Eos (31.3.1819) / t_1823

Friedrich Heinrich Jacobi*
* Aus der GrabesFeyer bey der Beerdigung Friedrich Heinrich Jacobi’s. k. b. Geheimrathes etc. – München den 12. März 1819.

Friedrich Heinrich Jacobi war der Sohn eines angesehenen Kaufmanns und Fabrik­Unternehmers in Düsseldorf, aber stammend aus einer Familie, in welcher der Be­trieb der Wissenschaften einheimisch war. Nach einer sorgfältigen Erziehung wurde er als Jüngling nach Genf geschickt, um sich zu den väterlichen Geschäften vorzu­bereiten; indeß war der innere Trieb nach vielseitiger Ausbildung, nach Erforschung der Gründe des menschlichen Wissens und Glaubens so vorherrschend in ihm, daß er sich ihm ganz hingab. Er trat in den churpfalz-baierischen Staatsdienst für das Fach der Finanzen und der Leitung des Commerzes, und schloß früh eine sehr glü­ckliche eheliche Verbindung mit einer Tochter aus dem angesehenen HandelsHause Clermont in Aachen. In eine wünschenswerthe Unabhängigkeit versetzt, brauchte er dem StaatsDienst nicht alle seine Zeit und Kraft zu widmen, und behielt die Frey­heit der Lage und des Geistes, um seinen Trieb nach Erweiterung seiner Kenntnisse und nach Erforschung der Gründe des Wissens obliegen zu können. Bald erkannten ihn die scharfsinnigsten und berühmtesten Gelehrten unter seinen Zeitgenossen für ihres Gleichen; schriftstellerische Arbeiten, in freyer Muße und aus innerm Trie­be erzeugt, verbreiteten seinen Ruhm.

Lange Zeit hindurch war in den siebenziger und achtziger Jahren des vorigen Jahr­hunderts sein gastfreyes Haus bey Düsseldorf, so wie der Sitz häuslichen Glücks, so der Sammelplatz vieler ausgezeichneten Männer jener denkwürdigen Periode der deutschen Literatur. Gleich in dem ersten Jahr nach des Kurfürsten Maximilian Jo­sephs III. Tod wurde er nach München berufen, um an den Berathungen über die Administration des Herzogthums Berg, jener gewerbreichen Provinz des damaligen baierischcn Staates, Theil zu nehmen; da war es, wo er diese Stadt zuerst gesehen und hier einen freundlichen Empfang gefunden hatte. Das größte Verdienst indeß, das er sich um die eigentliche StaatsVerwaltung erworben, bestand darin, daß er den Mann, der nachher eine Reihe von Jahren mit der vollen Anerkennung seines Monarchen einen wichtigen und wohlthätigen Antheil an der Verwaltung des Vater­landes in bedenklichen Zeiten nahm, den hochverdienten Heinrich Schenk, dessen Gebeine hier neben ihm ruhen, durch Anleitung und Ermunterung zu der Wirksam­keit beförderlich war, durch welche dieser sich späterhin auszeichnete.

Die Stürme des Krieges zu Anfang der neunziger Jahre bewirkten, daß der Gehei­merath Jacobi mit zwey, durch die innigste Freundschaft ihm verbundenen Schwes­tern in Hamburg und in den dänischen Staaten eine ruhige Stätte suchte. Gegen zehn Jahre hat er dort gelebt, in der Stille die Wissenschaften pflegend und sich der theilnehmendsten Freundschaft ausgezeichneter Menschen erfreuend. Reisen nach England und Frankreich erweiterten in dieser Zeit den Kreis derjenigen, die ihm mit persönlicher Liebe ergeben waren. Vor vierzehn Jahren, als Baiern unter der glorreichen Regierung unsers allverehrten Königs neu aufblühte, nahm er Mün­chen zu seinem Wohnort, wurde bald darauf von seinem Monarchen, der ihn gleich bey der Stiftung des Ordens der baierischen Krone mit dem CommandeurKreuz desselben auszeichnete, an die Spitze der Akademie der Wissenschaften gestellt, und nahm sich ihrer Leitung mit der ganzen Wärme seines edlen Herzens auf das thätigste an. Seit langer Zeit schon mit anhaltenden und oft eine große Heftigkeit erreichenden nervösen AugenLeiden geplagt, erbat er sich vor sieben Jahren Be­freyung von AmtsGeschäften; aber er blieb in steter Theilnahme an dem Reich der Wissenschaften und in steter literarischer Thätigkeit.

