Epheuranken (26.3.1864) / t_442

Vor dem Bezirksgericht in Freising gelangte am 21. ds., wie bereits kurz berichtet, die Anklage gegen den erblichen Reichtsrath Grafen v. Holnstein, welcher seinen Schwager, den Rittmeister Baron Sternbach, im Duell erschossen hat, zur öffentli­chen Verhandlung. Der Angeklagte war, wie die »Allg. Z.« berichtet, nicht erschie­nen, und für ihn der kgl. Advokat Dr. Henle aus München als Vertheidiger aufgetre­ten.

Graf v. Holnstein, dessen Verhör aus den Untersuchungsakten verlesen wurde, hat­te die That unumwunden zugestanden und als Veranlassung der von ihm ausgegan­genen Forderung eine schwere Beleidigung seiner Familie durch den Gefallenen bezeichnet. Das Gleiche geschah von Seiten des als Zeuge geladenen prakt. Arz­tes, Dr. Schanzenbach aus München, welcher dem Duell auf Veranlassung des Gra­fen v. Holnstein als Arzt und Unpartheiischer angewohnt hatte. Dasselbe fand auf fünf Schritt Barrière mit gewöhnlichen Sattelpistolen ohne Stecher und Abseher un­ter Beiziehung von Sekundanten statt.

Nachdem eine unmittelbar vor dem Zweikampf durch den Unpartheiischen ver­suchte Versöhnung der Duellanten von Beiden zurückgewiesen worden, trat auf dat Kommandowort »Marsch« Graf von Holnstein mit erhobener Pistole rasch bis an die Barrière vor, schoß auf seinen Gegner, der langsam ein Paar Schritte vor­wärts gegangen war, und traf ihn mitten in die Brust, worauf derselbe mit einem lauten Aufschrei zusammenstürzte und schon nach ein Paar Sekunden verschied. Die Kugel war durch die Lungen gegangen und hatte Hauptblutleitungsgefäße in der Brusthöhle zerrissen.

Graf v. Holnstein hatte den Gefallenen noch kurz vor dessen Verscheiden zur Ver­söhnung an der erhobenen Rechten gefaßt und war dann selbst ohnmächtig zu­sammengesunken.

Das Plaidoyer drehte sich bei der sonstigen Zweifellosigkeit des Falls lediglich um die Frage: ob bei der Verabredung oder Ausführung des Zweikampfs beabsichtigt war, daß einer der Duellanten das Leben verliere; es bestand aber der kgl. Staats­anwalt Miller selbst nicht auf der Annahme eines in solcher Art erschwerten Duells und beantragte eine zweijährige, die Vertheidigung dagegen eine einjährige auf ei­ner Festung zu erstehende Gefängnißstrafe (das Strafminimum), welch letzterem Antrag das Gericht auch beitrat.

Epheuranken. Belletristische Beilage zum Würzburger Abendblatte. Nr. 37. Samstag, 26. März 1864.


MR-101/102 (Sternbach)