Gemeinde-Zeitung (14.9.1873) / t_145

Julie Evergenyi, Graf Chorinsky’s Mitschuldige – todt.

Der Tod hat nunmehr auch die zweite Hauptperson aus dem großen Gerichtsdrama Chorinsky-Ebergenyi vom Schauplatze verschwinden lassen: Julie Ebergenyi von Telekes ist am 11. d. Abends um halb 9 Uhr im Landes-Irrenhause ans dem Brünn­lfelde an der Cholera gestorben. Das einst so blühende, verführerische Weib war in der Anstalt, wo sie bei anderthalb Jahre zugebracht haben mag, zuletzt an Leib wie an Seele gebrochen. Als sie den furchtbaren Entschluß faßte, Mathilde Rueff, die geschiedene Gattin Chorinsky’s, aus dem Wege zu räumen, zählte Julie Ebergenyi fünfundzwanzig Jahre; die Vergiftung geschah in München am 21. Dezember 1867. Sechs Tage darauf wurde die Mörderin in Wien, in ihrer Wohnung in der Krugerstra­ße, verhaftet; die Festnehmung Chorinsky’s erfolgte am 29. Dezember in München, wohin sich der Graf zum Leichenbegängnisse seiner Frau begeben hatte. Im April 1868 begann in Wien vor den Schranken des Gerichtshofes jenes mit so grausamer Spannung fesselnde Drama, welches damals ganz Europa beschäftigte; das Urtheil über Ebergenyi, welche hartnäckig die Schuld leugnete, lautete auf zwanzig Jahre schweren Kerkers. Gleiche Strafe traf im Juli 1867 den Genossen der That, Gustav Chorinsky, dessen Zurechnungsfähigkeit von dem Irrennarzte Morel vor den Ge­schwornen bekanntlich energisch bestritten wurde. Chorinsky starb in der Irrenan­stalt in Erlangen am 20. Dezember 1871.

Man weiß, daß Julie Ebergenyi nur schwer an den Gedanken sich gewöhnen konn­te, ewig von »Gustav« getrennt zu sein; sie hoffte fieberisch und unablässig auf Vereinigung und Befreiung. Als sie an dem Tode des Mannes nicht mehr zweifeln konnte, war auch jede Aussicht geschwunden, daß Julie Ebergenyi aus der Geistes­nacht erwachen könnte, die das schuldbeladene Weib umfangen hatte.

Ihr Todeskampf.

Julie Ebergenyi kämpfte vierzehn Stunden mit dem Tode. Donnerstag Morgens halb 5 Uhr erwachte sie unter heftigen Krämpfen. Da die Gefangene in den letzten Jahren ihrer Haft solchen Leiden ausgesetzt war, ohne daß die berufen Aerzte ihr Linderung derselben zu schaffen vermochten, so fand der erneuerte Eintritt der Krämpfe von Seite der Wärterinen keine sonderliche Beachtung. Nach kurzer Zeit traten jedoch Erscheinungen ein, die auf den veränderten Charakter der Krankheit hinwiesen, Die mit Heftigkeit aufeinanderfolgenden Anfälle von Gelenks-, Waden- und schließlichen Kinnbackenkrämpfen deuteten auf den nahen Eintritt einer Kata­strophe, deren Erkenntniß sich die am Krankenlager der Ebergenyi erschienenen Aerzte nicht verschlossen. Der Primar-Arzt Dr. Marschner schickte bereits um 10 Uhr Vormittags ein in diesem Sinne gefaßtes Telegramm an die Stiefmutter der Er­krankten, Frau Alphonsine v. Ebergenyi, nach Scacsna. Geraume Zeit, während des andauernden Todeskampfes, war Julie Ebergenyi im vollen Besitze ihrer geistigen Kräfte; erst Nachmittags nach der zweiten Stunde begannen diese zu schwinden, ihre Klagen wurden leiser, ihr Ringen schwächer und von halb 4 Uhr bis zum Eintrit­te des Todes blieb sie in völliger Bewußtlosigkeit.

Ihr Todeskampf und die eingetretenen lichten Augenblicke hatten Zeugen in den häufig an ihr Lager tretenden Aerzten, in den an ihrer Seite weilenden Wärterinen. Die kurzen abgerissen hervorgestoßenen Sätze zeigten nichtsdestoweniger einen geistigen Zusammenhang, in ihnen allen trat das Bewußtsein gänzlicher Hilflosig­keit und Verlassenseins in schmerzvoller Weise zutage. Kurz nach dem Eintritt des Todes wurde die Leiche der unglücklichen Ebergenyi in die Leichenkammer des all­gemeinen Krankenhauses überführt. Sie war das einundzwanzigste von jenen Op­fern, die der unheimliche Gast von den Bewohnern der Landes-Irrenanstalt gefor­dert.

Gemeinde-Zeitung Nr. 213. Wien. Sonntag, den 14. September 1873.


19-05-22* (Chorinsky)