Franz Xaver Krenkl – Der Rennmeister der Münchener Oktoberfestrennen 1780-1860 (1964) / t_284

Ein Vorwort zum Vorwort des Krenkl-Büchleins

Was hat uns ermuntert, dieses Krenklbücherl zu schreiben für unsere Mitarbeiter in der Firma Carl Hurth, für die alten Münchner und die Zugereisten aus der näheren und weiteren Umgebung unserer deutschen Heimat? Einmal sollte die Lebensge­schichte eines echten Münchner Originals dazu beitragen, den neuen Münchnern und allen Freunden Münchens die Mentalität unserer schönen und liebenswerten Stadt und ihrer Einheimischen verständlich zu machen, und dann sollte dieser Le­bensbericht mithelfen, die heutigen Mitbürger aufzuklären, wie echt und wirklich volkstümlich für alle Stände, für Jung und Alt, in früheren Jahren das Oktoberfest gefeiert wurde. Und weil damals alles so echt und volkstümlich von Jung und Alt, von allen Ständen, miterlebt werden konnte und weil es noch gar nicht in geschäft­lichem Sinne ausgerichtet war, konnten sich auch Originale aus dem Volke eher bil­den; Originale, an denen es leider heute in unserem Massenzeitalter so sehr man­gelt. An deren Stelle sind heute die sogenannten Stars getreten.

Die Volksmassen kennen diese meistens nur vom Fernsehen, vom Rundfunk oder von den Illustrierten her, und sobald diese auf dem Bildschirm oder im Lautspre­cher oder in der Presse weniger zu sehen oder zu hören sind, sind diese Stars auch schon wieder bald vergessen. Sie sind eben fast ausnahmslos keine Originale ge­wesen und leben im Andenken des Volkes nicht fort.

Das Massenzeitalter kann keine Originale mehr gebären.

Es ist auch gar nicht leicht, Originale aus der Gegenwart oder näheren Vergangen­heit aufzuzählen, die den Münchnern geläufig sein müßten, und die heute noch in der Erinnerung der älteren Leute leben. Die Originale der letzten 50 Jahre sind nicht, wie heute die »Stars«, populär durch die Presse gemacht worden. Das Volk hat seine Originale aus Sympathie selbst anerkannt, geliebt und geachtet und nie vergessen.

Ist es nicht ein Mangel unserer Zeit, daß sich kaum mehr Originale entfalten und behaupten können? Was ist eigentlich der Unterschied zwischen einem Original und einem Star? Das läßt sich sehr kurz erklären: Mit dem Auftreten und Bekannt­machen eines Stars werden immer Geschäfte gemacht und wird immer Geld ver­dient. Ein Original aber muß sich sein Ansehen allein als Persönlichkeit erwor­ben haben.

Ein solches Original im besten Sinne des Wortes war unser Xaver Krenkl, wenn er auch den Münchnern meist nur einseitig bekannt ist als großer und derber Lohn­kutscher und Pferdeliebhaber. Das Eigenschaftswort »original« heißt ins Deutsche übersetzt: ursprünglich, echt, schöpferisch. Ein Original ist in seiner Zeit immer ein­malig und redet und schreibt nicht alles nach, was von anderen schon oft vorge­schwatzt oder geschrieben wurde.

Jedes Original ist anders, aber einiges scheint den meisten von ihnen eigen zu sein: sie sind alle nicht zart beseitet, sie haben Zivilcourage, sie sind keine Massenmen­schen, sie sind keine Leisetreter und sind offen und ehrlich und keine Schmeichler.

Es gibt noble Originale und es gibt grobe Originale. Es gibt sie aus allen Ständen und Berufen. Originale sind das Gegenteil von Massenmenschen.

Sterben die Originale in unserem Zeitalter aus? Es ist fast zu befürchten. Und des­halb haben wir den guten, ehrlichen und derben Krenkl gewählt und blicken mit ihm zurück auf eine vergangene Zeit, in der das Oktoberfest noch ein echtes Fest des Volkes war, eine Zeit, in der auch der Münchner Fasching urwüchsiger und künstlerisch origineller war als der heutige, und eine Zeit, in der Schwabing ein völ­lig anderes war als es heute leider geworden ist.

Und so geben wir dieses Büchlein im Oktoberfestmonat 1964 unseren Mitarbeitern und Freunden in die Hand.

Hans Hurth

Vorwort

Vorworte und Geleitworte, man mag sie nennen, wie man will, werden selten gele­sen. Trotzdem seien auch diesem Büchlein einige Worte vorangestellt, nicht bloß als freundliche Begrüßung für den geneigten Leser, sondern vielmehr als Erklärung, wie diese Blätter zustande kamen.

Vor Jahresfrist schlenderte ich durch die mir lieb gewordenen Landshuter Straßen, als plötzlich mein Blick an der Fassade eines kleinen, unscheinbaren Hauses haften blieb, wo ein Gedenktäfelchen kündete, daß dies das Geburtshaus Franz Xaver Krenkls wäre.

Xaver Krenkl, der Ur-Münchener, ist also gebürtiger Landshuter!

München wirkte eh und jeh wie ein Magnet, der unwiderstehlich alle schaffensfro­hen Menschen anzog, und obendrein das Wunder wirkte, daß diese Menschen tat­sächlich Münchener wurden, ohne es zu ahnen. Es ist ein eigentümlicher Zauber, Münchener zu sein. Das empfindet man erst so recht, wenn einen das Schicksal, so wie mich, auch nur fünfzig Kilometer Isar-abwärts verschleppte. München ist und bleibt die unvergessene Heimatstadt. Und mein Herz schlägt jedesmal rascher und freudiger, wenn ich die Moosacher Gaskessel erblicke oder inmitten steilragender Hochhäuser irgendwo noch eine alt-münchener Idylle entdecke.

So ist das Krenkl-Büchlein entstanden, das ich allen Alt- und Neu-Münchenern, von denen wohl manche den Krenkl erst entdecken werden, in die Hand lege, wobei ich hoffe, daß die derbe, herbe Gradheit dieses Altbayern mit dem fast sentimentalen Herzen auch heute noch Freunde finden möge.

A. Alckens

Inhalt

Ein Vorwort zum Vorwort
Vorwort des Verfassers
Franz Xaver Krenkls Leben
Krenkl-Anekdoten
Anmerkungen
Nachwort
Krenkl-Anekdoten

Vorbemerkung

Wie in letzter Zeit viele bon mots und sarkastische Worte und Anekdoten aus der Zeit des Dritten Reiches dem Weiß-Ferdl und Karl Valentin in den Mund gelegt wurden, so geschah es auch Xaver Krenkl; doch fühlt man bald die echten und die ihm unterschobenen Witze auseinander.

Daß Krenkls Humor derb war, für den Nichtbayern vielleicht roh und beinahe ab­stoßend wirkt, muß man als Tatsache hinnehmen. Jedoch muß man sich stets vor Augen halten, daß er ein Münchener Pferdehändler und Lohnkutscher war und als solcher ein besonderes Privileg genoß, seine Meinung unverblümt und ohne jede Tarnung kundzutun. So war es auch noch zu Beginn dieses Jahrhunderts.

Wenn man bedenkt, daß ausgerechnet in Norddeutschland seit Jahren ein »Le­mia«-Verein besteht, der sich vorzüglich mit der Erforschung und Verbreitung des Götz-Zitates befaßt und aus ganz Europa Zuschriften erhält, daß das in mehreren Auflagen erschienene Buch »999 Worte Bayrisch« diesen vier Worten ein eigenes Kapitel widmet, daß ein »Bayerischer Decameron« und eine »Bairische Weltge­schichte« zu beliebten Büchern zählen, dann wird man sich nicht wundern, daß in Krenkls engster Heimat sich der Sinn für seine drastische Ausdrucksweise erhalten hat. Sie zu mildern, unserm heutigen Sprachgebrauch anzupassen, hieße, das We­sentliche zerstören. Die Anekdoten sind daher in buchstabengetreuer Wiedergabe ihrer Erstveröffentlichung abgedruckt, wobei bemerkt sein soll, daß es sich nur um eine Auswahl handelt, da die weggelassenen unserer Zeit tatsächlich kaum mehr zusagen würden. Wer sie trotzdem kennenlernen will, muß sich an Bibliotheken wenden, wo sie als kleine Kostbarkeiten verwahrt werden.

Gambrinus. Humoristisches Münchener Taschenbuch für das Sudjahr 1853/54. Von Franz Stelzhammer. Mit einem Verzeichniß aller in München befindlichen Brauer, Wirthe und Cafetiers. München, 1852. Georg Franz.

Wie wir weit entfernt sind, die ehrenwerthe Persönlichkeit des Münchner Bürgers und Lohnkutschers Herrn Krenkel auch nur im mindesten beeinträchtigen oder in unedler Absicht der Öffentlichkeit preisgeben zu wollen; so würden wir uns mit kaum geringerem Nachdrucke gegen Einsprache oder unzeitige Empfindlichkeit von seiner oder anderer Seite für unser gutes Recht wehren: daß wir hier in einer spezifisch Münchnerischen Schrift einer im Münchener Volksleben so hervorragen­den Erscheinung gedenken und ein paar Seiten mit seinen originellen Äußerungen und Kraftsprüchen zum Vergnügen unserer Leser anfüllen.

