagt ja doch schon der weise König Salomon: »Der Gerechte (Rechte) ist wie ein Löwe.«

Oft habe ich diesen Löwen besucht, beobachtet und bewundert; jetzt weilt er in weiter Ferne, darum ruf‘ ich auch noch dahin nach: »Lebe wohl, wackerer, muthiger Simson, erhabenstes Modell des Schönen und Großen!«

Geschichten aus dem Thier-Leben, gesammelt und verfaßt von einem Tierfreunde. Herausgegeben vom Münchener Tierschutz-Verein in 10,000 Exemplaren. München, 1860.


NA-014 (Halbig)