Gambrinus (1853) / t_1473

I.

Joseph Pschorr.

Biographische Skizze.
Te facta dicunt.

Wo könnt‘ ich meinen projektirten Biographien-Ciklus besser beginnen, als mit dem Manne, der ausgestattet mit ächtem Bürgersinn, mit wahrer Gottesfurcht und eifri­ger, nie rastender und nie müder Menschenliebe, es noch überdieß bewiesen hat, was ein Mann mit weiter nichts, als mit seinen fünf Sinnen, mit Verstand, Thätigkeit, Sparsamkeit, vorzüglich aber mit dem, was jedes Mannes höchste Zierde ist; mit – Charakterstärke in einem kleinen Menschenleben zu erwerben, zu schaffen, herzu­stellen und auszurichten im Stande sei. Und dieser Mann war der Münchener Bür­ger und Bierbrauereienbesitzer Pschorr.

Kaum dem oberflächlichsten Beobachter, der in dem aufgehäuften, reichen Schatz der Münchener Merkwürdigkeiten sozusagen nur nascht, wird es entgehen, daß neben den imposanten, herrlichen König-Ludwigs-Bauten noch etliche Gebäude und Aufführungen stehen, die sowohl durch Kolossalität als durch Solidität sich vor Allen andern bemerkbar machen und unsere Wißbegierde reizen.

Wer könnte z. B. von der Bavaria zurückfahren, oder gar auf der Landsberger Land­straße hinaus, herein wandeln und nicht fragen: Wer hat über dem ungeheuren Erdaufwurf dort wieder das ungeheure Gebäude aufgeführt? Und unwillkührlich fallen ihm die mythischen Giganten ein, die auch Berge auf Berge gethürmt; allein wie dieses aus leidenschaftlicher Vermessenheit, so geschah jenes in ruhig-kluger Bemessung und Besonnenheit, und ist das kolossale Gebäude, das wie die deut­sche Eiche sein Wurzelwerk eben so tief in die Erde gräbt, als es sein Kronwerk in die Lüfte streckt, weiter nichts, als das korrespondirende Kellerhaus zu den beiden Großbrauereien »Hacker« und »Pschorr« in der Stadt. Das wahrhaft grandiose Bau­werk mit zwei davorstehenden netten Lusthäuschen für die Elite von Stammgästen bei grobem Wetter und im Winter, umgibt weiter auf dem Walle mit den Bänken und Tischen für die Sommergäste ein grüner Kranz von kühlbeschattenden Linden und Kastanien. Einige davon, wahrscheinlich die Erstlinge der Pflanzung, sind mit wahrhaft »Pschorr’scher Munifizenz« durch massive Eichenvergitterung vor irgend möglicher Beschädigung geschützt und sichergestellt.

Um die Großartigkeit oder vielmehr den Reichthum der Ausstattung voll zu ma­chen, ist, außer den Wallgräben, das weitläufige Ganze mit einem wohl zweimanns­hohen, ebenso massiven Stakettenzaun umgürtet – Saul, Bodenschwärtling, Stäbe und Balken, Alles und Jedes von Eichenholz!

Ein Werk, kostspielig und werthvoll, ja so kostbar und kostspielig, daß es von je­dem Andern als Ostentation und Luxus, statt Lobes und Bewunderung, eher eine Rüge verdiente. Aber bei Pschorr ist das anders: besuche und besieh dir nur seine zwei Brauereien, die »Hacker’sche« in der Sendlinger- und die »Pschorr’sche« in der Neuhauserstraße, besieh sie dir wohl von außen und innen, und spaziere dann auf den (alten) Schrannenplatz und beschaue dir wieder das Haus, das er seiner Frau zum »Wittwensitz« erbaut hat, besieh es dir wieder wohl von innen und außen, und dann mache den weiteren Spaziergang hinaus auf den Kirchhof und betrachte dir sein Grabmal – Eines wie das Andere – kolossal, mit ungeheurem und ungescheuten Kostenaufwand! Eines wie das Andere bis ins Kleinste durchdacht, seinem Zweck entsprechend und für – ewige Dauer! Ohne daß man fragt, erscheint uns als Urhe­ber alles Dieses ein Mann von außerordentlicher Willenskraft, von ebenso großem, praktischen Verstande und von Alles überragender Thätigkeit und Ausdauer! Nun, und ein Mann mit diesen Eigenschaften und Vorzügen ist auch im Stande durch Bei­schaffung materieller Mittel seinen Plänen und Conceptionen den sichtbaren Aus­druck, die körperliche Existenz zu verleihen. Daß auch die zeitlichen und politi­schen Verhältnisse nicht im Wiederspruch seyn dürfen, versteht sich von selbst.