Der Name Krenkel, der Name des zu seiner Zeit ersten und berühmtesten Renn­meisters von München reicht in meine tiefste Jugenderinnerung hinunter. Was war das von unsern Pferdehändlern, die den großen Keferloher Markt (11) besuchten, oder von unsem Rennroßinhabern, wenn sie von dem großen Münchener Herbs­trennen nach Hause kamen, was war das für ein Erzählen und wieder Erzählen und wer nur erzählte und was er auch erzählte, der Name Krenkel tönte aus jedem Munde, tönte aus jeder Geschichte. Und als ich voriges Jahr, eigens um Herrn Krenkel zu sehen und zu hören, Mittags in die Hauser’sche Weinhandlung auf dem Rindermarkt gegangen war, ha, was hörte ich! Ich sah und hörte, daß die Erzählun­gen und Schilderungen durchaus mit Krenkels persönlicher Erscheinung harmonie­ren. Ich sah und hörte aber noch mehr, ich sah und hörte, daß Herr Krenkel, der edle Roßtäuscher und Rennmeister meinen lieben Innviertlern nicht nur als lieber Erzählungsstoff, sondern daß der den Schälken auch sonst in Allen und Jedem zum beliebten Muster und Vorbild gedient hätte. – Dieses laute, schreiende Reden, die­ses mit einem Schlag auf die Tischplatte begleitete, unumstößliche: »Und das sag I!« Dieses Schwanken mit dem Glase, dieses Eindrücken des Hutes auf das rechte Ohr, dieselben kühnen Gleichnisse und Kraftausdrücke, dieses Hände in den Leder­sack stecken und umrühren in den gleichviel Kronenthalern oder schmutzigen Sech­sern, kurz dieses ganze, ungenierte Sichgeben und nehmen – wartet, ihr Pfuscher von Landsleuten! das habt ihr alles dem edlen Herrn Vater Krenkel abgelauscht und abgelernt, und ihr thatet im gläubigen Vaterländchen so groß damit, so herrisch und originalmäßig – wartet, wartet, wann ich wieder zu euch komme und es euch Vorhalten kann!

Vater Krenkel, benutze deinen schönen und heitern Lebensherbst und mache noch einmal eine kleine Spazierfahrt ins nahe stammverwandte Innviertel. Pferdebesitzer, Pferdeliebhaber, Pferdekenner und Pferdenarren in Abundanz! Und dazu noch im­mer soviel von deiner Art und Weise, daß du dich gewiß nicht fremd fühlest! Frei­lich, deine alten Bekannten und Brüderchen, die Achauers, Grandauers waren nicht so zäh‘ wie du – allerlei Unglück hat sie erst eine Weile mürbe gemacht, bis der un­erbittliche Tod sie hinwegfegte von der freundlichen Erde.

Ach, ich könnte all’ dieser vorübergegangenen Kraft und Herrlichkeit gedenkend, fast traurig und melancholisch werden! Allein mein Taschenbuch erlaubt das nicht: darum geschwind einige erheiternde Krenkeliana.

Krenkel hatte einen Knecht, der trotz seines Fleißes, trotz seiner Bravheit und gu­ten Manier seinem Herrn nichts recht machen konnte, und beständig ausgezankt und beschimpft wurde, so daß er eines Tages sich für den Dienst bedankte und sein Zeugniß verlangte. Die andern Knechte, die ihren braven Kameraden ungern scheiden sahen, sagten zu ihm: Du bist ein rechter Narr gewesen mit deinem Auf­sagen, du kennst unsern Herrn nicht, mit dem, wenn er schimpft und grob ist, muß man nur auch schimpfen und womöglich noch gröber sein.Hättet ihr mir das früher gesagt, aber wartet, eh’ ich geh’, soll er sehen, daß ich auch anders als höflich seyn kann! sagte der betrübte Knecht und nahm sich vor beim Abschied zu thun, was man trivial einmal recht »sein Maul ausleeren« heißt.Der Moment kam. Der Knecht, bereits im Sonntagsstaat, war so was man sagt »kotzengrob«, polterte, lärmte, läs­terte, schimpfte und verunglimpfte, so daß Krenkel sich nur verwundern konnte und staunen mußte, bis er dem Schimpfer auf die Achsel klopfend im besten, freundlichsten Tone sagte: »Laß’s gut seyn, Boldl, i siegs schon, du mächsti wieder bei mir einschmeicheln, aber es thuts nimmer mit uns Zwei. Aus is aus!«

Bei Volksfesten suchte er immer unter den Ersten zu seyn; denn sein Ehrgeiz woll­te, daß München in keiner Art zurückstehe. – Einmal aber bekam er beim Pferde­rennen den zweiten Preis. Als dasselbe beendet war und die höchsten Herrschaf­ten nach Hof zurückeilten, rief ihm eine derselben zu: »Herr Krenkel, Sie haben doch den ersten Preis errungen?« – »An Dreck ‘s Zwoatl hob i kriagt.«

Ein Mann (läutet zur Nachtzeit an seinem Hause):
Herr Krenkel!
Krenkel: Wer is denn da drunt’?
Mann: I bin’s.
Krenkel: Ja wer denn?
Mann: I!
Krenkel: Ja wos denn für a I?
Mann: No, i bin’s.
Krenkel: Na, so sch… i da auf dein Kopf, nacha hat dei I a Tüpfi a!

Doktor Fingerl: »Was halten Sie von dem jetzigen deutschen Reich?«Krenkl: »Do hab‘ i hoit wias da Schilla-Fritzl mit Rom g’habt hot: Des deutschi Reich, daß Gott dabarm; kalt bist du net, do werst net warm.«

Künstler: »Hören Sie, wie ich vor dieser Cholera bange habe, das kann ich Ihnen gar nicht sagen.
Krenkel: »A mei! wia werd’s denn ehs Künstler Cholera krieagn! Es könnt’s ja vor Noth net sch..’n!«

Dr. Fingerl: Lesen Sie doch ums Himmelswillen einmal in der Chemie!
Krenkel: I halt so lang nix auf engara Chemie, bis ma net a Kottlet an am F..ts brot’n ko.

1. Jurist: Es war ein qualifizierter Mord.
2. Jurist: Nun freilich, ein Mord mit Vorbe­dacht!
3. Jurist: So ganz mit Überlegung…
4. Jurist: Nein, vorsätzlich…
Krenkel: Jetzt hob’ i aba g’nua und frog Ehna amol; was denn nacha des für a Mord is, weil’s gar so studiert san: Wann i Ehna zufälli mit’n Reg’nschirm in den Hintern fahr’ und den ganz’n Reg’nschirm drinna aufspann?

Krenkl’s Leben und Sprüche. München 1860. Druck und Verlag von J. Deschler in der Vorstadt Au. Vierte Auflage. Preis 3 Kreuzer.

Als ein entschiedener Gegner von Spitzfindigkeiten und des beleidigenden Hoch­muths, äußerte er sich einem angesehenen Manne gegenüber, welchem er im Wege umzugehen schien, und der ihn mit den Worten niederzudonnern suchte: »Wissen Sie nicht, daß ich der Herr von … bin?«»Daß Sie a Fuchs san, wußt’ i net, daß Sie aba a rechtes Viech san, dös kenn i scho’!«

Auch für dumme Ansichten, falsche Meinungen usw. hatte er sogleich sein Schwert des Volkswitzes und machte sodann keinen Unterschied, mit wem er es auch zu thun haben mochte. So hatte ein Vornehmer ein ganz stockblindes Pferd, glaubte aber immer, diesem Übel sei noch leicht abzuhelfen. Er ließ nun einmal Krenkl kom­men, und als dieser sich von der Stockblindheit des Pferdes und von dem hartnä­ckigen Irrthum des Eigentümers überzeugt hatte, fragte ihn letzterer: »Nun, Herr Krenkl, haben Sie meinen Gaul gesehen?« – »Ja freili«, erwiderte dieser, »ob aba er mi g’sehn hot, des woaß i net. Adieu, Herr L…«

In einer hiesigen Weinwirthschaft wurde ein ihm unbekannter Familienvater von zwei Bürgern wegen 10 fl. (Gulden), die derselbe beiden schuldig war, auf sehr ge­meine Weise beleidigt. Krenkl erkundigte sich um die Ursache der Schuld, und da er erfuhr, daß der Bedrängte für einen andern armen Familienvater für die betref­fende Summe gut gestanden war, welche aber nicht zur bestimmten Zeit bezahlt wurde, erklärte sich Krenkl entschieden für den Beleidigten und warf eine 10-fl.-Note mit den Worten auf den Tisch: »Do, es Tröpfi! wenn’s es koa Herz net habt’s, nacha hob ‘s i!«

Eines Tages bettelte ihn ein verheirateter junger Mann, dessen Verschwenderei dem Krenkl bekannt war, um ein 6-kr.-Stück an. Da der Gesuchstellende eine Cigar­re im Munde hatte, sagte Krenkl: »Des war a bessa, wenn ihr engari Kinda an Schnulla-weck’n kaffats, als wie a Cigarr’n raucha. Do habt’s an Zwanz’ga, aba Schnullaweck’n müass’n her!“ Mit diesen Worten gab er dem Gesuchsteller einen Zwanziger und entfernte sich.

