Gedicht (1857) / t_194

Es flammet die Stube in glühendem Licht
Verzaget nicht, Gottes Auge wacht!
Braut, Bräut’gam, Mutter und Schwesterlein
Im trauten Stübchen beisammen sein,
Sie reden vom Tage, wo liebend umschlingt
Der Künstler die Braut, die er ewig gewinnt!
Wie selig schwelgen die Lieben in Lust
Es hebt sich der Mutter bewegte Brust!

Schon ziehen die Schäfchen am blauen Gefild
Mit ihrem Hirten dort hin so mild,
Wie jeder das Tagwerk auch vollbracht,
Es decket Alles der Schleier der Nacht!
Und schweigend in süßem Wonnegefühl
Ersehnen die Guten das schönste Ziel!

Die Mutter spricht: »Bald ist der Hochzeittag,
Da halten wir alle ein fröhlich Gelag,
Ich rüste rasch nun mein Feierkleid,
Das Leben hat doch Lust nach Müh’ und Leid!
Gott hat bisher über uns gewacht,
Meine Lieben schlafen wohl und süß, gute Nacht!«

Die Schwestern sprechen: »O Hochzeittag,
Eile zu kommen als Feiertag,
Wie wollen geschmückt wir Alle geh’n,
Und wollen der Schwester Wonne seh’n,
Nie hat uns die hohe Lust noch gelacht,
Lieb’ Schwesterlein im Brautkranz, gute Nacht!«

»Geliebte, es nahet der ernste Tag,
Der lang schon im Willen des Höchsten lag,
Der Tag, an dem wir zum ew’gen Band
Uns binden die Herzen und Hand in Hand!
Um was ich gestrebt, ich hab’ es vollbracht,
Gott schütz’ uns! Lieb’ Weibchen, gute Nacht!«

Da blinken die Sternlein ruhig und mild
Herab von ihrem azurnen Gefild!
Ein Engel, vom Himmel herabgesandt,
Steigt hernieder im leuchtenden Sternengewand!
Er weint, – denn Gottes Wille beschloß
Sie heimzuholen in seinen Schooß!

Und unten tief in fester Hand
Hält der Sterbeengel den Todesbrand,
Und harret, bis von des Himmels Bord
Erschallet des Höchsten befehlend Wort!
Und Niemand ahnet’s, – es schläft die Welt, –
Seht ihr, wie der zuckende Blitz dort fällt!

Sie hören es nicht, – sie sehen es nicht,
Es flammet die Stube in glühendem Licht,
Und auffliegt’s in wild zerschmetterndem Schwall, –
Braut, Bräut’gam, Mutter und Schwestern all’
Sind begraben in Schutt, – und ruhig und mild
Seh’n die Sternlein herab vom azurnen Gefild!

Da stürmet und tobt es und rasch voran
Stürzt die Menge, es wagen die Hände sich d’ran,
Und voll festen Muth’s im Kriegergewand
Rettet Schwester und Braut mit eig’ner Hand
Ein Edler, der mit hoher Kraft und Macht
Viel Gutes und Schönes hat vollbracht!

Doch Mutter und Schwester, Bräut’gam und Kind
Und ein treuer Diener verschüttet sind,
Sie erblicken nimmer der Sternlein Licht,
Das glänzend durch die Ruinen bricht;
Leb’ wohl, Geliebter, das wunde Herz
Sucht nun Trost beim Höchsten dort himmelwärts!

Den unglücklichen Waisen Marie und Ida Graf, gewidmet von Theodor Fischer. München, 1857.


27-11-02/03 (Graf)