Und so war es bei Pschorr. Die großen, französischen Kriegswirren waren allge­mach vorüber, als er in voller Mannesreife seine schöpferischen Gedanken zu ver­wirklichen anfing.

Welcher redliche Biertrinker, nur von einigem gesetzten Alter, erinnert sich nicht noch der Calamität und des gerechten Jammers, wenn bei kaum begonnenem Herbste die Märzenfässer leer und Krug und Glas mit jenem abominablen Gesöff von sogenannt »gemeinen Bier« gefüllt vor Einem standen! Wie langte nicht Einer um den Andern seine Muskatnuß aus der Tasche und schabte und rieb und bröselte und rührte sie in sein hefenduftiges »Getränk,« und wieder, wie Andere, die das nicht mochten oder nicht vermochten, das Salzdöslein auf dem Tisch in Anspruch nahmen, und wie sie dann trotz dem Sämmtlich noch mit einem trommelartig ge­spannten Unterleib nach Hause gingen, und mit der gerechten Sorge: wie wird es mir heute Nacht, wie morgen früh, und den ganzen Tag ergehen??!

Nicht wahr, mein lieber, ehrlicher Gambrinese, das weißt du, sieh, und das wußte und sah Pschorr auch, aber er war mit dem bloßen Sehen und Wissen nicht zufrie­den – er sann auf Mittel und Wege, dem Uebelstande zu steuern und – ersann und fand sie; mit ihnen aber auch zugleich die Quelle seines bis ins Unglaubliche wach­senden Wohlstandes, sowie seines Verdienstes und Nachruhmes! Kein Mensch wollte fortan, wenn jene gefürchtete Herbstzeit gekommen war, ein anderes als »Hackerbier« trinken. Die Wirthe aus Stadt und Vorstadt, die Wirthe von nah und fern kamen, das Geld in den Händen und die flehendlichste Bitte auf den Lippen, zu »Herrn Pschorr« um Hackerbier, nun, und dann that Herr Pschorr, was Jeder von uns an seiner Stelle auch würde gethan haben: er gab, soviel er erzeugen und ab­lassen konnte, an die besten und zuverläßlichsten Wirthe und – die andern ließ er laufen. Sieh‘, und aus diesem allereinfachsten, rein natürlichen Verfahren und Ge­bahren floßen ihm goldene Bäche, die aber unter seinen Händen neben unzähligen Wohlthaten und Gewinnausfall an seine Mitbürger sich zu Palästen thürmten und was noch mehr ist, zu einem ehrenhaften, festgegründeten, ja fast unvergänglichen Wohlstand seiner zahlreichen Nachkommenschaft.

Doch, was ich für ein seltsamer Biograph bin, und der kundige Leser mag wohl merken, daß dies meine erste biographische Arbeit ist; denn jetzt hab ich schon so Vieles erzählt und noch immer die Hauptsache verschwiegen, nämlich: wie dieser außerordentliche Mann, Pschorr, mit seinem Taufnamen geheißen, und wann und wo er das Licht der Welt erblickt hat? Ei denn, verzeihe, lieber Leser! und höre:

Joseph hat er mit seinem christkatholischen Taufnamen geheißen, schlicht und schlechtweg Joseph und nichts weiter, und sein Geburtsjahr ist, wo in Oestereich der große Kaiser Joseph bald seiner großen Mutter, der Kaiserin Maria Theresia mitregieren helfen durfte, und wo hier zu Lande der ebenfalls unvergeßliche Chur­fürst Maximilian Joseph III. sein gelindes Zepter schwang, nämlich das Jahr 1770, und das unfern von München gelegene Kleinhadern ist sein Geburtsort, und eine nicht allzugroße Bäuerei daselbst sein Vaterhaus. Ja, Hadern, das nach alten Schriftstellern altrömische Hadrianum, ist sein Geburtsort, und Schade, daß besag­te Schriftsteller sich nicht auch über den Namen Pschorr hergemacht haben; denn das Psch, dann das doppelte rr ist jedenfalls aus Elision und Compreffion hervorge­gangen und lautete vielleicht in seiner vollen Entfaltung ebenfalls urrömisch – (?) -, Schade!

