Ein langer Tod / t_431

Während für August Steichele der »Heldentod« vermerkt wird, fehlt auf dem Grab­stein ein Hinweis auf die Todesursache für den so jung verstorbenen 20jährigen Otto. Über die Umstände seines Todes wurde seinerzeit in der Presse berichtet: Bei einer nächtlichen Balgerei in der Ingolstädter Kaserne wurde Otto Steichele von seinem Kameraden Adolf Karl Graf von Holnstein so schwer mit einem Säbel ver­letzt, daß er nach langem Leidensweg (4. August – 28. November) schließlich in München verstarb.

Was aus heutiger Sicht schlicht als tödliche Fahrlässigkeit erscheint, erhitzte damals vor dem Hintergrund des herrschenden Militarismus die Gemüter. Ein allgemein bekannter – und im Artikel der Münchener Ratsch-Kathl erwähnter – Fall mit Sym­bolcharakter war »Der Fall Brüsewitz«: Am 11. Oktober 1896 stieß der Techniker Theodor Siepmann im Karlsruher Cafe »Zum Tannhäuser« versehentlich gegen die Stuhllehne des Premier-Leutnant Henning von Brüsewitz. Die Entschuldigung Siep­manns erschien dem Militär als unzureichend; als er mit dem Säbel auf Siepmann losgeht, fällt ihm der Wirt in den Arm und kann vorerst Schlimmeres verhindern.

Siepmann verläßt auf Zureden des Wirtes das Cafe durch die Hintertür, wird aber von Brüsewitz verfolgt, der den Flüchtenden ersticht. Von Brüsewitz geht in das Lo­kal zurück, erzählt dort den »Vorfall« und tut nach dem Mord noch zwei Tage Dienst. Im Januar 1897 wird er durch das Militärgericht zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und 20 Tagen verurteilt, die er nur zur Hälfte verbüßen muß.


04-12-43 (Steichele)