Bei einer anderen Gelegenheit sagte zu ihm ein Cavalier, welcher gleichfalls mit Pferden handelte: »Herr Krenkl machen verflucht gute Geschäfte.« Krenkl: »Alles nur um’s Geld.« Cavalier: »Bei Euch hört man halt nichts als von Geld.« Krenkl: »Für was handeln nacha Sie?« Cavalier: »Der Ehre wegen.« Krenkl: »No, so handel i um’s Geld, weil i halt ‘s Geld brauch’, und Sie um d’ Ehr’, weil’s halt a Ehr’ braucha.«

Während eines heftigen Regens trat er in das Zimmer einer Behörde. Dabei bedien­te er sich der rechten Hand, um den Regenschirm zu tragen, und mit der linken schloß er die Thüre; den Hut behielt er auf. Da rief man ihm zu: »Wollen Sie doch den Hut abnehmen!« Krenkl erwiderte: »So warten’s do a weni! Mit da rechten hob i an Regenschirm, mit da linken hob i d’Thür zuag’macht und mit’m A… ko i do an Hut net oba thoa.«

Ein Cavalier glaubte, daß Krenkl einem vorgeführten Pferde Pfefferkörnchen in den After habe thun lassen, da es den Schweif so schön trug. Da fühlte sich Krenkl an seiner unbestechlichen Ehrlichkeit angegriffen und erwiderte beißend: »Herr Gr.., iatz saug’ ns amol und wenn’s a oanziges Pfefferkerndl aussa saug’n, nacha g’hört des Roß Ihna.«
Als ihm ein Bekannter seine kupferfarbige Nase in den Kupferhammer zu tragen ri­eth, antwortete Krenkl: »G’rad kumm i vom Hammameista her und der hot g’sagt, daß a Jeda a Esel is, der sie für Kupfer halt.«

[…]

Aus späteren Veröffentlichungen

Eines Abends glaubte Krenkl in der Nähe des Karlstores einen alten Bekannten zu sehen und eilte ihm nach, ihm auf die Schulter klopfend. Der Angehaltene, ein bla­sierter Mensch, sagte: »Du lieber Jott! In München kann man nicht einmal über die Straße schwirren, ohne für ein janz jewöhnliches Wesen jehalten zu werden. Was wollen Sie von mir? Ich bin der Sekretär…« Krenkl erwiderte sogleich. »Na, gengans no wieder weiter, i siech scho, daß der, den i gsuacht hob, koa so saudumms Gsicht hat.«

Krenkl war wegen eines Roßhandels vor Gericht geladen, als er nicht recht mit der Sprache heraus wollte, ermunterte ihn der Richter mit dem Ausruf: »Herr Krenkl, schleimen Sie sich nur aus!« Krenkl erwiderte hierauf: »Es geht net recht, i hob die Wochen no gar koa Zeitung g’lesen.«

Herr M: »Jetzt möchte ich doch einmal wissen, was Herr Krenkl von dem menschli­chen Geist halten, von seinem Produkt usw., das denselben erzeugt.« Krenkl: »No, da Geist is holt wie a wiedakauats Viech, denn erst nach der Verdauung kommt das Produkt.«

Herr Rindfleisch: »Herr Krenkl, wir sind jetzt vor Gericht…«Krenkl: »Ja, und wenn i nomal wegen Eana da herlafa müaßt, schlagat i Eana lieber solang, bis aus dem Rindfleisch a Kamanadl werd’.«

1. Spazierreiter: »Herr Krenkl, tadeln Sie doch einmal diese Pferdewärter!«
2. Spa­zierreiter: »Sie nehmen Trinkgeld und sind einem zu nichts nütze.«
Krenkl (zu den Spazierreitern): »Nun freilich! (Zu den Pferdewärtern) Ös Galgentröpfin, ös ver­fluchte, i jog enk do no zum Teufi, wenns net amol zwoa dumme Kerl in die Steig­bügel eini helfa könnts.«

Rennbube: »Herr Krenkl! Jetzt bin i wieda g’sund.«
Krenkl: »Was hat dann nacha g’fehlt? Halt d’Faulkrankheit? Gel!«
Rennbube: »Ja, waar scho recht! Und Dokta hab’n g’sagt, ich hätt’s Nervenfieba, oda ‘s Schleimfieba oder an Typhus, wie sie’s hoaß’n.«
Krenkl: »Jetzt schau des Tröpfi o! Krieagt der jetzt scho’ so a nobliche Krankheit.«

Ein Student hatte ein Krenkl’sches Pferd für einen kleinen Spazierritt gemietet. Voll Schweiß und Schaum brachte er nach ein paar Stunden dasselbe wieder zurück.­

Zum Unglück war Krenkl zu Hause und sah den Zustand.

Glauben Sö, junger Reit­teufel, i laß für 1 fl 50 kr. eines von meine besten Pferd‘ z’grund richten! fuhr Krenkl auf den Reiter los. Sag’n S’ ma um Gotteswillen, wos ham’ S’ denn g’macht?
Ja, se­hen Sie, Herr Krenkl – dichtete aus dem Stegreife der Student – ich reite in ganz kleinem Trabe von Nymphenburg die Allee herab; da kömmt so ein Krippenreiter nachgesprengt und, hui, an mir vorüber. Mein resp. Ihr Pferd will das nicht leiden, machte einen Satz vorwärts. Ich denke mir: was, ich auf einem Krenkl’schen Pferd und so ein Ellenreiter, und –
Da hams Pferd auslassen, nöt wahr, ruft Krenkl mit fun­kelnden Augen. Nöt wahr, Sö ham’s auslassen?
Ich habe wohl müssen, ich hab es nicht mehr erhalten können! sagte der Studio und wischt sich mit dem Seidenfou­lard den Schweiß von der Stirne.
No, und wie is ganga? fragt Krenkl voll Ungeduld.­
Student: Herrlich! Die große Allee hatten wir im Nu hinter uns. In der Reihe bei Holzhausen –
Krenkl: San S’ ihm vorkomma?
Student: Noch nicht, aber im Flug ging es vorüber, bis nahe heran an der K. Erzgießerei, dort –
Krenkl (mit begeisterter Stimme): San S’ ihm vorkomma?
Student: Noch nicht, aber an dem Löwenbräukeller herab gegen den Schranken zu –
Krenkl (mit den Armen rudernd): San S’ ihm vor­komma?
Student: Nicht ganz, aber die Dachauerstraße herein bis gegen das neue Brunnenhaus – da –
Krenkl (mit dem ganzen Leibe in Bewegung und schreiend): San S’ ihm endli vorkomma?
Student: Da habe ich ihn erst auf halbe Roßlänge erreicht, aber herauf gegen den Schimmelwirth –
Krenkl: Sakra, san S’ ihm no nöt vor?
Stu­dent: Jawohl, um meinen resp. Ihren ganzen Roßkopf, aber am neuen Bahnhof –
Krenkl (jubelnd): San S’ ihm dervor?
Student: Und wie, und wie weit, Herr Krenkl, das Rößl hätten S’ sehen sollen!
Krenkl (freudestrahlend): Net wahr, dös Rößl! (laut) Boidl, tuas Füchsl a weni abweisen! (zum Studenten) Wie heiß’n S’ denn?
Student: Xaver Schlingelmeier.
Krenkl: So – Sö derfa a andersmal umsunst reiten! Bhüt Gott! Herr Schlingelmeier.

Ein Bierbrauer (zum Fenster hinausrufend): »No, Herr Krenkl, hobens heut Erstl (1. Preis) wieda krieagt?«
Krenkl: »An Dreck! ‘s Sch…n hob i krieagt auf Euer sauas Bier!«

Dr. Fingerl: »Kennen Herr Krenkl nicht den Herrn Mayer?«Krenkl (unwillig): »Na!«Dr. Fingerl: »Aber den Pferdehändler Herrn Müller?«Krenkl: »Den kenn i scho gar net. Do kenn i no eha an Herrn Mayer.«

Krenkl besuchte wie so oft einmal wieder das alte Schweiger-Theater an der Müller­straße, wo ihm ein Besucher mit seinem hohen Zylinder die Sicht behinderte. »Sie, Herr Nachbar, mechtn S’ net Eanem werten Deckl owadoa?« redete ihn Krenkl an. Der tut, als hätte er nichts gehört. »Sie, ham S’ g’hört, Eana Angströhrn solln S’ runtanehma!« »Was fällt Ihnen denn ein, ich verbitte mir das! Ich bin der Geheimrat Fuchs!« – »So, daß a Viech san, hab i g’merkt, daß aba a Geheimrat san, sieht ma Eana net o!« war Krenkls Antwort.