Joseph war der einzige Sohn seiner Eltern, die sich ebenfalls durch Rechtschaffen­heit, Sparsamkeit und Tätigkeit unter ihres Gleichen ausgezeichnet hatten; in allen Uebrigen hielten sie wahrscheinlich das Niveau der Uebrigen, indem unser Joseph erst groß und als Brauknecht in München seinen Namen schreiben lernen mußte.
Auffallend aber ist mir, der ich die Zähigkeit des Land- und Dorfbewohners kenne, daß Joseph, der einzige Sohn und Erbe vom geliebten Vaterhaus schied und daß er scheiden durfte. Ich ersehe daraus den scharf und streng ausgesprochenen Beruf, der sich in unverderbten Naturen immer als ein unwiderstehlicher Trieb zu erken­nen gibt. Der Bauerssohn Joseph hatte den Beruf: der Verbesserer eines Haupt­nahrungszweiges des bayerischen Volkes, überhaupt des kultivirten Menschen, und dadurch Einer der ersten und ausgezeichnetsten Bürger Münchens zu werden! Die­sen Beruf hatte er, nicht aber den kleinen, bescheidenen seiner Eltern und seines Ortes: eine Weile unbeachtet in der Erde umzuwühlen und dann unter sie zu versin­ken und vergessen zu seyn.

Als Joseph Pschorr des Brauhandwerks mächtig, ja vielleicht schon im Besitze eini­ger Vortheile darin sich wußte, übernahm er durch Ehelichung der Tochter das »Ha­cker’sche« Bräuanwesen, und lud sich mit dieser Übernahme keine geringe Last und Sorge auf die Schultern, indem – wie der Nekrologist schreibt – »dasselbe hoch verschuldet, ja seinem völligen Ruine nahe gekommen war. Aber eben in diesem Besitze bewies er thatkräftig, was Fleiß, beharrliche Ordnung und sparsamer Sinn Gutes zu wirken vermögen.«

»Bald hob sich der Hacker’sche Gewerbsbetrieb auf überraschende Weise und das Münchener Hackerbier gewann allenthalben einen bevorzugten Ruf. Der Wohl­stand des Bräuers Pschorr nahm sichtlich zu, und zwar in dem Maaße, daß er schon im Jahre 1819 auf Vergrößerung seines Geschäftes denken konnte. Demgemäß kaufte er sich 1820 ein kleines, fast gänzlich ruinirtes Bräuanwesen in der Neuhau­sergasse nebst 4 Wohnhäusern, und errichtete das nun kolossal dastehende Pschorr’sche Bräuhaus, war dadurch doppelter, im eigendlichen Sinn des Wortes Großbräuer.«

»Wie aber dem Glücke, um es vorsichtiger und besser genießen zu können, manch­mal ein Tropfen Mißgeschicks von der Vorsehung beigemengt wird, so war es auch bei Pschorr der Fall. Es brannte ihm nämlich am 13. März 1825 sein Bräuanwesen in der Sendlingergasse ab. Allein der vorsichtige Geschäftsmann sorgt auch für mögli­che Uebel schon voraus. So Herr Pschorr. Noch ehe 4 Wochen nach dem Brande vergingen, war das Sudwerk wieder in Thätigkeit, und selbst König Max kostete von dem neu erzeugten kräftigen Stoffe. Pschorr aber bedurfte auch nicht der ge­ringsten, ihm vielfältig dargebotenen Hilfe, er kaufte vielmehr noch zwei Neben­häuser, und errichtete auf deren Ruinen das nun stattlich aussehende Hacker’sche Bräu- und Wohngebäude in der Sendlingergasse. Früher schon hatte er nach eige­nen Angaben das an der Pasinger-Landstraße liegende großartige Keller-Gebäude errichten lassen.«

