Encyclopädie der gesammten musikalischen Wissenschaften (1837) / t_1490

Löhle, Franz Xaver, vor Kurzem noch einer der vorzüglichsten Tenoristen Deutschlands mit angenehmer, kräftig hoher Stimme, dem Einförmigkeit in Spiel und Vor­trag wohl mit Unrecht und falscher Beurtheilung der Sache hie und da vorgeworfen wurde, gegenwärtig K. Baierischer Hof- und Kammersänger, und Vorstand der Cen­tral-Singschule in München, ist geb. am 3. Dec. 1792 in Wiesenstaig, einer kleinen Stadt am Fuße der Alp in Würtemberg. Sein Vater war Chorregent an dem dorti­gen Canonicatstift und zugleich lateinischer Lehrer, dabei ein sehr geschickter Mu­sikus.

Mit 5 Jahren wurde der kleine Xaver von seinem Vater in den Elementen der Musik, namentlich des Gesanges unterrichtet, und nach Verlauf eines halben Jahres mußte er schon auf dem Chore mitsingen. Seine Stimme war gleich Anfangs entschieden Altstimme, und zwar von seltenem Wohllaut. Mit acht Jahren kam er nach Augsburg in das St. Moritzstift und empfing hier gründlichen Gesang- und Schulunterricht, ersteres von dem damaligen Chorregenten, jetzigen Capellmeister am Dom in Augsburg, Witschka, und letzteren zuerst in der St. Martins-, dann in der Frauenschule. 1803 wurde er als Singknabe im Seminarium in München aufgenommen und mußte als Solo-Altist in der Hofcapelle mitsingen, auch die Knabenrollen in der »Zauberflöte«, in »Palme und Amalie« (von Kannabich) und »Axur« übernehmen. Daß er dabei die ausgezeichnetsten Sänger und Sängerinnen Italiens, z. B. Brizzi, Mad. Berdinotti u. A. hörte, wirkte nur günstig auf seinen Vortrag, auch für die Fol­ge.

In München absolvirte er auch das Gymnasium. Während der Vacanz im September 1807 reiste er zu seinen Eltern nach Wiesenstaig. In einem Concerte, das hier we­gen Anwesenheit des Königs von Würtemberg (auf einer Jagdparthie) veranstaltet wurde, erwarb er sich durch seinen herrlichen Contraalt in einer Arie von Sarti des­sen Beifall in dem Grade, daß der König selbst für seine Ausbildung und sein Fort­kommen zu sorgen versprach. Bei seiner Ankunft in Stuttgart im November 1807 wurde er zuerst dem Unterrichte und der Pflege des dortigen Capellmeisters Danzi übergeben, bei dem er bis ins Spätjahr 1809 blieb; dann aber dem damaligen ersten Tenoristen Krebs, dem er denn auch nach seiner eigenen Versicherung ziem­lich Alles verdankt, was er weiß und kann, sowohl in rein künstlerischer als auch wissenschaftlicher Beziehung. Bald wurden ihm zweite und dritte Tenorparthien anvertraut, und im Jahre 1812 sang er das erste Mal den Joseph in »Jakob und seine Söhne.« Er blieb in Stuttgart bis zum Tode seines erhabenen Wohlthäters im Jahre 1816; dann ging er als erster Tenorist nach Hannover, woselbst er sich mit der Tochter des Königl. Hofschauspielers Pauly, die er schon in Stuttgart kennen gelernt hatte, ehelich verband. Aber in demselben Jahre noch erhielt er wieder ei­nen ehrenvollen Ruf als erster Tenorist nach Stuttgart. So reiste er schon im Januar 1818 wieder dahin. Allein im kommenden Mai sang er als Gast in München, und der Erfolg war, daß ihm sogleich ein lebenslänglicher Contract für sich und seine Gattin mit 3500 fl. nebst Pensionsversicherungen angeboten wurde, welchen er denn auch annahm und den 3. März 1819 antrat.