Drey Söhne, alle in ansehnlichen StaatSAemtern zu Mainz und Düsseldorf, eine Tochter, verheirathet daselbst, lebten zwar den größten Theil der Zeit getrennt von ihm, aber ihre innigste Anhänglichkeit erfreute ihn auch aus der Ferne her. Noch im vorigen Jahre ward ihm das Wiedersehen mit einigen von ihnen zu Theil, ein Glück, welches er mit innigem Dank gegen die Vorsehung erkannte. Von seinen Söhnen hat er eine zahlreiche Reihe von Enkeln erlebt; zweyen derselben war das Glück be­schieden, die letztern Jahre in dem Hause des verehrten Großvaters zu leben, und durch ihr Gedeihen seinen SpätAbend zu erheitern.

Auch von seinem ältern Bruder, dem in der deutschen Literatur unvergeßlichen Dichter Johann Georg Jacobi in Freyburg, zwischen dem und ihm das innigste Band brüderlicher Freundschaft statt fand, erhielt er einen Besuch in München bald darauf, nachdem er dem Ruf hieher gefolgt war; der Tod desselben schlug vor vier Jahren dem edlen Greise eine tiefe Wunde.

Ein SchwesternPaar von seltener GeistesBildung und Herzensgüte hatte, nach dem betrauerten, vor länger als zwanzig Jahren erfolgten Tod seiner Gattin, sich aus­schließend dem schönen Geschäfte gewidmet, den über alles geliebten Bruder die treueste Pflege zu leisten. Eine innigere Freundschaft, als zwischen diesen drey Ge­schwistern statt fand, kann es auf der Erde nicht geben, aber auch keinen tiefern Schmerz, als die beyden zurückgebliebenen jetzt empfinden!

Sein Herz behielt eine jugendlich-lebendige Theilnahme an allem Guten und Schö­nen in der MenschenGeschichte, in Wissenschaft und Kunst; sein Haus blieb der SammelPlatz älterer und jüngerer Freunde, denn durch treue Freundschaft hat er viele erfreut, und ist hinwieder von vielen erfreut worden. Sie verschönerte noch mit ihrem sanften Glanze den AbendHimmel seines Lebens.

Seinem Könige war er mit der ganzen Innigkeit seines edlen Herzens ergeben, und die reine Freude über die großen RegentenHandlungen, welche jetzt eben der Ge­genstand allgemeiner Bewunderung sind, und über den steigenden Ruhm des Va­terlandes, war die letzte herrschend« Empfindung, die ihn erheiterte und belebte.

Ein ruhmreiches Leben wurde mit einem sanften Tode gekrönt. Ein FieberAnfall, der die ersten Tage nicht bedenklich schien, wurde es durch hinzugetretene Betäu­bung, in welcher der 76jährige Greis am siebenten Tage entschlummerte, und sei­nen Freunden und Verehrern unvermuthet entrissen wurde, indem sie die Hoffnung nähren durften, ihn, trotz den Beschwerden, die vom Alter und einem reizbaren Körperbau unzertrennlich sind, noch eine Reihe von Jahren durch so treue Pflege, als ihm zu Theil geworden war, erhalten zu sehen.

Es folgt ihm von nah und fern eine unendliche Sehnsucht!

Eos Nr. 26. Eine Zeitschrift aus Baiern, zur Erheiterung und Belehrung. Mittwoch, 31. März 1819.


12-02-27 (Jacobi)