Pschorr hatte während seines vielbewegten, thatenreichen Lebens 4 Gefährtinen, und sollte den in Gedanken, Unternehmung und Ausführung gleich großartigen Mann auch nicht Jede erkannt und begriffen haben, Eine, die Letzte – zu ihrer Ehre sei es gesagt! – hat ihn vollkommen zu würdigen verstanden. Sie ist es, die mit ihrer Liebe und Milde erst den rechten Frieden in sein Herz, den wahren Segen in sein Thun und Walten gebracht hat. Aber auch nur eine Solche konnte es ertragen, daß sie, an einer Zwillingsgeburt noch darniederliegend, aus dem Brande geflüchtet und in die Nachbarschaft in Schutz und Sicherheit gebracht, ihres theuren Mannes fast volle 3 Wochen nicht ansichtig ward; denn – sie kannte ja ihren Mann! – vor Al­len mußte sein zerstörtes Sudwerk wieder in Gang und Thätigkeit gesetzt werden und – ward es auch, wie schon gesagt, eh noch ganze 4 Wochen um waren – dann freilich gab es ein Wiedersehen und eine gegenseitige Herzergießung!

Doch jedes, auch des größten Menschen Wirkungskreis hat seine Gränzen, jedes, auch das sonnigste Leben, wird schwächer und blässer und – doch wir wollen wie­der einen Nekrologisten reden lassen. – »So wirkte und schuf Joseph Pschorr zum Wohl der bürgerlichen Gesellschaft und der Seinigen bis zum Jahre 1834, wo er sei­nen zwei Söhnen, Georg und Mathias seine beiden Braustätten durch’s Loos über­gab, wo dann dem Herrn Georg Pschorr die Braustätte in der Neuhauserstraße – dem Herrn Mathias Pschorr das in der Sendlingerstraße gelegene Brauhaus zufiel. Sein letzter Bau war alsdann der des prächtigen, massiven Gebäudes am Schran­nenplatze, wohin er sich von seinem angestrengten, thätigen Leben zurückzog, um seine letzten Lebensjahre in Ruhe hinzubringen.So überraschte ihn der Tod am 3. Juni 1841, den Tag nach seinem 71. erlebten Geburtstage, und er starb, wie sich die Todesanzeige so schön ausdrückt: sanft und selig in dem Herrn, getröstet und gestärkt durch die heiligen Sterbsakramente, an Altersschwäche, den Tod des mit seinem verflossenen Leben völlig zufriedenen Menschen. Bayern verlor an Ihm ei­nen seiner ersten Bürger, die Armen Münchens einen großmüthigen Wohlthäter, seine Familie den zärtlichsten Gatten und Vater, und seine Freunde und Bekannten den edelsten, biedersten Freund. Die Erde sei Ihm leicht!«

Der verblichene Privatier und ehmalige bürgerliche Bierbrauereienbesitzer Joseph Pschorr hinterließ eine zahlreiche Familie in tiefster Trauer um ihn und in gerechtes­ter Betrübniß. Die Todesanzeige lautet:

Indem wir diesen für uns höchst schmerzlichen Todesfall den geehrten Freunden und Bekannten des Verblichenen anzeigen, empfehlen wir den Verstorbenen Ihrem liebenden Andenken und uns Ihrem stillen Beileide

München, den 3. Juni 1841.

Elisabetha Pschorr, geb. Blaß, als Gattin.
Kaspar Pschorr, Inhaber einer Essigfabrik in Wien,
Georg Pschorr, bgl. Bierbrauereibesitzer,
Mathias Pschorr, bgl. Bierbrauereibesitzer, als Söhne.
Theresia Geiger, geb. Pschorr,
Elisabetha Lutz, geb. Pschorr,
Theresia Augustina geb. Pschorr,
Schwester von dem Orden der Heimsuchung Mariä,
Mathilde Pschorr, als Töchter.
Maria Anna Pschorr, geb. Scheffel,
Juliana Pschorr, geb. Rieg,
Anna Maria Pschorr, geb. Rechl, als Schwiegertöchter.
Dr. Joh. Nep. Geiger, Bataillons-
und praktischer Arzt,
Joseph Lutz, Tapezierer, als Schwiegersöhne
und die übrigen Verwandten.

Das Leichenbegängniß geschah wahrscheinlich nach seinem letzten Willen, in feier­lichster und zugleich würdigster Weise.