Eine in München lebende Urenkelin Krenkls stellte freundlicherweise folgende An­ekdote zur Verfügung, die man sich immer in ihrer Familie erzählte:Krenkl ging ein­mal mit einem Bekannten durch die Straßen Münchens. Da tauchten plötzlich vor ihnen zwei hübsche junge Bürgermädchen in der schmucken Tracht damaliger Zeit mit Riegelhaube und ziemlich kurz geschürztem Rock auf. Krenkl, hingerissen von den schönen Wadeln der einen, fordert seinen Begleiter auf, etwas schneller zu ge­hen, um auch ihr Gesicht sehen zu können. Da erkennt er zu seinem großen Erstau­nen eine seiner Töchter. »Machst net glei, daß d’ heimkimmst; ja schämst di’ net, mit einem solch’n kurzn Rock rum z’Iauf’n und deine Wadeln herz’zeig’n!“ faucht er sie an, und geht weiter.

Nachtrag aus »Gambrinus, humoristisches Münchener Taschenbuch«Ein Schwindler kaufte von Krenkel ein Pferd und bot ihm statt Geld ein großes Quantum Vanille an. Nur mit Widerwillen ging er auf den Tausch ein; denn »Krenkel und Vanille«, das schien ihm nicht recht zusammen zu passen. Als er später mit seiner Waare zu Tam­bosi (dem berühmten Kaféhaus am Hofgarten, wo Krenkel Stammgast war) ging, um sie zu veräußern, fand sie dieser für schlecht und unbrauchbar.Krenkel sah sich in seiner Gutherzigkeit betrogen und rief, auf seinen ersten Gedanken bei dem Tausche: Krenkel und Vanille! sich erinnernd: »Guata Krenkel und so viel schlechter Vanille, des is zum Umbringa!«

Anmerkungen

(1) Karl Theodor, Kurfürst von Bayern. Sohn des Herzogs Johann Christian von Sulzbach. Geboren 11.12.1724 Drogenbusch bei Brüssel, gestorben 16. 2.1799 München.Gemahlinnen: a) 1742 Maria Elisabeth Augusta, Tochter des Pfalzgrafen Joseph Karl Emanuel; b) 1793 Ma­ria Leopoldine, Tochter des Erzherzogs Ferdinand von Österreich. Regierungsantritt in Sulz­bach 1733, vereinigt nach dem Tod des Kurfürsten Max III. Joseph 1777 Bayern mit der Pfalz. Da kinderlos gestorben, geht Bayern an Max Joseph von Birkenfeld-Zweibrücken über.

(2) Lespilliez, Karl von. Geboren 1723 Nymphenburg bei München, gestorben 1796 Mün­chen.Lieblingsschüler Francois Cuvilliés’. Kurfürstlicher Hofbaudirektor. Umbau der Lands­huter Stadtresidenz, Neubau der kurfürstlichen Gemäldegalerie am Hofgarten zu München und des Palais Schätzler in Augsburg. Bauleitung des Alten Residenztheaters in München, des heutigen Cuvilliés-Theaters. Grab an der Stephanskirche des Südlichen Friedhofs.

(3) Stachus-Garten. Noch im 18. Jahrhundert die Schießstätte der Stachelschützen, Armbrust­schützen, die bis ins 14. Jahrhundert zurückverfolgt werden können. Etwa an der Stelle des Kaufhofs am Karlsplatz zu München.

(4) Ludwig I., König von Bayern. Sohn des Königs Max I. Joseph. Geboren 25.8.1786 Straß­burg, gestorben 28.2.1868 Nizza. Gemahlin Therese Charlotte Friderike Amalia, Prinzessin von Sachsen-Hildburghausen-Altenburg, gestorben 1854. Kinder: Maximilian (II.); Otto (Kö­nig von Griechenland), Luitpold (Prinzregent), Adalbert und fünf Töchter. Regierungsantritt 1825, Abdankung 1848. Schöpfer zahlreicher Bauten in München (Ludwigstraße, Ausbau der Residenz, Bavaria, Glyptothek, Propyläen, Pinakothek, Staatsbibliothek, Feldherrnhalle, Sie­gestor), der Befreiungshalle und Walhalla. Grab St.-Bonifaz-Kirche ln München.

(5) Albrecht III., Herzog von Bayern. Sohn des Herzog Ernst von Bayern-München. Geboren 1401, gestorben 22.2.1460 München. Gemahlin 1437 Anna von Braunschweig, gestorben 1474. Kinder: Johann (II.), Ernst, Sigismund, Albrecht (IV.), Wolfgang. In erster, heimlicher Ehe vermählt mit der Agnes Bernauer.

(6) Schwanthaler, Ludwig von. Geboren 1802 München als Sohn des Bildhauers Franz Schwanthaler d. Ä., gestorben 1848 München. Besucht die Akademie in München als Schüler Albrecht Adams. Akademieprofessor. Schöpfer zahlreicher Denkmäler im Auftrag Ludwigs I. (Tilly, Wrede, Bavaria). Grab Arkaden des Neuen Südlichen Friedhofes.

(7) Schweiger-Theater. Das von dem Theaterdirektor und Schauspieler Johann Schweiger und seiner Frau, später von seinem Sohn geleitete Theater in der Au, das dann auch an der Müller­straße spielte, gehörte zu den besten Privatbühnen des vorigen Jahrhunderts.

(8) Gallisieren. Die Sucht, gute, eindeutig klare deutsche Begriffe und Worte durch französi­sche zu ersetzen, eine deutsche Schwäche, der man auch heute allzusehr nachgibt, allerdings mit dem Unterschied, daß sich jetzt die Vorliebe fürs Amerikanische bemerkbar macht. Z. B. Teenager, Party, Shorts, Swimming pool, Hobby, Job, Boss.hippologisch (griechisch) = die Wissenschaft vom Pferd.

(9) Deutscher Bund. Als Ergebnis der langen Verhandlungen des Wiener Kongresses 1815 wurde ein Deutscher Bund gegründet, ein ziemlich lockeres Bündnis der deutschen Staaten unter Österreichs Führung, das dann 1866 auseinanderbrach.

(10) Südlicher Friedhof. 1563 vor dem Sendlingertor als Armenfriedhof angelegt; seit 1789 einziger Friedhof der Stadt; 1819 von Vorherr in seinem alten Teil neu angelegt; 1844 durch den sogenannten Campo Santo, den Neuen Teil, nach Entwürfen Friedrich v. Gärtners erwei­tert. In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts für Bestattungen gesperrt; 1944 durch den Bom­benkrieg schwer heimgesucht, wobei wertvolle Grabdenkmäler zerstört wurden.

(11) Keferloher Markt, eigentlich Käferlohe, Gemeinde Grasbrunn bei Haar, östlich von Mün­chen. Einer der besuchtesten Pferdemärkte Oberbayerns, der sich durch Jahrhunderte bis in die jüngste Gegenwart zugkräftig erwiesen hatte.

Nachwort

Dank sagen ist eine angenehme Pflicht, besonders wenn es gilt, Behörden und Männern zu danken, die in entgegenkommendster Weise diese kleine Arbeit för­derten.

Dieser Dank gilt den staatlichen und städtischen Archiven und Bibliotheken in Mün­chen und Landshut, dem Münchener Stadtmuseum und besonders dem Leiter der Monacensia-Bücherei, Herrn Ludwig Hollweck, auch manchem alten Bekannten und Freund, die tatkräftig und beratend sich während des Heranreifens dieses Büch­leins zur Verfügung stellten; auch Herr Rudi Brunner sei ob seiner Mithilfe beim Le­sen der Korrekturen genannt. Der Verfasser.

Franz Xaver Krenkls Leben

Das Jahr 1780 wird in der Geschichte der niederbayerischen Stadt Landshut beson­ders vermerkt. Nicht deshalb, weil in diesem Jahr einem Landshuter Kleinbürger das vierte von siebzehn Kindern geboren wurde, das in der St-Martin-Kirche auf den Namen Franz Xaver getauft wurde; davon nahm man damals wahrhaftig keine Notiz. Aber die Tatsache, daß in eben dem genannten Jahr Landshut wieder Resi­denzstadt wurde, zwar nicht eines regierenden Fürsten, so doch eines Mitglieds des kurfürstlichen Hauses, war für die Stadt der einstigen »Reichen Herzoge« im­merhin ein Ereignis, das die Handwerker und die Honoratioren gleichermaßen auf­horchen ließ.

Kurfürst Karl Theodor (1), welcher das ihm durch Erbschaft zugefallene bayerische Kurfürstentum so wenig liebte, wie er von der altbayerischen Bevölkerung geliebt wurde, hatte den ihm verwandten Herzog Wilhelm von Birkenfeld-Gelnhausen, auch einen Wittelsbacher, der nicht gerade mit Geldmitteln reich gesegnet war, zu sich nach München geholt. Aber bald erkannte er, daß es vorteilhafter wäre, ihn fern seiner eigenen Residenzstadt zu wissen. So wies der Kurfürst ihm die Landshu­ter Stadtresidenz an der »Altstadt« zur Wohnung an, die der kurfürstliche Hofbau­direktor Karl v. Lespilliez (2) im Zeitgeschmack teilweise umbaute.

Neben dieser Bautätigkeit entfaltete die herzogliche Familie ein für Landshuter Verhältnisse sehr bewegtes gesellschaftliches Leben, an dem die umliegenden Hof­markherren regen Anteil nahmen.

