Freiburger-Zeitung (23.2.1881) / t_352

Die Katastrophe im Kolosseum in München am 19. Februar.

Ein von Jahr zu Jahr mit Spannung erwartetes Fest, welches an Originalität, Phan­tasie und Humor jedes andere Fest zu übertreffen pflegt, hat gestern Nachts mit einem so erschütternd tragischen Vorfalle geendet, daß demselben heute, nach­dem die Folgen in ihrer ganzen erschreckenden Tragweite zu übersehen sind, dem so fröhlich begonnen Abend nur Töne tiefer Trauer nachklingen können.

Der am Feste zu Grunde gelegte Gedanke einer »Kneipreise um die Welt« war reich in den launigsten Details zur Aufführung gebracht worden. Der Saal und ein­zelne Theile der Galerien versinnlichten durch all die nationalen Bauten und die Landschaften aus aller Herren Länder jenes Programm in ganz überraschender Wei­se.

Hier war nämlich eine ganze Sippe von Eskimos, deren ungemein echt wirkendes, aber sehr gefährliches ganz aus losem Hanf hergestelltes Kostüm den bejammerns­werthen Trägern desselben so verhängnißvoll werden sollte. Die Details über die Entstehungsart und Weiterverbreitung des Feuers sind zur Stunde nicht ganz fest­zustellen, da sich in Folge der begreiflichen Verwirrung und der anfänglich gemach­ten Bemühungen einer Panik vorzubeugen, sich die Berichte sich natürlich mannig­fach widersprechen. Es scheint, daß man den Unfall nicht mit einer mit Zigarren be­gangenen Unvorsichtigkeit, sondern dem Umstürzen eines Lichtes zuzuschreiben hat. Ungefähr um drei Viertel auf zwölf Uhr sah man plötzlich zwei in Flammen ste­hende Gestalten nach verschiedenen Richtungen durch den Saal stürzen und sich am Boden wälzen, ehe nur ein Versuch zur Hilfe gemacht werden konnte. Gleichzei­tig schlug auch an anderen Punkten die helle Lohe auf. Man stürzte nun mit De­cken, Mänteln und Allem, was zur Hand war, zur Rettung der Opfer herbei. Wie we­nig mit diesen Anstrengungen erreicht werden konnte, beweisen die entsetzlichen Nachrichten, welche man heute erfährt. Zwölf Verwundete sind in das Krankenhaus l. d. I. verbracht worden und vier derselben zur Stunde schon ihren Schmerzen erle­gen; bei zweien befürchtet man noch den gleichen tragischen Ausgang. Gestorben sind: Otto Emmerling, Akademiker aus München, Emil Einhart, Akademiker aus Konstanz, Adam Christ, Akademiker aus Bamberg und Joseph Schnerzer, Goldar­beiter aus Bruck. Als schwer verwundet werden genannt: Anton Maier, Photograph aus München, Karl Kraus, Akademiker aus Ulm, Adolf Heßbacher, Akademiker aus Oberau bei Aschaffenburg, Gottfried Bechtold, Bildhauer aus Tirol, Ernst Gutmann, Akademiker, Wilhelm Eisele, Akademiker aus Altona, Görke, Akademiker aus Berlin und Adolf Spring, Maler aus Libau in Kurland. Die dem Vernehmen nach geringere Zahl der sich in Privatpflege befindenden weiteren verwundeten ist zur Stunde nicht bekannt; dieselben sollen sämmtlich mit Verletzungen leichterer Art davonge­kommen sein. Unter diesen befindet sich auch Herr Reichsrath Graf Karl von Arco-Valley, über dessen Befinden beruhigende Erklärungen abgegeben werden.

Unmittelbar nach dem Unglücksfalle waren anwesende Aerzte mit augenblicklicher Hilfeleistung zur Hand: genannt werden und die Herren Professor Dr. Rüdinger und Dr. Rigauer. Herzerreißend war der Anblick des jetzt von seinen Leiden erlösten Opfers Joseph Schnerzer als man ihm in der Vorhalle den ersten Verband anzule­gen bemüht war. Von Brust und Armen hing die Haut des Unglücklichen verbrannt und aufgerollt herab.

Ein grellerer Gegensatz als der zwischen dem tollphantastischen Fastnachtsjubel ei­ner maskirten Künstlergesellschaft und den plötzlichen Wehelauten in den Flam­men zu Grunde gegangener junger und hoffnungsreicher Menschenleben läßt sich gewiß nicht denken. Wohl die meisten Besucher sind mit dem Gefühle einer schnei­denden Dissonanz nach Hause gekehrt und der so lang dauernde und so lustig be­gangene diesjährige Münchener Karneval wird von diesem Abend eine schwarze Si­gnatur behalten.

Freiburger-Zeitung Nr. 16. Mittwoch, den 23. Februar 1881.


20-08-14 (Opfer des Kolosseum-Brandes)