Wir haben ihn nun zur Ruhe gelegt, zur Ruhe in das von ihm viel beunruhigte Erd­reich. Ein weniger gewissenhafter Biograph wäre zu Ende und vertauschte zufrie­den die Feder mit der Streubüchse. Allein uns drängt es noch einige charakteristi­sche Züge aus Pschorr’s Leben mitzutheilen, um sein Bild möglichst zu vervollstän­digen.

1.
Als Pschorr einmal glücklich seinen Namen schreiben gelernt hatte, übte er diese schöne Kunst so fleißig, daß die Familie ein ganzes Paquet Schrift von ihm aufbe­wahrt, worin er seine Erfahrungen und Rathschläge bezüglich des Brauwesens nie­dergelegt hat. Ein großer Theil der Schrift aber ist res privatissima familiae Pschorricae, da ein Glied derselben dazu die Veranlassung gab.

2.
Die Entwürfe zu seinen großartigen Bauten gab er bis ins kleinste Detail alle selbst an.

3.
Zu jeder geleisteten Arbeit verlangte Pschorr den Conto und bezahlte auf der Stel­le ohne Abbruch. Doch die Arbeit mußte recht und gut, die Rechnung richtig seyn.
So stellte er z. B. einen Schloßer zu Rede und sprach: Meister! Ihr Conto ist unrich­tig! »Herr Pschorr mit meinem Wissen nicht.« – Und doch, Sie haben die ausgesetz­ten ½ und ¼ kr. nicht gerechnet. – »Das hab‘ ich mir nicht zu thun getraut.« – Wis­sen Sie aber wie viel das macht? Es macht über 60 fl.! Hier sind sie. Ein andermal aber genaue Rechnung!

4.
Pschorr glaubte Ursache zu haben, in die Redlichkeit seines Schneiders Zweifel zu setzen. Er wog daher das für den neuen Kaputrock bestimmte Tuch, detto den fer­tigen, vom Schneider gebrachten Rock wieder, und siehe da! der fertige Rock trotz Futter, Fadenwerk, Knöpfen etc. wog weniger als das Tuch.
Der Schneider wurde bezahlt, aber seine Kundschaft war verloren.

5.
Wie seine Pünktlichkeit im Zahlen, so war sie auch im Einkassiren. Bei Uebergabe seines Ursitzes im »Hacker« fanden sich im Buche 4 fl. und etliche Kreuzer Aus­stand.

6.
Pschorr bestellte bei einem betreffenden Meister schwere gepolsterte Stühle. Die Holzgattung, Form, Gewicht des Polsters, kurz alles ward genau bestimmt und an­gegeben. Vorher aber sollte der Meister zwei zur Besichtigung und Probe stellen. Der Meister kam ohne Säumen dem ehrenvollen Auftrag nach und stellte zur Zu­friedenheit des Auges die zwei Probestühle. Pschorr besah sie um und um. – Gut! sagte er, aber jetzt machen Sie einen davon, diesen hier, auf. Der Meister sah ihn verwundert an. – »Ich will, daß Sie mir einen aufmachen!« Der Meister meinte, daß es ja doch für die Arbeit Schade wäre. Aber nichts half, er mußte den Sessel aufrei­ßen und die Polsterung los machen. Jetzt kam wieder die Wage und – wieder siehe da! – am festgesetzten Gewicht ging ab. So – sagte Pschorr zum todverlegenen Meister — so, jetzt machen Sie nur wieder zu! – Hier ist das Geld dafür, aber ich brauche von Ihnen nichts mehr. Aber Herr Pschorr! bedenken Sie doch, einen armen Bürgersmann! – und – rief er in jäher Erbossung – Sie können ja doch auch ihren Reichthum nicht mitnehmen, und können auch nicht verhindern, daß Ihnen, wie jeden andern armen Teufel der Hund über das Grab läuft und – »dafür kümmern Sie sich nicht, das ist meine Sache, dafür wird schon gesorgt werden!« unterbrach Pschorr mit ruhigem Ernste den erbosten Meister; und sei es, daß er damals den Gedanken faßte, oder schon hatte; aber daß ihm kein Hund über sein Grab läuft, dafür (man sehe!) ist wahrlich durch ei­chenen Kasten und durch Eisengitter mehr als gesorgt!

F. St.

Franz Stelzhamer: Gambrinus. Humoristisches Münchener Taschenbuch für das Sudjahr 1853/54. München, 1853.


09-01-06/09 (Pschorr)