Da gab es viel zu schauen, wenn über das Kopfsteinpflaster der Landshuter Alt­stadt die Karossen des Herzogs holperten, wenn Besuche anderer Fürstlichkeiten vor dem Portal hielten. Und während die Bürgerfrauen die Toiletten bewunderten und kritisierten, werden die Männer und vorzüglich die Buben staunend die präch­tigen Pferde beschaut haben, die sich sehr von den Bauernpferden der Lastfuhr­werke und der Taxis-Post, die das kaiserliche Privileg besaß, unterschieden.

Unter diesen Jungen war sicherlich auch der Franz Xaver, der am 15. November 1780 im Haus Altstadt Nr. 107 dem Kleinuhrmacher Xaver Krenkl geboren wurde.

Soll man einem Kleinuhrmachermeisters-Sohn mehr als 180 Jahre nach seiner Ge­burt noch eine Biographie widmen? Er ist ein ganz alltäglicher Mensch gewesen, hatte keinen außergewöhnlichen Lebenslauf, denn dieses Kind, das acht Jahrzehn­te leben sollte, hat nicht hohe Ehrenstellungen angestrebt. Er hat sich als tüchtiger Geschäftsmann durchs Leben geschlagen, ist zu Wohlstand und bürgerlicher Ach­tung gelangt, wie viele seinesgleichen. Und doch, der Krenkl ist noch heute in aller Mund; man hat ihm an seinem Geburtshaus in Landshut eine Gedenktafel an­gebracht:

»In diesem Hause wurde Franz Xaver Krenkl, / der Rennmeister der / Münchener Oktoberfest- / rennen 1780 geboren.«

Noch jetzt kursieren viele Anekdoten von und über ihn, nicht weil sie ungewöhnli­che Geistesgaben verraten, sondern weil ihnen gesunder Mutterwitz innewohnt, weil sie die beim Deutschen so seltene Zivilcourage bekunden und weil er das Herz am rechten Fleck hatte und mit gleicher Begeisterung sich den Armen wie auch dem Pferdesport widmete.

Das eine war ihm wohl angeboren als Erbstück seines Vaters, das andere aber hat sicherlich sein waches Auge ausgelöst, wenn er aus seinem Fenster hinausblickte in die bewegte Altstadt, wo sich Fuhrwerk an Fuhrwerk reihte und dazwischen die eleganten Kaleschen des Adels und des Herzogs drängten.

Man geht in die Irre, wenn man die Krenkl als alteingesessene Landshuter anspre­chen würde. Sie kommen aus der Bodensee-Gegend, aus dem kleinen Dörfchen Hattnau, Gemeinde Hege bei Wasserburg, wo sie seit 1589 nachweisbar sind. Am 1. Januar 1704 erblickt dort Balthasar Grintl (Krenkl) das Licht der Welt, erlernt das Uhrmacherhandwerk und kommt auf der Wanderschaft nach Landshut. Als er am 31. Juli 1767 das Zeitliche segnete, standen neun Kinder an seiner Bahre. Als fünf­tes Kind wurde ihm am 23. Januar 1751 ein Sohn geboren, der Franz Xaver ge­nannt wurde und das väterliche Handwerk erlernte.

In der 1785 erschienenen »Beschreibung der churfürstlichen Haupt- und Residenz­stadt Landshut« des Stadtprokurators Franz S. Meidinger findet sich ein Verzeich­nis »von dasig lebenden Künstlern und Profeßionalisten«, unter denen »Krenkl, Bur­ger und Hofuhrmacher, ein überaus geschickter Mann, der schon manche Probe seiner Fähigkeiten an Tage gelegt«, verzeichnet steht. Und in einer Stadtchronik Landshuts vom Jahre 1832 heißt es von ihm: »Der Adjutant der bürgerl. Kavallerie, Xaver Krenkl, war in den letzten Kriegszeiten (1806 bis 1809) für die Stadt, was die herzhaften Scheidecker im Dreißigjährigen Kriege für Landshut waren. Als Kund­schafter, Ruhestifter bewies er sich bei allen Gelegenheiten als einen der herzhaf­testen Männer unter den Bürgern. Darum zierte ihn erst die silberne, dann die gol­dene Medaille. Ihm hat auch die Stadt besonders den Monatsmarkt zu verdanken.«

Siebzehn Kinder haben seine zwei Ehefrauen dem Franz Xaver Krenkl in die Wiege gelegt, siebzehn Buben und Mädels hat dieses kleine Wohnhaus aufwachsen sehen, das erst 1799 in den Besitz des Kleinuhrmachermeisters Krenkl übergegangen ist. Der Uhrmacher war ein großer Patriot, er hätte sonst unmöglich sein sechzehntes Kind auf den Namen Napoleon taufen lassen, just ein knappes halbes Jahr nach­dem der Franzosenkaiser nach erbitterten Kämpfen um den Isar-Übergang, bei de­nen es neben blutigen Opfern auch schwere Beschädigungen der naheliegenden Häuser gegeben hat, im April 1809 seinen Einzug in Landshut gehalten hatte. Bei der Wahl der Vornamen seiner zahlreichen anderen Nachkommenschaft, zu der auch unser Franz Xaver gehörte, war er nicht so wählerisch und hielt sich ganz an die Gewohnheiten seiner Mitbürger und an die gute alte Tradition.

Wie des jüngeren Franz Xaver Krenkl früheste Kindheit verlief, davon läßt sich kein zuverlässiger Bericht ausfindig machen. Er wird die Schule bei St. Martin besucht haben, wird dann in die Lehre gesteckt worden sein. Ältere Schriften – und deren gibt es gar manche, die meist im Jahre seines Todes erschienen sind und dann im­mer wieder nachgedruckt wurden – behaupten, er sei bei seinem Vater in die Lehre gekommen und habe das Uhrmacherhandwerk erlernt. Erst spät stellte es sich her­aus, daß er zu einem Bäcker in die Lehre kam, und dies in seiner Vaterstadt Lands­hut. Als er ausgelernt hatte, ging er altem Brauch gemäß auf die Wanderschaft.

Es waren turbulente Zeiten. Die Franzosen waren im Land, erst als Feinde des bayerischen Kurfürsten; dann, unter dem Druck der politischen Verhältnisse, mar­schierte die bayerische Armee an der Seite der Heere Napoleons. Xaver Krenkl wird nicht weit herumgekommen sein, denn man weiß, daß auch er zum Militär aus­gehoben wurde und Dienste in einem Kavallerieregiment tat.

Und auf einmal taucht er 1806 in München auf im Haus des Bäckermeisters Griener in der Neuhauser Straße Nr. 143, der schon 1803 im »Verzeichniß der sämmtlichen Hausbesitzer der Stadt«, dem ältesten Adreßbuch Münchens, als solcher erscheint.

Am 1. Januar 1806 war München die Hauptstadt des neuen Königreiches Bayern von Napoleons Gnaden geworden, keine reiche Hauptstadt, die erst seit einem Jahrzehnt aufgehört hatte, Festung zu sein. Man baute vor den noch bestehenden, aufgelassenen Stadtmauern wild und planlos; nur vor dem Karlstor, also in nächster Nähe des neuen Quartiers Krenkls, hatte man nach einheitlichen Gesichtspunkten das Rondell angelegt, das den Verkehr westwärts, vorbei am Stachusgarten (3) zur Landsberger Landstraße, die nun schon Bayerstraße hieß, lenkte. Noch plante nie­mand die großen Straßenzüge der Brienner- und Ludwigstraßen, und doch gingen schon im Kopf des jugendlichen Kronprinzen Ludwig (4) die Gedanken um, aus München eine Stadt zu machen, die die schönste in Deutschland werden sollte. Und Krenkl war es vorbehalten, diese gewaltige Wandlung Münchens aus mittelal­terlicher Enge zu großstädtischer Weiträumigkeit wachen Auges mitzuerleben.

Es spann sich an der Neuhausergasse bald zwischen dem Bäckergesellen und der einzigen Tochter des Meisters ein zartes Liebesverhältnis an, was Krenkl aber nicht hinderte, während der Kriegsjahre ins Korps der Freiwilligen Jäger einzutreten, um seinem Bayerland zu dienen. Wieder fehlen Nachrichten, die uns über seine Waf­fentaten unterrichten; aber in einem in seinem Todesjahr erschienenen »Gedenk­blatt an Xaver Krenkl« liest man: »Noch erinnern sich einige unserer Mitbürger des schlanken, hochgewachsenen jungen Mannes in der schmucken Uniform und dem dreieckigen Hute mit Federbusch. Wohl mögen seine Hiebe so derb geführt wor­den sein, wie seine Worte!«

Nicht Kriegs- und Notzeiten, nicht das hinhaltende Zögern der reichen Bäckermeis­terseheleute können die jungen Menschen trennen. Folgt man wieder älteren Schriften, müßten die Hindernisse zur Verehelichung tatsächlich erst kurz vor der Hochzeit überwunden worden sein, die laut Trauungsprotokoll am 2. September 1815 in der Münchener St.-Peter-Pfarrkirche stattfand, obwohl bereits die Erlaubnis am 19. Januar 1809 erholt worden war. In dem schon genannten »Gedenkblatt« heißt es: »Sie versuchten zuerst ihr Glück in der Wirthschaft zum Neugarten (Neu­sigl).«

Das scheint richtig zu sein, da eine alte handgeschriebene Oktoberfest-Chronik, die gewissenhaft alle Sieger der Pferderennen seit dem ersten Jahr dieses Nationalfes­tes 1810 aufzählt, »Krenkl Xaver, Neugartenwirth zu München« als dritten Sieger nennt.

