Epheuranken (21.8.1875) / t_874

Ueber den Transport der Kreuzigungsgruppe

enthält die Correspondenz Hoffmann folgenden Originalbericht aus Oberammer­gau, 16. August: »Das Schicksal der schon am 5. August von München abgegange­nen Kreuzigungsgruppe ist bei dem Umstande, daß am Sonntage erst die eine Hälfte der entgegenstehenden Schwierigkeiten überwunden werden konnte, noch immer nicht besiegelt. Zahlreiche Fremde, meist Norddeutsche, daneben auch vie­le Münchener haben bereits seit Tagen den Transport der Steincolosse in Ettal und Umgegend mit Sehnsucht erwartet. Die reichlich vorhandenen und dabei sehr billi­gen Privatwohnungen trugen das Ihrige dazu bei, die Masse der Fremden in den Gebirqsdörfern festzuhalten.

Der erste und schwerste Theil der Gruppe, das Christusbild, begann am Mittwoch den 11. ds. Morgens die Auffahrt auf den wegen seiner steilen Steigung gefürchte­ten, aber mit Winden und Flaschenzügen wohl ausgerüsteten Ettaler Berg. Ingeni­eur Halm leitete die Auffahrt mit staunenswerther Sicherheit und Ruhe, daß die Zugmaschine bereits am Donnerstag Abends ohne allen Unfall die höchste Stelle, die sog. steile Wand des Ettaler Berges erklommen hatte. Die zahlreichen Arbeiter verhielten sich während dieser zwei ernsten Tage gänzlich schweigsam; man ver­nahm außer dem Keuchen der Lokomotive nur die Stimme des Ingenieurs, der stramm Ordnung hielt.

Auf der steilen Wand zeigte sich die Maschine auf dem abschüssigen Wege als et­was zu schwer; es eilten daher etwa 140 Mann aus Oberammergau und Ettal zu Hil­fe und durch die vereinigten Anstrengungen der Lokomotive und der wackeren Männer gelang es, am Samstag Abends 7 Uhr das Christusbild auf die Höhe zu bringen und in das bescheidene Dorf Ettal einzuführen, wo es den Sonntag über stehen blieb.

Am Samstag Abend waren auch die auf drei Wagen in Gerüstbalken verpackten Fi­guren der Maria, des Johannes und der Sockelstücke am Fuße des Berges von Weilheim her angelangt und erwarteten die Auffahrt für Sonntag Morgen. Die Füh­rung diess Transportes leitete Steinmetzmeister Hauser von München. Während sich nun die Fremden am Sonntag Morgen nach Oberammergau zu der um 9 Uhr beginnenden Vorstellung der Kreuzesschule begaben und außer den zunächst Bet­heiligten wenige Zuschauer mehr vorhanden waren, betrieb Meister Hauser mit et­was ungestümem Eifer die Auffahrt der zwei ersten Wagen, die er um 8 Uhr Mor­gens in der That glücklich nach Ettal hinaufbefördert hatte. Die 40 Centner schwere Figur des Johannes war auf den dritten und letzten Wagen verpackt; dieser folgte, von 32 Pferden gezogen und mit Eisenketten gehalten, den beiden vor­ange­gan­genen nach. Man hatte zwar den Meister Hauser noch am Fuße des Ber­ges gewarnt, bei der bereits sichtbaren Ermüdung der Pferde die Auffahrt der Jo­hannesfigur so rasch zu wagen, doch wies derselbe alle Bedenken mit den Worten zurück: »es muß gehen!«

Die auf’s Aeußerste angestrengten Pferde schleppten denn auch die Last bis zur Hälfte des Berges, die sog. Höhlenwand, hinan, mußten aber hier rasten. Als kurz nach 9 Uhr der Transport sich abermals in Bewegung setzte, vergaß Meister Hau­ser, das unter das vordere linke Wagenrad gelegte Unterlegstück, einen Walzprü­gel hinwegzunehmen, so daß das hintere linke Rad auf diesen auffuhr, hiedurch den Wagen ins Schwanken und die Johannesfigur ins Rollen brachte. Letztere stürzte über den Wagen nach rückwärts herab; der wegen der Enge des schluchtartigen Weges hart am Rücktheile des Wagens danebengehende Hauser wurde in das Be­kleidungsgerüst des Johannes derart eingeklemmt, daß ihm, während er mit dem Kopfe aus dem Balken hervorragte, die Brust zersprengt wurde. In dieser Stellung erfolgte sein augenblicklicher Tod.

Einen neben ihm gehenden, aus Reutte in Tyrol gebürtigen Arbeiter streifte das niederstürzende Gebälke so schwer auf der rechten Seite, daß es ihm den unteren Theil des Unterleibes sammt dem rechten Oberschenkel zu Brei zerquetschte. Die Verwirrung, welche dieses Unglück hervorrief, war eine sehr große. Es dauerte ziemlich lange, bis man den schwer verletzten Arbeiter, der vor Schmerzen entsetz­lich schrie, anzufassen wagte und in das Schloß nach Ettal hinauftrug, wo man ihn in einem Zimmer unterbrachte. Der sofort erschienene Bezirksarzt vermochte nicht mehr zu helfen. Der Unglückliche starb nach gräßlichen Oualen bei voller Besin­nung gegen 6 Uhr Abends.