Seit der Zeit nun lebt er in München in den angenehmsten Verhältnissen, machte von dort aus auch mehrere Kunstreisen, wovon die bedeutendsten weiter unten an­geführt werden, bis ihm der Tod seine theure Gattin Sophie, geborne Pauly, den 5. Sept. 1832 entriß. Im Jahre 1833 verheirathete er sich zum zweiten Male; aber auch diese Ehe trennte der Tod seiner Gattin schon den 29. Juli 1836. Im Jahre 1828 stif­tete er den Liederkranz, der schon mehr denn 600 Mitglieder zählte, und bei des­sen Produktionen selbst der Allerhöchste Hof selten fehlte. Die ganze Unterneh­mung verfiel jedoch im Jahre 1834 wieder, nachdem Löhle sich davon zurückgezo­gen hatte. Eine dauerndere und nützlichere Anstalt wurde durch ihn ins Leben ge­rufen in der Centralsingschule, welche jetzt 6 Jahre besteht, und sich immer weiter ausbildet. Zu derselben werden in 3 Cursen jährlich über 120 Zöglinge beiderlei Geschlechts unterrichtet. Bei ihren Produktionen werden gewöhnlich große klassi­sche Vokalmusiken aufgeführt, z. B. achtstimmige Motetten von Bach, achtstimmi­ge große Chöre von Vogler, Palestrina, Orlando di Lasso und anderen großen Meis­tern. Es ist bereits ein Katalog von 100 derartigen Meisterwerken angefertigt, und die Partitur nebst ausgeschriebenen Stimmen liegen zum Gebrauch in der Registra­tur. Die Kosten und Besoldungen der 3 daran angestellten Lehret werden theils aus der Stadtcasse, theils von den Beiträgen der Zöglinge bestritten. Seit seiner Pen­sionirung als Theatersänger (am 1. Nov. 1833) widmete L., aufgemuntert durch den glänzenden Erfolg jener Anstalt, alle seine Zeit dem Unterrichte, und schon manche treffliche Sänger und überhaupt gebildete Musiker sind aus seiner Schule hervor­gegangen. Die immer mehr zunehmende Zahl und Verschiedenartigkeit seiner Zöglinge brachte ihn endlich auch auf den Gedanken, ein förmliches Conserva­torium in München zu errichten, das bereits die Hoffnung hat, als Staatsanstalt an­erkannt und dann wahrhaft großartig zu werden.

Die vorzüglichsten Reisen, die L. in seiner Blüthezeit als dramatischer Sänger von München aus machte, waren: 1820 nach Wien wo er 12, 1822 nach Carlsruhe wo er 8, 1823 nach Carlsruhe wo er 4, 1823 nach Mannheim, wo er 6, 1824 nach Mann­heim, wo er 4, 1826 nach Pesth, wo er 12, 1828 nach Berlin, wo er 4, und 1830 nach Stuttgart, wo er 3 mal sang. In allen diesen Städten hatte er das Glück, sich des un­getheiltesten Beifalls zu erfreuen.

Unter seine besten Leistungen gehörten: Johann in »Johann von Paris«, Othello in »Othello«, Murney im »Opferfeste«, Tamino in der »Zauberflöte«, Max im »Frei­schütz«, Adolar in »Euryanthe« Titus in »Titus«, Bellmont in der »Entführung aus dem Serail«, Blondel in »Richard Löwenherz«, Licinius in der »Vestalin«, Gulistan im »Hulda von Samarkanda«, Hyon in »Oberon«, Johann in den »beiden Füchsen«, Jo­hann im »neuen Gutsherrn« und Mause im »Bettelstudent«.

Als musikal. Schriftsteller in seinem Fache ist er bekannt durch eine »allgemeine Anleitung zu einer Elementar-Musikschule, vorzüglich berechnet für den Gesang nach Pestalozzischen Grundsätzen« (vier Bände nebst Auszug für die Lernenden), welches Werk so eben durch Allerhöchstes Rescript als Lehrbuch in allen Elemen­tarschulen Baierns eingeführt wird. Ferner erschienen von ihm: 24 3stimmige deut­sche Schullieder und eben so viele Kirchenlieder, zwölf deutsche und 12 lateinische Messen, 4stimmig mit Orgelbegleitung, 30 vier- und fünfstimmige Gesänge ohne Begleitung für den Liederkranz, nebst einer Menge Gelegenheitschöre zu Prüfun­gen, Preisvertheilungen, Begräbnissen etc. Alle sind vollgültige Zeugen von der wahrhaften künstlerischen, musikal. Durchbildung ihres Verfassers, mit unverkenn­barer Hervorhebung der besonders pädagogischen Richtung, welche das ihm an­geborne eminente Talent genommen hat.

P.

Encyclopädie der gesammten musikalischen Wissenschaften oder Universal-Lexicon der Tonkunst. Stuttgart, 1837.


12-10-02* (Löhle)