Schon im Jahre 1811 hatte Krenkl erstmals ein englisches Pferd ins Rennen geführt und damit die Führung an sich gerissen. Freilich hat ihn die Notzeit der kommen­den Jahre gezwungen, davon Abstand zu nehmen, doch seit 1822 setzt er fast aus­schließlich englische Rennpferde ein, die die Kritik zu der bitteren Erkenntnis leite­ten, daß Krenkl »damit vollends die Superiorität der englischen Pferde gezeigt« habe.

Das Pferd hatte Krenkl also damals schon so sehr in seinen Bann gezogen, daß er es wagen konnte, bei diesen allerdings noch sehr volkstümlichen, primitiven Ren­nen mit Erfolg zu bestehen.

Den Gedanken volkstümlicher Pferderennen verdankte München dem bürgerlichen Lohnkutscher Franz Baumgartner, »Zum Spanner« genannt, der als Unteroffizier in der Nationalgarde diente. Er schlug vor, anläßlich der Vermählungsfeier des Kron­prinzen Ludwig ein Pferderennen zu veranstalten und damit alten Brauch neu aufle­ben zu lassen. Der Kommandant der Nationalgarde III. Klasse, die im Jahre 1809 aus der Münchener Bürgerwehr aufgestellt wurde, war Major Dall’Armi, der die kö­nigliche Genehmigung einholte, »hinter dem neuen Spital (nahe dem Sendlinger­torplatz) bis an die Dorfschaft Sendling in einer Peripherie von Dreiviertelstunden, welche dreimal umritten würde, und in deren Mittelpunkt die Pferde durchaus in ihrem Lauf gesehen werden«, eine Rennbahn errichten zu dürfen. Ausgerechnet das Pferd des Unteroffiziers Baumgartner wurde Sieger.

Wer hätte gedacht daß dieses Fest einem Manne aus Landshut den Weg zu großer Popularität in der Residenzstadt München ebnen würe, die sich bis in die Gegen­wart erhalten hat!

Man nennt Krenkl ein Münchener Original. Er war ein Mann mit gesundem, derbem Witz, ein Mann von höchstem Gerechtigkeitssinn und Menschenliebe und -achtung.
Noch zweimal vor der großen politischen Wende finden Pferderennen auf der Fest­wiese, die nach Ludwigs Braut Theresienwiese genannt wurde, statt; sie waren nichts anderes als ein Wiederaufleben jener Rennen, die anläßlich der Hochzeit Herzog Albrechts III. (5) im Jahre 1437 durchgeführt wurden und sich bis ins 18. Jahrhundert während der Jakobi-Dult erhalten hatten.

Auch bei den Rennen des Jahres 1811 schneidet der Krenkl glänzend ab und er­hielt als »Neugartenwirth« den 1. und 11. Preis, im Rennen des Jahres 1812 als »Pferdehändler« den 1. und 7. Preis.

Als die Kriegsstürme vorüber sind und 1815 wiederum das herbstliche Fest veran­staltet wurde, schneidet der »gewesene Neugartenwirth« nicht günstig ab, und nicht besser auch im folgenden Jahr.

Dafür stellt uns aber der Chronist Franz Xaver Krenkl als »Bäck in München« vor.

Krenkls Schwiegereltern sind gestorben; die jungen Leute übernehmen die Bäcke­rei, die sie zuerst selbst führen, dann verpachten und nach kurzer Zeit verkaufen, weil Krenkl sich nun hemmungslos seiner Pferdeliebhaberei widmen will und kann. Er schafft zuerst in der Windenmachergasse, in derselben engen Gasse, in der der Bildhauer der Bavaria, Ludwig v. Schwanthaler (6) das Licht der Welt erblickte, und kauft dann in der Bayerstraße, Ecke Schillerstraße, damals Singstraße, das Haus Nr. 82 mit Hof, betreibt dort ein Lohnkutschergeschäft und beginnt gleichzeitig, mit Pferden zu handeln.

Nun ist Krenkl in seinem Element. Als ehrlicher Händler findet er überall offene Tü­ren, der Adel, schließlich auch der königliche Hof kauft bei ihm ein, so daß er es als erster in München wagen kann, ungarische und englische Pferde zu erwerben.

Man merkt es bei den Oktoberfestrennen, die damals in des Wortes wahrstem Sinn für Jung und Alt aller Stände aus Stadt und Land ein Fest waren, wenn der »Pferde­händler« Krenkl den ersten Platz belegt, und so bleibt es Jahrzehntelang, weil er seinen Ehrgeiz daran setzte, unter den besten bei diesem Volksfest abzuschneiden.

Noch eine Leidenschaft kannte Krenkl, die ihn aber weit weniger bekannt machte, die zum Theater, zur volkstümlichen Schaubühne, wie sie München zu Krenkls Zei­ten in dem Schweigertheater (7) besaß. Das war ein Volkstheater, wie man es sich nicht besser wünschen konnte, wo sich Räuberromantik mit patriotischen Senti­mentalitäten trefflich mengten und die Gemüter enthusiasmierten. Eine kleine An­ekdote sei eingefügt:
»Krenkl verfolgte den Gang der Handlung wie alles auf das Stück Bezügliche mit regstem Interesse, nicht ohne seinem gefürchteten Witz die Zügel schießen zu las­sen. Eben wurde ein bekanntes Räuberstück gegeben und ein Räuber schlich sich mit gezücktem Dolch von rückwärts auf den Sprecher zu, als Krenkl in der Hitze der Begeisterung aufspringend, dem Sprecher zurief: »Geh weg, Rindvieh, der dasticht dich ja!«

Dieser Liebe zum Theater bleibt er bis in die Stunde seines Todes treu.

Sein Besitz an der Singstraße, auf dem er seine Lohnkutscherei betrieb, war gefähr­det, als der zunehmende Verkehr zum Bahnhof eine Verbreiterung der Straße not­wendig machte. Ohne zu feilschen und sich auf Kosten der Stadtverwaltung zu be­reichern, überließ Krenkl sein Anwesen der Stadt zum Schätzwert von 30 000 Gul­den und bezog seine neue Wohnung an der Neuhauser Straße. Es war das Anwe­sen Nr. 38 nächst dem Karlstor, das damals noch seinen mächtigen Hauptturm hat­te, und das Gelände des heutigen Hotel Fahrig ausmacht. Schon 1838 hatte er an der Nordseite des Tores ein Grundstück von 0,048 Tagwerk erworben. Beim Wohn­hauskauf aber hatte er sich ausdrücklich verpflichten müssen, es, »falls die Stadt bauliche Veränderungen zwecks Erweiterung der Karlstorpassage vornehmen wol­le, widerspruchslos zu räumen und es zum Kaufpreis abzugeben«. Wiederum ein Beweis, wie ernst Krenkl seine Bürgerpflichten nahm, er, dem schon am 17. Mai 1822 vom königlich-bayerischen Landwehr-Regimentskommando der Haupt- und Residenzstadt München bestätigt wurde, daß er »neun Jahre als Gardist im Kavalle­riekorps diente und seine Dienste zur Zufriedenheit verrichtet« habe, und dem am 29. September 1813 als »besonderes Vertrauenszeichen von der K. B. Generalpost­direktion die Ermächtigung der Ausübung des Lohnrößlergewerbes verliehen« wur­de.

Krenkl hat sich des Vertrauens seiner Mitbürger immer würdig gezeigt, besonders damals, als er zahlreiche Fahrten von München nach Triest unternehmen mußte, um die vielen Teilnehmer an der Griechenlandfahrt des zum König von Griechenland ausgerufenen jüngeren Sohnes Ludwigs I., Otto, bis zum Einschiffungshafen an der Adria zu bringen. Die Anhänglichkeit an seine Wahlheimatstadt hat er in rührender Weise auch bewiesen, als er es im Cholerajahr 1854 aus freien Stücken unternahm die zahlreichen Toten – die Opfer der Seuche beliefen sich auf mehrere Hunderte – mit seinen Wägen auf den Südlichen Friedhof an der Thalkirchner Straße zu fahren, der damals die einzige Begräbnisstätte Münchens war, wo sie der geweihten Erde übergeben wurden.