Inzwischen hatte sich in Oberammergau bereits die Kunde von diesem Vorfalle ver­breitet. Hunderte von Zuschauern verließen sofort die Passionsvorstellung und eil­ten an die Unglücksstätte, wo nach 5 Uhr auch eine Gerichtskommission zur Con­statirung des Sachbestandes erschien und die Ueberbringung der mit äußerster Mühe aus dem Gebälke losgeschälten Leiche des Meisters Hauser ins Ettaler Schloß anordnete. Als die Leiche dorthin verbracht wurde, läutete man die Todten­glocke des Klosters; Hauser, dessen Brust unterdeß fürchterlich aufgetrieben war, ward neben den eben verschiedenen Tiroler gebettet.

Die Johannesfigur liegt noch an der unheilvollen Stätte den Weg versperrend; Dank der ausgezeichnet konstruirten Bekleidung hat die Statue selbst keinen be­sonderen Schaden durch den Sturz vom Wagen genommen, einige am Faltenwurf des rechten Aermels abgesprungene Stücke können leicht vermißt, und die Defek­te zugeschliffen werden. An die Verbringung der Johannisfigur auf einen Wagen ist an der schmalen Stelle, wo sie liegt, nicht mehr zu denken; es erübrigt nur, sie mit­telst Walzen den Berg hinaufzuschaffen, eine Arbeit, an welche man nächster Tage, gehen will. Die in Folge dieses Unfalles eingetretene Verstimmung vermochte am Montag den 16. d. Morgens, wo die Christusfigur von Ettal nach Oberammergau hinabgeleitet wurde, nur schwer einer festlicheren Stimmung zu weichen.

Das Dorf Oberammergau selbst erwartete die Christusfigur im reichsten Flaggen­schmucke, der, wie es sich für die Feier einer baierischen Königsgabe ziemte, nur in Blau-Weiß bestand. Eine Viertelstunde außerhalb des Dorfes kam der Christusfigur eine in so riesigen Dimensionen geflochtene Krone aus lauter Alpenrosen entge­gen, daß ein Pferd sie ziehen mußte. Mit dieser Riesenkrone und einem nicht viel kleineren Kranze wurde das Gerüste geschmückt. Als sich gegen 11 Uhr Vormittags die Maschine dem Dorfe näherte, erschallte feierliches Glockengeläute; gleich dar­auf empfingen weißgekleidete Mädchen und Jungfrauen, welche Blumen und Krän­ze trugen, Schulknaben, sämmtlich mit blau-weißen Fähnchen ausgestattet, die Feuerwehr, der Veteranenverein, Schützenverein, Turnverein, Gesangverein, endlich der Bürgermeister mit der Gemeindeverwaltung und die Pfarrgeistlichkeit zur Be­grüßung der Christusfigur. Den Mädchen ward ein baierisches Wappen mit der In­schrift: »Heil dem hochherzigen, edlen König Ludwig II.!« den Knaben die Inschrift: »Wahrhaftig ein königliches Geschenk!« vorhergetragen. Der Pfarrer, Bürgermeis­ter und die Vorstände der einzelnen Vereine begrüßten nun jeder mit kurzen Wor­ten das königliche Geschenk, während die Mädchen dasselbe mit Blumen bedeck­ten, worauf sich der Zug wieder in das Dorf zurückwandte.

So gelangte, in feierlicher Weise empfangen und geleitet, unter Gesang, Glocken­geläute und Böllerschüssen die Lokomotive mit der Christusfigur nach Oberammer­gau, wo sie den weiteren Tag über vielfach bewundert wurde. Vom Dorfe aus hat nun der Transport demnächst noch eine neugebaute Straße zu dem links von Ober­ammergau auf einem hübschen Hügel gelegenen Aufstellungsplatz zurückzulegen. Der neuen Straße traut man indeß nicht viele Widerstandsfähigkeit zu, daher die Lokomotive auf halbem Wege umkehren und das Hinaufbringen der Figuren den Walzvorrichtungen überlasten wird.

Der Aufstellungsplatz der Kreuzigungsgruppe ist hübsch gelegen, doch das Posta­ment für die drei Figuren noch nicht aufgestellt; die Enthüllung der Grnppe wird vielleicht im November oder December erfolgen können, wenn der Schnee die jetzt so schöne Gegend wieder bedeckt.

Epheuranken Nr. 98. Belletristische Beilage zur »Bavaria« (Würzburger Abendblatt). Samstag, 21. August 1875.


04-01-51/52 (Cramer & Hauser & Pinggera)