Der Magistrat der kgl. Haupt- und Residenzstadt München ehrte ihn durch folgen­des Schreiben:
»An den b(ürgerlichen) Lohnkutscher He(rrn) F. X. Kränkl Dahier. Nachdem das dem Herrn Adreßaten pachtweise überlassene Leichenfuhrwerk in heurigem Jahre, wo die hiesige Stadt von der so furchtbaren Brechruhr Epidemie heimgesucht ward, ungeachtet der vorgekommenen zahlreichen Sterbefälle und des hiedurch ver­mehrten Geschäftsdranges mit einer so geregelten Ordnung und Pünktlichkeit so­wohl bei Tag als bei Nacht besorgt wurde, daß nie Veranlaßung zu einer gegründe­ten Beschwerde gegeben war, so sieht sich der Magistrat bemüßigt, dem Herrn Adreßaten für seine in dieser Zeit der Noth mit rühmenswerthen Eifer fortwährend bethätigte Aufmerksamkeit hiedurch die wohlverdiente Anerkennung im vollsten Maße auszusprechen. – Am 27. Oktober 1854.Hochachtung! gez. Steinsdorf, Bür­germeister.

Wie tief und ehrlich auch sein Christentum war, zeigt manche überlieferte Bege­benheit. So erzählt ein Heftchen, das 1860 in der Vorstadt Au gedruckt und für 3 Kreuzer verkauft wurde, folgendes: »Er besuchte täglich einige Kirchen, in welchen er regelmäßig Geld unter die Armen vertheilte. Diese umringten ihn oft und Keines sollte unbeschenkt von dannen gehen. Einmal gewahrte er bei solcher Gelegenheit eine ihm unbekannte Arme, welche nicht den Muth hatte, ihn um ein Almosen an­zusprechen, sondern verlegen die Kirche verlassen wollte. Da rief ihr Krenkl zu: ‘No, du! halt a bisl! brauchst denn du nix!’ Bei diesen Worten beschenkte er sie mit einem doppelten Almosen und lud sie ein, sich täglich einzufinden.«

Ähnlich wird auch berichtet, daß er einem Sandführer aus Mitleid ein hinkendes Pferd abkaufte, einer armen Familie den Mietzins bezahlte und einer anderen Fami­lie Holz kaufte und es vor die Wohnung derselben fahren ließ.

Daß Krenkl auch in späteren Jahren der alte Vaterlandsfreund blieb, über dessen Einstellung zur Revolution des Jahres 1848 leider nichts überliefert ist, keinen Sinn für die schon damals sich breitmachende Liebedienerei mit dem Ausländischen hat­te, ist leicht verständlich. So verdient Franz Trautmanns Bericht in seinem Büchlein »Im Münchner Hofgarten« um so mehr Beachtung, weil Krenkl ein Stammgast im Café Tambosi war, das sich an der Stelle des heutigen Annast befand. »Es war der hochgeschossene, ehrenhaftest gesinnte Bürger und Pferdeverleiher, dessen deut­schen Namen ein maliziöser Herr, zum ärgsten Groll des Inhabers, gallisierte (8) und in ‘Monsieur Krainquele’ verwandelte. Krainquele war der Mann, für welchen ‘Sa­lonsprache’ das Überflüssigste, das ‘Hippologische’ aber von höchstem Wert war.«

Man muß auch der Anekdote gedenken, die seine politische Einstellung so treffend klar kennzeichnet: »Verflossenen Herbst (1859) langte Krenkl in einer Provinzstadt an und stieg in einem Wirthshause ab, das den Namen »zum deutschen Bund« hat­te. Er wurde freundlich von den Gästen begrüßt und bald entwickelte sich eine po­litische Unterhaltung, in welcher Napoleon (III.) den Hauptgegenstand bildete. Da fragte unter Anderem ein Bürger den Krenkl, was denn aus dieser Stadt und den Bewohnern werden sollte, wenn Napoleon über den Rhein komme, der von Deutschland aus ganz entblößt stehe. ‘No’, sagte Krenkl, ‘nacha lebt’s und macht’s es wie engari Taub’n. Dö fress’n am Marktplatz, schlaf’n auf da Kircha und sch… auf’n deutschen Bund (9)’.«

Welcher Beliebtheit er sich in Bürgerkreisen trotz seines oft beißenden Witzes er­freute, zeigen zwei im Inseratenteil der »Neuesten Nachrichten«, die sich jetzt in die »Süddeutsche Zeitung« gewandelt hat, abgedruckte Huldigungen Krenkls.

»Lieber Xaverl! / So viel Flöh ein Pudelhund, / So viel Jahr’ bleib du gesund. / Dein schwarzer Riepel.« (N. N. 3.12.1852, Seite 3994)

»Xaver Krenkl. / Zum Fest sei Dir der Gruß gebracht / Du Greis in silbergrauem Haar, / Dem freudenvoll der Tag noch lacht! / Gesund und froh noch lange Zeit / Sei Du der Armen bester Freund! / Des Lebens Lust in Heiterkeit.“ (Seite 4005)

Einen ganz eigentümlichen Triumph erlebte Krenkl im Jahre 1850, den er selbst ein­mal als den größten Erfolg seines Lebens bezeichnete. Auf der Bühne des Schwei­ger’schen Vorstadttheaters (7) spielte man ihn selbst in der Lokalposse »Staberl auf der Eisenbahn oder das Oktoberfest in München«, in der der Rennmeister Xaver Ehrlich, den der Direktor Schweiger selbst spielte, niemand anderer war, als Xaver Krenkl, der ihm zu dieser Aufführung sein Kostüm geliehen hat.

Zu Hause wuchsen ihm fünf Kinder auf, zwei Söhne und drei Töchter, Karl, der ältes­te, war königlicher Hofpostilion; Eugen erwarb nach des Vaters Ableben die Anteile seiner Geschwister und konnte deshalb das väterliche Erbe an der Bayer­straße ungeschmälert weiterführen bis zum Jahre 1876, als er sich zum Verkauf des Lohnkutschereibetriebes entschloß; die Töchter waren alle verheiratet, Elise war die Frau des Gastwirts Zeiß, Josefa die des Schlossermeisters Drähn und Therese die des Besitzers des bekannten Englischen Cafés am Maximiliansplatz, an der Stel­le des heutigen Hauses Bernheimer, Huber, geworden.

In all dies Glück fiel der herbe Schlag des Explosionsunglückes beim Karlstor im September 1857. Sie war im Haus des Eisenhändlers Rosenlehner erfolgt, hatte ne­ben dem Hauptturm des Karlstores, der daraufhin niedergelegt werden mußte, auch die umliegenden Häuser schwer mitgenommen. An die Todesopfer dieses Un­glücks erinnerte auf dem Campo Santo des Südlichen Friedhofes (10) bis in die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg ein Stein mit einer weitschweifigen Inschrift. Die Worte sind heute völlig verwittert, und in flüchtiger, sehr unpersönlicher Form ist heute zu lesen: »Anna Graf 1812–1857 / Ida u. Rosa Graf 1840–1857 / Opfer einer Explosi­on.« Ein Zeichen, wie stadtgeschichtliche Ereignisse, die damals die Menschen zu­tiefst aufwühlten, nach einem Jahrhundert nahezu vergessen sind.

Auch Krenkls Haus scheint beschädigt worden zu sein. Jedenfalls kränkelte seitdem seine Frau, wohl als Folge der erlittenen Aufregungen und starb zwei Jahre darauf.

Den Witwer traf die Zerstörung seines häuslichen Glückes ungemein schwer. Krenkl hat nach dem Tode seiner Frau das Haus am 21. Dezember 1858 an die Stadtver­waltung verkauft, die sofort den Abbruch veranlaßte. Fünf Jahre vorher hatte er westlich seines ursprünglichen Besitzes an der Bayerstraße von den Gärtnersehe­leuten Kirchmayer beim heutigen Hackerkeller ein geräumiges Wohnhaus mit Ne­bengebäude, Hofraum und einem großen Garten erworben.

In seinen letzten Lebensjahren sah man »fast täglich die bekannte Persönlichkeit mit dem etwas weingeröteten Gesicht – er war stets ein jovialer Gesellschafter bei einem Glase guten Weines – lahmen Fußes in die Volkstheater hinken«.

Gerade im Theater, das er ebenso liebte wie die Pferderennen, sollte ihn der Tod ereilen. Er war nach Stuttgart zu einem Pferdemarkt gefahren und wollte es nicht unterlassen, das dortige Theater kennenzulernen. Als er am 23. April 1860 abends 6 Uhr eine Loge des Dritten Ranges betreten wollte, traf ihn ein Blutschlag, dem er sofort erlag. Die Leiche wurde nach München überführt, um an der Seite seiner ihm im Tode vorangegangenen Gattin beigesetzt zu werden.

Durch folgende kurze Notiz in den »Neuesten Nachrichten aus dem Gebiete der Politik« vom Mittwoch, 25. April 1860 Seite 1278 erfuhren die Münchener das Able­ben ihres Mitbürgers: »Nach hier aus Stuttgart eingegangenem Telegr. wurde un­ser, durch seinen biederen Charakter, wie durch seinen originellen Humor in den weitesten Kreisen bekannte Mitbürger, Hr. Franz Xaver Kränkl, bgl. (bürgerlicher) Lohnkutscher, gestern Montag Abend im dortigen Hoftheater, zu Anfang der Vor­stellung, vom Blutschlage getroffen, in welch Folge derselbe sogleich eine Leiche war. Kränkel war gestern Morgen früh frisch und gesund von hier nach Stuttgart zum Pferdemarkt abgereist.«

»Tausende von Menschen sehen wir heute nach dem Todesacker wallen, um einen Mitbürger auf seinem letzten Gang zu begleiten. Es ist kein hoher Beamter oder Militär, dem seine Untergebenen pflichtschuldig die letzte Ehre erweisen, es ist kein Mann, der sich den Pomp eines großen Leichenzuges mit Geld erkaufte, son­dern ein Mann aus dem Volke, der in diesem lebte und wirkte, und sich durch die Gradheit seines Charakters, durch seinen ächten, opferwilligen Bürgersinn, durch seine edle Mildthätigkeit und durch seinen kernigen Humor, den niemand zu beu­gen vermochte, die Achtung von Tausenden erwarb, obgleich sein Beruf ihn nicht auf die Höhe der Gesellschaft stellte.«

So schildert das bei C. R. Schneich im Todesjahr erschienene »Gedenkblatt« den Verstorbenen. Krenkl ruht auf dem alten Südlichen Friedhof an der Thalkirchner Straße (Sektion 17, Nr. 1 in der Nähe des runden Brunnens). Sein Stein, ein schwe­discher Syenit, wurde Opfer des Bombenkrieges, nachdem er jahrzehntelang sorg­sam gepflegt wurde. Heute ist er nur mehr ein Torso, der nicht einmal den Namen dieses aufrechten Mannes trägt. Lediglich die Worte, die sich auf Krenkls jüngeren Sohn beziehen, sind noch zu lesen: »Hier ruht in Gott / Herr Eugen Krenkl / ehem. Lohnkutscher / * 14.2.1827 † 21.5.1886 / Dessen Gemahlin / Frau Maria Krenkl / * 29.1.1836 † 29.3.1909.«

In der Reihe vor dem genannten Grab erhebt sich ein bescheidener, doch ge­schmackvoller Stein, der die etwas rätselhafte Bezeichnung 36.8.9. trägt, was wohl früher auf Sektion, Reihe und Nummer hingewiesen hat. Dieser Stein trägt die Auf­schrift »Franz Xaver Krenkl / 1780-1860« und darunter den Hinweis auf seinen En­kel »Franz Xaver Krenkl / Reitlehrer / * 26.9.1883 † 9.5.1942.«

Am Montag, den 30. April, finden sich die Anzeigen zweier Publikationen über den Verstorbenen in der Presse:
»In der Expedition der ‘Neuesten Nachrichten’ ist erschienen und zu haben: Ge­denkblatt an Xaver Krenkl. Preis 1 Kreuzer. In derselben Expedition wird nächstens auch eine Sammlung von Aussprüchen Krenkl’s erscheinen. Einsendungen hiezu – jedoch mit Rücksicht auf die Möglichkeit der Aufnahme – werden dankbar ange­nommen.« (S. 1432)
»Xaver Krenkl’s Portrait in Holzschnitt, nebst mehreren wahren Anekdoten aus dem Leben enthält: Stelzhammers Gambrinus, Münchener Bierkalender für 1854. Mün­chen bei Georg Franz, herabgesetzter Preis 12 kr.« (Seite 1456)

Der Tod Krenkls scheint seine Münchener Mitbürger tief ergriffen zu haben. So le­sen wir in den »Neuesten Nachrichten« Nr. 119 vom 28. April auf Seite 1430 den si­cherlich aus redlichem Herzen gekommenen poetischen Erguß:

»Du schwand’st dahin in’s große Reich der Todten,Doch wird Dein Heldenbild nie mehr entfliegenAus uns’rem Blick, und wirst uns nie versiegen,Du derber Urquell saft’ger Anekdoten,Die Tod und Teufel kühn mit Witz bedrohten!Nun muß dem Tod’ zuletzt doch unterliegen,Deß kräft’ger Geist sich nimmer schien zu biegen,Der Rettung selbst für Cholera geboten!In Thaliens Tempel, den Du nun erkohren,
Wenn:
‘Er sie kriegte!’ fliehend jedem Harme, Da:
‘Kriegte Dich der Tod!’ mit kaltem Arme,
Jetzt mußt Du selbst, wie sehr Du’s einst verschworen
Statt auf den Pferden und in Deinen Kutschen
Auf nassen Wolken in den Himmel rutschen.
Conrad Zapfel.«

Auch am 21. und 24. Mai werden auf den Seiten 1725 und 1759 Anzeigen von Neu­erscheinungen über Xaver Krenkl veröffentlicht, die für die damaligen Verhältnisse charakteristisch sind:

»Bei Unterzeichneten ist zu haben für 3 kr. (nebst einer bildlichen Darstellung): Xa­ver Krenkel’s von ihm selbst oft scherzhaft erwähnte Reise durch die Wolken und Ankunft im Himmel, seine Reise-Abenteuer auf dem Martins-Thurme zu Landshut, seine Errettung durch St. Martin, den Patron der Armen und Wohlthätigen, sein Streit mit St. Peter an der Himmelspforte, die Fürsprache des Münchener Kindels für ihn und seine Einfahrt in den Himmel als Belohnung seiner Rechtlichkeit und Wohlthätigkeit. (Von W. D. D..zf….g.r.) Diese von einem renommirten Dichter ver­faßte Broschüre ist in sehr edlem Style, voll treffendsten Witzes und die ganze schöne Darstellung ist der schönste Nachruf auf Krenkel, dessen Rechtlichkeit und Wohlthätigkeit hier die sinnreichste Rechnung getragen wird. Ebenso ist die bildli­che Darstellung der Reise Krenkel’s sehr gelungen. K. Canzenel, bgl. (bürgerlicher) Buchbindermeister an der Schrannenhalle.«

»Neu erschienen! 1te Sammlung von Krenkl’s Anekdoten. Herausgegeben von dem Verfasser von »Krenkl’s Leben und Sprüche«. Preis 3 kr. (Kreuzer) Zu haben in der Kaiser’schen und Rieger’schen Buchhandlung, bei Schöllhorn, Marienplatz; Stulber­ger am Färbergraben; Canzenel im Rosenthal; Gerschütz in der Schäfflergasse und de la Haye in der Löwengrube.«

Die Familie selbst hatte schon am 30. April eine kleine »Danksagung« in die Zei­tung setzen lassen: »Für die so zahlreiche und ehrende Theilnahme bei der Beerdi­gung und dem Gottesdienste des Herrn Xaver Krenkl sprechen hiemit alle geehr­ten Verwandten, Freunden und Bekannten ihren verbindlichsten Dank aus: Mün­chen, den 30. April 1860, die tieftrauernd Hinterbliebenen.«

Der vielfache Sieger in Oktoberfestrennen, der Wohltäter, der fleissige, zuverlässi­ge Geschäftsmann war tot. Aber sein Andenken lebte fort.

Wie Götz von Berlichingens klassisches Zitat, das auch Xaver Krenkl häufig variier­te, unvergänglich bleibt, so auch des Münchener Lohnkutschers und Pferdehänd­lers Wort: »Wer ko, der ko!«

Es ist die Anekdote, die sich weit über Münchens Grenzen verbreitet hat und oft zi­tiert wird:
Es war ein strenges Verbot, den königlichen Wagen im Englischen Garten zu Mün­chen zu überholen. König Ludwig I. fuhr eines Tages spazieren, in gemütlichem Trab, wie er es liebte, als Krenkl gerade auf der sonst menschenleeren Straße, die am Chinesischen Turm vorbei zum Kleinhesseloher See führt, ein Sechsergespann mit prächtigen ungarischen Pferden einfuhr. Ohne sich viel um das Verbot zu küm­mern, überholte er den König, der drohend ihm die Worte zurief: »Aber, Krenkl, weiß Er denn nicht, daß Er das nicht tun darf!« Worauf die knappe Antwort vom Kutscherbock Krenkls erschallte: »Wer ko, der ko!«

Es war ein Zeichen des demokratischen Königtums der Wittelsbacher, daß keine Anzeige erfolgte, daß die geschäftlichen Beziehungen zwischen dem königlichen Marstall und dem Pferdehändler Krenkl nicht abgebrochen wurden. Man kann je­doch nicht umhin, den Mut und den Bürgerstolz des Xaver Krenkl zu bewundern, der diese Worte, die ihn nun schon so lange überleben, seinem Monarchen zurief.

Man ist geneigt, Krenkl als Exponenten des Bürgertums damaliger Zeit zu bezeich­nen, das sich ein gesundes Standesbewußtsein bewahrt hatte. Es revolutionierte nicht, es fühlte sich mit seinem König eng verbunden, ohne jedoch in falscher Ehr­furcht zu ersterben.

Dies ist, was Franz Xaver Krenkl eine gewisse Unsterblichkeit verleiht: der Mut, die Unbestechlichkeit, das gesunde Urteil, der Wille der Wahrheit allezeit die Ehre zu geben.
Seine eigenen Worte, von seinen Zeitgenossen gesammelt, meist von echt altbaye­rischer Derbheit, geben davon das beredteste Zeugnis.

© August Alckens: Franz Xaver Krenkl, der Rennmeister der Münchener Oktoberfestrennen 1780-1860. Maschinen- und Zahnradfabrik Carl Hurth München. 1964. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Gleason-Hurth Tooling GmbH.


17-09-57 (Krenkl)